Kapitel 6

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Inzwischen waren auch die anderen aus ihren Hütten gekrochen und reges Treiben herrschte an der Feuerstelle. Jeder hatte sich eine Aufgabe für das Zubereiten des Frühstücks gesucht. Die Frauen beschäftigen sich damit den Teig für Pfannenbrot vorzubereiten und Eier aufzuschlagen. Simon schnitt Schinken und ein wenig Fleisch, während Magnus Obst in mundgerechte Happen zerkleinerte. Dennoch glitt sein Blick immer wieder zu den beiden ungleichen Männern, die inzwischen dazu übergegangen waren die Kochstelle zu befeuern und Bacon sowie kleine Würstchen in einer Pfanne zu braten.
Leise seufzte Magnus. Nach der Unterbrechung durch Maia hatten Jace und er nicht die Gelegenheit gehabt ihr Gespräch zu beenden. Aber der Asiat wusste, dass er das sehr bald nachholen musste. Auch wenn er noch immer eine unterschwellige Wut auf den blonden Schönling verspürte, so war er doch einer seiner besten Freunde und er liebte ihn als solchen. Sie waren wie Brüder und er vermisste die Unbeschwertheit zwischen ihnen. Seit dem verhängnisvollen Vorfall sprachen sie nur noch das Nötigste miteinander und das belastete ihn sehr.
„Sag mal, Alec, wie alt bist du eigentlich?" ertönte plötzlich die Stimme des Blonden, was Magnus unbewusst dazu veranlasste sich etwas aufrechter hinzusetzen und aufmerksamer zuzuhören.
„26..." erklang die leise Antwort.
Aus dem Augenwinkel konnte Magnus sehen, wie Jace sich aufrichtete und den großen Dunkelhaarigen von der Seite ansah.
„Wow, und dann schon vier Jahre verheiratet? Dann muss sie wohl die große Liebe sein." lachte der Undercut und kratzte sich am Kinn. Doch ein kurzer Blick in die Richtung der beiden genügte, um dem Asiaten zu zeigen dass etwas nicht stimmte. Für einen ganz kurzen Moment wirkten Alec's Gesichtszüge versteinert und seine Augen ausdruckslos. Oder bildete er sich das nur ein?
„U-und ihr? Wie alt seid ihr?" versuchte Alec das Thema nur einen Moment später zu umgehen, was Magnus kurz irritiert blinzeln ließ. Dann jedoch schenkte er den Größeren ein leichtes, aufmunterndes Lächeln.
„Hmm, gute Frage... wir drei sind alle 28, wobei Magnus demnächst 29 wird. Mädels, wie sieht es bei euch aus?"
„Clary und ich sind knackige 27." antwortete Maia grinsend, während der Rotschopf bestätigend nickte.
„Aline?"
„Helen und ich sind ebenfalls 28."
„Tja Alec, das macht dich dann wohl zu unserem Küken." grinste nun auch Simon.
„K-küken?" kam die unsichere Frage, begleitet von einem leichten Rotton in den Wangen.
„Der Jüngste von uns."
„Oh...okay."
Etwas betreten senkte er den Blick und einen Moment schien es, dass er nicht wusste wie er damit umgehen sollte.
„Hey, Kopf hoch Kleiner, wir passen schon auf dich auf." grinsend schlug Jace dem größeren Mann gegen die Brust, ehe er sich wieder daran machte die Würstchen auf dem Grill zu wenden. Alec hingegen stand etwas verloren neben ihm. Küken? Kleiner? Noch nie hat ihn jemand so genannt. Es machte ihm nicht aus, der Jüngste in der Gruppe zu sein. Das war er eigentlich fast immer. Es gab nicht viele junge Leute auf seiner Ebene der Geschäftswelt und auch seine Frau war ein paar Jahre älter. Aber nie wurde es so offen thematisiert. Er würde es wohl einfach so hinnehmen, auch wenn er sich nicht wirklich wohl damit fühlte.

Die nächsten Tage verliefen alle ziemlich gleich.
Alec schlief noch immer nicht wirklich gut, auch wenn ihn zwischendurch die Erschöpfung in den Schlaf trieb. Noch immer war er morgens der Erste, der aus seiner Hütte kam und sich einen Moment der Ruhe gönnte, während er den morgendlichen Nebel und den Sonnenaufgang über dem Camp beobachtete. Danach setzte er Wasser für Kaffee und Tee auf und bereitete je eine große Thermoskanne zu - wobei er mit jedem Tag besser und sicherer darin wurde. Es beruhigte ihn diese Tätigkeit ohne die - für sein Empfinden - prüfenden Blicke der anderen durchzuführen. In ihrer Gegenwart fühlte er sich noch immer so unwohl, dass ihm diese morgendliche Routine das Gefühl von Sicherheit gab.
Bald darauf gesellten sich auch Luke und Jocelyn zu ihm und begannen mit den Vorbereitungen für das Frühstück. In dieser Zeit beschäftigte er sich mit Holz hacken, was dann so nach und nach auch die anderen weckte. Insgeheim musste er darüber schmunzeln, denn irgendwie war das Geräusch der auf Holz treffenden Axt innerhalb kurzer Zeit zum inoffiziellen Frühstückssignal geworden. Manchmal wechselte er sich mit Jace ab, sobald dieser seinen ersten Kaffee getrunken hatte, manchmal übernahm auch Luke.
Gemeinsam wurde gekocht und hinterher wieder aufgeräumt.
Sobald wieder halbwegs Ruhe eingekehrt war und nichts wichtiges im Lager mehr anstand, zog Alec sich auf einen Spaziergang zurück. Am Morgen nach dem Gespräch am See hatte er sich noch einmal mit Jocelyn unterhalten und ihr stotternd zu verstehen gegeben, dass er durchaus versuchen würde den Urlaub durchzuhalten. Vielleicht würde er ja wirklich mit ein wenig mehr Selbstvertrauen nach Hause gehen können. Aber ebenso hatte die ältere Frau ihn überrascht. Sie hatte ihm in einem unbeobachteten Moment wortlos ein Bündel in die Hand gedrückt. Erstaunt hatte er festgestellt, dass es sich dabei um einen Bogen und einen Köcher voll mit Pfeilen handelte.
„Ich habe deinen Blick gesehen." hatte sie ihm lächelnd zu verstehen gegeben. „Ich bin mir sicher, du findest einen Platz zum Üben."
Damit hatte sie ihn stehen lassen.
Bei seinem ersten Erkundungsgang auf der Hauptinsel hatte er tatsächlich eine kleine, abgeschiedenen Bucht gefunden, umsäumt von halbhohen Klippen und Felsen, die den Wind abhielten. Der kurze Strandabschnitt war mit fast weißen Sand bedeckt und vereinzelte Bäume standen am Rand. Der letzte Sturm schien Treibholz an Land gespült zu haben, dass nun in der Sonne trocknete. Mit ein wenig Kraftaufwand hatte er dieses weiter den Strand hinauf gezogen und sich als Zielscheiben aufgestellt. Also joggte er jeden Morgen dort hin und verbrachte einige Stunden damit einen Pfeil nach dem anderen abzuschießen. Natürlich würde er noch lange für seine einstige Bestform brauchen, aber langsam kehrte sein Gefühl für die einfache Waffe zurück.
Gegen Mittag machte er sich wieder auf den Rückweg zum Camp, wobei er immer einen kleinen Umweg nahm und versuchte ein wenig Obst, Beeren oder zumindest etwas Feuerholz mitzubringen. Da in der Mittagshitze niemand wirklich kochen wollte oder Appetit auf etwas Warmes hatte, bestanden diese Mahlzeiten aus frischem Obst und rohem Gemüse.
Für die Zeit danach plante er nichts spezielles. Einen Nachmittag begleitete er Jocelyn und einige der anderen auf einer kleinen Erkundungstour und ließ sich etwas über die auf der Insel wachsenden Kräuter und Pflanzen erzählen. Es interessierte ihn durchaus, schon allein um die Ernährung etwas abwechslungsreicher zugestalten.
Einen anderen Nachmittag half er dabei die Lampen und Lichter mit neuen Kerzen zu bestücken, wobei sie die Wachsreste sammelten. Magnus hatte erzählt, dass in den acht Wochen genug zusammen kommen würde, dass man neue Kerzen daraus herstellen könnte.
Und einmal begleitete er Simon eher versehentlich zu einem kleinen Angelausflug, dabei hatte er nur seine Hilfe beim Tragen anbieten wollen. Da er den anderen Mann jedoch nicht vor den Kopf stoßen wollte, war er danach geblieben. Das Ganze entwickelte sich schließlich zu einer interessanten Erfahrung. Sie fingen... nichts, was daran liegen könnte, dass Simon die ganze Zeit am Reden und wild gestikulieren war, während er von irgendwelchen Serien und Filmen in und über den Weltraum erzählte, von Sternenkriegern und Leuten mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, die sich Jedis nannten. Aber wenigstens musste er nicht viel mehr tun als hin und wieder begeistert zu nicken.

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