Schon beim gemeinsamen Frühstück bemerkte Magnus, dass Alec ruhig und in sich gekehrt war. Er versuchte das in sich aufsteigende Gefühl zu ignorieren, denn Jace's Worte vom Vortag hallten noch in seinem Kopf
Du wirst ihm sein verdammtes Herz brechen...
Er ist niemand, denn du benutzen und einfach wegwerfen kannst...
Vielleicht war Jace ein wenig... Nein, eifersüchtig war das falsche Wort, eher angepisst – oder irgendwas dazwischen. Schließlich waren sie hier, weil er unbedacht mit jemandem geschlafen hatte,mit dem er nicht hätte schlafen sollen und Magnus hatte ihm recht deutlich gemacht, was er davon hielt. Außerdem mochte Jace den großen Schwarzhaarigen, auch wenn er es nicht so zeigte. Und er sprach aus, was die Stimme in Magnus' Kopf auch flüsterte... und er fühlte sich wie das größte Schwein auf der Welt.
Allerdings machte er sich weniger Gedanken darüber, dass er Alec nur benutzen könnte. Nein, das tat er nicht. Der jüngere Mann war ihm ans Herz gewachsen, trotz dieser kurzen Zeit. Und das was er im Moment fühlte, ließ sich mit nichts vergleichen, was er jemals für jemanden empfunden hatte. Er war nie ein Kind von Traurigkeit gewesen, doch keiner seiner bisherigen Partner, egal ob männlich oder weiblich, hatte es geschafft ihm so nahe zu kommen wie der schüchterne Alec.
Worüber er sich wirklich Gedanken machte, war die Tatsache das Alec mit dem Gefühl von Schuld gegenüber seiner Frau nicht klar kommen könnte. Und das machte ihn fertig... weil er daran Schuld war.
Sein Blick folgte dem anderen Mann den ganzen Tag. Alec wich ihm nicht aus, aber er schien so in Gedanken versunken, dass er kaum etwas um sich herum mitbekam. Selbst die anderen bemerkten es und Magnus beobachtete hin und wieder, wie eine der Frauen Alec ansprach und dieser mit einem seltsam abwesenden Lächeln antwortete.
Jace hatte sich am nächsten Morgen wieder gefangen und fragte, ob er mit auf die Jagd käme. Magnus lehnte ab, was ihm einen eigenartigen Blick einbrachte. Doch der Blonde sagte nichts und nahm stattdessen Simon mit. Magnus wusste, dass sein Freund ihm noch einmal gründlich die Leviten lesen wollte, doch er hatte im Moment absolut keinen Nerv dafür. Stattdessen ließ er Alec nicht aus den Augen. Dieser joggte, legte sich mit den anderen an den See, redete jedoch nicht viel und suchte auch nicht seine Nähe. Wahrscheinlich hatte er noch nie so viel Zeit im Camp verbracht. Selbst Luke musterte ihn misstrauisch und fragte, ob er krank wäre, weil er noch immer am Tisch saß und düster vor sich hin starrte. Magnus hingegen beachtete ihn kaum und schnitzte weiter mit einem Messer an einem Stock herum. Ihm ging durch den Kopf, dass sie noch nicht einmal vier Wochen hier waren und er noch weitere vier Wochen in diesem verdammten Camp verbringen musste...
Dann sah er Alec in seiner Sportkleidung und wusste, dass dieser eine weitere Runde joggen würde. Wortlos schmiss er sein Messer auf den Tisch und folgte ihm.
Alec hatte es genau bis zu der Stelle geschafft, an der sie das dämliche Spiel gespielt hatten. Zusammengesunken saß er im warmen Sand und vergrub sein Gesicht in seinen Händen. Erschrocken fuhr er zusammen, als Magnus sich neben ihn fallen ließ, denn wie immer hatte er ihn nicht gehört.
„Hey..." sagte der Asiat leise.
„Magnus..." flüsterte Alec und sein Kopf sank wieder auf seine Arme.
„Rede mit mir, Alexander."
„Worüber?"
Worüber grübelst du nach?"
Alec antwortete nicht und Magnus seufzte leise.
„Du fühlst dich scheußlich, weil du deine Frau betrogen hast und nicht weißt, wie und ob du es ihr sagen sollst." sagte er dann. „Du denkst, sie wird dich hassen. Du verabscheust dich selbst, du machst dir Vorwürfe und du hast keine Ahnung wie du ihr jemals wieder in die Augen sehen kannst. Passt das so ungefähr?"
Alec drehte den Kopf ohne ihn von den Armen zu heben.
„Etwas in der Art, ja... Warum hast du keine Freundin... ah, nein, keinen Partner? Du hast doch keinen, oder?"
„Nein." antwortete Magnus leise. „Ich finde, es gehört eine Menge Mut dazu, zu heiraten... und Liebe."
Alec sah ihn nur stumm an.
Magnus beugte sich zu ihm und er sah die Verzweiflung in den golden funkelnden Augen.
„Alexander, das klingt jetzt vielleicht herzlos, aber du bist nicht der erste und einzige Mann, der seine Frau betrügt. Du musst es ihr nicht sagen. Du wirst in vier Wochen in dein normales Leben zurückkehren, vergessen was hier passiert ist und es einfach nicht erwähnen. Glaub mir, das ist einfacher... für dich... und auch für sie..."
Magnus sah eine Träne über Alec's Wange rollen und seine Kehle schnürte sich zu.
„Und ich verspreche dir, es wird nicht wieder passieren."
Alec lächelte schwach.
„Du hast bei deiner Aufzählung etwas vergessen, Magnus."
Seine Augen schlossen sich und er holte tief Luft, ehe er den Asiaten wieder ansah.
„Wie soll ich mit der Erinnerung an etwas leben, dass ich mit Camille nie so erlebt habe?"Wie kann ich jemals wieder mit dem zufrieden sein, dass sie mir gibt?"
Magnus starrte ihn einen Moment fassungslos an, ehe er ein sehr intelligentes „Was?" hervor brachte.
Alec's Gesicht vergrub sich wieder in seinen Armen. Magnus rutschte näher und der Jüngere zuckte nicht einmal zusammen, als sich ein Arm um seine Schultern legte.
„Würdest du mir bitte sagen, was du damit meinst?"
Magnus' Stimme klang seltsam... irgendwie flach.
Alec stieß kurz die Luft aus, ehe er den Kopf wieder hob und hinaus auf das Wasser blickte.
„Camille war die erste und einzige Frau in meinem Leben." begann er leise. „Alles, was ich über... die Dinge im Bett weiß, habe ich entweder aus Büchern, einschlägigen Filmchen oder von ihr. Ich kann nicht sagen, dass es mir nicht gefiel. Camille gab sich Mühe mit mir, sie war sanft und zärtlich, sagte mir immer was ich tun sollte. Ich war der Meinung, dass es für einen Mann und eine Frau dazu gehörte, miteinander zu schlafen."
Er schüttelte mit einem ironischen Auflachen den Kopf.
„Mein Vater meinte, ich würde schon noch lernen es zu genießen."
Magnus schnaubte, entgegnete jedoch nichts."
„Dann begannen meinen regelmäßigen Treffen mit Izzy und die ist sehr mitteilungsfreudig, wenn es um ihre Experimente im Bett geht. Ich habe nie verstanden, was sie meinte... Bei den Engeln, Magnus, ich war wirklich der Meinung auch ohne all das auskommen zu können. Ich habe geglaubt, dass es mir reichen würde mit Camille zusammen zu leben, mit ihr zu reden..."
Er drehte den Kopf und sah den Asiaten an.
„Magnus, wenn es mit Camille so gewesen wäre, wie mit dir..."
Neue Flüssigkeit sammelte sich in seinen Augen, auch wenn er krampfhaft versuchte die Tränen zurück zu halten. Magnus zog seinen Kopf an seine Schulter, als er im Stillen Alec's idiotische Frau verfluchte.
„Ich hab nicht geglaubt, dass es so sein kann." flüsterte Alec erstickt. „Ich werde dich niemals vergessen, Magnus."
Er würde ihn auch nicht vergessen. Seine Hände strichen durch das kurze, wuschelige Haar, während er sich verzweifelt wünschte die Zeit zurückzudrehen und alles ungeschehen zu machen... egal wie gut es war. Er hatte vielleicht sein Leben zerstört.
„Magnus?" fragte Alec nach einer Weile leise und hob etwas den Kopf.
„Ja?"
„Hat... hat es dir... auch gefallen?"
Bei den Engeln, das fragte er noch? Wortlos presste Magnus seine Lippen auf Alec's Mund. Und wieder ging sein Atem schneller, als er sich wieder löste.
„Ja, Darling. Ja, verdammt noch mal."
Alec lächelte schwach, aber irgendwie glücklich. Magnus' Arm lag noch immer um seine Schultern und er lehnte den Kopf gegen Magnus Brust.
„Warum war Jace so wütend?"
Magnus seufzte.
„Er mag dich, auch wenn du das vielleicht nicht glaubst. Er ist wütend, weil er glaubt ich könnte dir wehtun..."
Seine Lippen berührten federleicht die blasse Schläfe und er erzählte ihm wortwörtlich was der Blonde gesagt hatte.
„Er denkt, du bist zu gut für mich." endete er leise. „Und ich glaube, er hat recht. Ich hätte dich niemals anrühren dürfen."
Alec bewegte sich nicht. Er hätte ihn niemals gewähren lassen dürfen... weil er verheiratet war. >Und trotzdem, entgegen dem was ihm sein Verstand sagte, fühlte er sich gerade nicht wirklich schuldig.
„Izzy hat es immer gesagt..." flüsterte er leise, als Magnus verstummt war.
„Sie hat gesagt, ich soll endlich mal jemand anderen ausprobieren... Ich hätte nie gedacht, dass ich das wirklich tue."
„Scheiße..." murmelte Magnus und fühlte das Nicken an seiner Schulter.
Sie blieben noch eine ganze Weile so sitzen. Magnus' Arm lag weiterhin um Alec's Schultern und dieser lehnte sich an den Asiaten, während sie schweigend und jeder für sich ihren Gedanken nachhingen. Irgendwann trockneten auch die vorwitzigen Tränen auf Alec's Wangen und ein missglücktes Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. Magnus drehte den Kopf und sah ihn mit einem genauso schiefen Lächeln an.
Trotzdem dauerte es noch eine ganze Weile länger, bis sie sich aufraffen konnten und zum Lager zurück schlenderten. Es war Magnus, der nach Alec's Hand griff und ihre Finger miteinander verflocht. Alec lächelte kurz und wieder sehr missglückt, aber er zog seine Hand nicht zurück. Eher genoss er die Augenblicke, in denen er so mit Magnus verbunden war, wie niemals zuvor mit einer anderen Person in seinem Leben.
Magnus schien es zu erahnen, denn kurz bevor sie das Camp betraten, hielt er noch einmal an, zog Alec's Hand an seine Lippen und küsste sie, ehe er losließ und sie weiter gingen.
Alles schien noch schwieriger geworden zu sein als vorher...
Magnus hätte nie für möglich gehalten, dass es so schwierig sein könnte, das an Alec gegebene Versprechen zu halten. Dieser redete mit ihm, er hörte dessen Lachen, er sah das Funkeln in den grünbraunen Augen und er kämpfte gegen sich selbst. Wenn er die Augen schloss, sah er Alec's Gesicht, roch seinen Duft und wünschte sich, einfach dem nachgeben zu können, was sein Körper im sagte. Er träumte von ihm und er verstand nicht, was mit ihm los war.
Warum bei ihm? Warum nicht bei einem der unzähligen Partner und Bettgeschichten davor. Sie hatten alle blendend ausgesehen, manche besser als Alec... heißer, erotischer... Warum also bei ihm? Warum ein verheirateter Mann?
Manchmal sah Alec ihn an, als würde er sein Grübeln bemerken oder als würde er die Bedeutung seiner Blicke verstehen.
Jace verstand ihn genauso wenig. Er hatte gegen Mittag des nächsten Tages leise gezischt, dass er aufhören solle Alec anzusehen, als würde er ihn verschlingen wollen. Magnus war regelrecht erschrocken. Jace war nicht unbedingt sensibel und wenn er es schon bemerkte, musste es mehr als offensichtlich gewesen sein. Allerdings schien es keinem der anderen aufgefallen zu sein. Jocelyn sagte nur einmal kurz, sie wäre froh, dass er sich wieder mit Alec vertragen würde. Er hatte ihr nicht geantwortet, da er gar nicht gewusst hatte, dass sie sich gestritten hatten.
Jetzt tollte Alec mit Clary und Aline im Wasser herum, während Magnus neben Jace und Simon am Ufer saß. Magnus' Blick ließ ihn nicht los. Noch vor vier Wochen hätte niemand geglaubt, dass Alec sich mal so ausgelassen zwischen fremden Menschen bewegen würde. Dieser hatte ihm sogar gestanden, dass er die Badehose hasste, die er trug und die Izzy für ihn ausgesucht hatte.
Camille wollte ihn höchstens in unförmigen Boxershorts sehen und Magnus hatte wieder einmal für sich festgestellt, dass diese Frau eine Riesenidiotin war. Alec sah fantastisch in der engen Badehose aus und er nahm an, dass Camille nicht wollte, dass jemand anderes ihm bewundernde Blicke zuwarf und er vielleicht bemerken könnte, dass es jede Menge mehr Frauen und auch Männer gab, die er haben konnte.
Alec war braun geworden, aber das waren sie alle. Und irgendwie war mit voran schreitendem Urlaub der Drang etwas zu unternehmen verschwunden. Selbst Magnus raffte sich immer seltener auf und nun schon gleich gar nicht, weil es bedeutet hätte Alec allein im Lager zu lassen.
Womit er wieder bei seinem Problem angelangt war...
Alec kam wieder ans Ufer, als Simon Maia johlend ins Wasser folgte, und ließ sich neben Magnus auf sein Handtuch fallen. Kleine Wasserperlen spritzen in Magnus' Gesicht und dieser zwang sich gewaltsam dazu, auf das Wasser zu schauen und nicht auf die Alec's nasse Haut.
„Ich bin noch nie so oft baden gewesen." sagte Alec plötzlich lächelnd. „Und ich war auch noch nie so braun."
Magnus lächelte leicht.
„Ich dachte, ihr habt einen Pool?"
„Hmm." murmelte Alec nur und wich seinem Blick aus. „Camille wollte nicht, dass ich da den ganzen Tag rumliege."
Magnus biss die Zähne zusammen und fing sich einen warnenden Blick von Jace ein.
„Dafür kannst du das hier um so mehr." antwortete der Blonde leichthin, ehe er aufstand und zu seinem Freund mit der bronzefarbenen Haut hinunter blickte.
„Ich könnte jagen gehen."
Magnus nickte.
„Dann tu das."
„Mit dir zusammen." brummte Jace.
„Du kannst das alleine auch recht gut." grinste der Asiat.
„Heb' deinen Hintern hoch und komm mit." fauchte der Blonde überraschend aggressiv und Magnus' Augen verengten sich.
„Hört endlich auf zu streiten, ihr zwei." fuhr Helen dazwischen. „Ihr könntet euch endlich wieder vertragen. Magnus und Alec haben das schließlich auch."
Jace fing an zu husten, Alec wurde puterrot und selbst Magnus wusste nicht wo er hinschauen sollte. Ohne ein weiteres Wort stand er auf und folgte seinem Freund.
DU LIEST GERADE
Mit ein bisschen Hilfe
Fiksi PenggemarSein ganzes Leben lang hat er getan, was man von ihm erwartet hat. Job, Karriere, Ehe - immer der gehorsame Sohn und der treusorgende Ehemann. Doch als seine Schwester ihn auf eine unverhoffte Urlaubsreise schickt, stellt das sein gesamtes Leben auf...
