⁰²⁹ 𝐞𝐬𝐜𝐚𝐩𝐢𝐬𝐦

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𝐒𝐄𝐀𝐓𝐓𝐋𝐄, 𝟐𝟎𝟎𝟓

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𝐒𝐄𝐀𝐓𝐓𝐋𝐄, 𝟐𝟎𝟎𝟓

Zehn Jahre später und es war wieder Halloween, aber die Magie war weg und für mich gab es statt Süsses nur Saures.

Stattdessen saßen wir in Joe's Bar in Seattle, Kilometer entfernt von dem Fenstersims in New York, das beinahe die Bühne für den größten Fehltritt meines Lebens geworden wäre.

Mom hatte mich unter dem Vorwand 'Mädels-Abend' in die Bar gelockt. Aber für einen Mädels Abend hatte mein Dad eindeutig ein Y-Chromosom zu viel.

Da sass ich nun auf der Eckbank, den zwei Menschen gegenüber, die mich erschaffen hatten, aber immer noch nicht wirklich wussten, wer ich war. Meine Mutter und mein Vater, von dem ich immer noch glaubte, dass er ein Fremder war.

Eine Bar? Ernsthaft?
So stellt man eine Familie wieder her?

Er trank wie immer Scotch, meine Mutter irgendetwas Buntes, das nach einer Mischung aus Eheproblemen und Reue aussah.

Und ich? Eine Cola. Kindergerecht. Jedes Glas schien wie ein Mahnmal unserer verpassten Chancen.

Mein Dad versuchte das Eis zu brechen.

"Also, Missy, wie findest du Seattle bis jetzt? Es ist ganz anders als New York, oder?"

Ich ließ meine Cola nieder und sah ihn mit halbem Interesse an. "Es hat seine Momente. Wie zum Beispiel jetzt, wo ich in einer Bar sitze, anstatt Süßigkeiten zu sammeln. Super retro, nicht wahr?" Er lachte nervös, unsicher, wie er mit dieser fremden, verbitterten Version von mir umgehen sollte.

Meine Mom sah von ihm zu mir, als würde sie in unseren Worten nach einem Funken der liebevollen, vertrauten Beziehung suchen, die einst zwischen einem Vater und seiner Tochter existiert hatte.

Doch schliesslich, als sie ihn scheinbar nicht finden konnte, seufzte sie. "Hattest du nicht noch ein paar Freunde von der neuen Schule mitbringen wollen?"

"Meine Freunde sind imaginär und zu einer besseren Party gegangen," erwiderte ich trocken und nahm einen weiteren Schluck aus meinem Glas. Und wäre es etwas alkoholisches gewesen, hätte es bestimmt so dramatisch gewirkt, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Das Ding ist, Halloween war immer eine Erinnerung für mich. Eine Erinnerung daran, wie weit ich von der kleinen Fee gefallen war, die an die Magie glaubte.

Dad ließ es nicht locker. "Weißt du, Halloween war immer eine besondere Zeit für uns als Familie."

Ich schaute ihn an und konnte nicht widerstehen. "Wusstest du, dass Kinder, die von ihren Eltern in Bars mitgenommen werden, später eine um 50% höhere Wahrscheinlichkeit haben, selbst alkoholabhängig zu werden?"

Er und Mom tauschten einen schnellen, unbehaglichen Blick. Ich hob defensiv die Hände. "Statistik. Nicht ich."

Manchmal sagt ein sarkastischer Kommentar mehr als tausend Worte und manchmal trifft er genau ins Schwarze.

Aber Dad gab sich Mühe, wirklich sehr viel Mühe. Mehr als ich es je in Erinnerung hatte und definitiv mehr als erwartet hatte.

"Du hast schon lange kein Halloween mehr gefeiert, oder? Wir könnten das ändern, nächstes Jahr. Hast du schon eine Idee, was du sein möchtest?" Derek's Stimme versucht die Kluft zwischen uns zu überbrücken, aber sie fiel ins Leere.

"Eine Amnesie-Patientin," antwortete ich kalt, "so könnte ich wenigstens vergessen, dass ich hier bin."

Derek sah mich an, seine Augen ein Rätsel aus Sorge und Selbstvorwurf, während Addison die Luft durch ihre Zähne einzog, als würde sie einen unsichtbaren Schlag einstecken.

Er räusperte sich unbehaglich, beschloss, dass er mit fragen nicht weit kommen würde und lenkte das Gespräch auf eines seiner Lieblingsthemen: sich selbst.

"Ähm, also ich hatte heute einen wirklich interessanten Fall. Ein 17-jähriger Junge mit einem Gliom. Wir haben eine Kraniotomie durchgeführt, und ich muss sagen, es war ein Erfolg."

Ich fuhr mit dem Zeigefinger am Rand meines Glases entlang, die Eiswürfel klirrten leise. "Ist ja irre," sagte ich, das Interesse in meiner Stimme flach wie ein 12-Kanal-EKG bei Asystolie.

"Missy, das war eine riskante Operation." intervenierte Addison, ihre Augen waren besorgt, aber fest, "Dieser Junge wird jetzt normal weiter leben können."

"Wie schön für ihn. Schreib mir seine Adresse auf, damit ich Blumen schicken kann."

Da platzte meiner Mutter der Kragen. "Missy, das reicht jetzt. Wir versuchen hier, ein normales Gespräch zu führen."

Ein sarkastisches Lachen, durchtränkt von Bitterkeit und Verachtung, entwich meinen Lippen.

"Wir versuchen, ein normales Gespräch zu führen? Dann fehlt ja nur noch der Hund, der Apfelkuchen und der weiße Lattenzaun, und wir sind die perfekte Bilderbuchfamilie."

"Genug jetzt, Missy." befahl Mom mit einer Schärfe, die ich lange nicht mehr gehört hatte. "Setz dich hin,"

Aber ich war schon aufgestanden. "Wisst ihr was? Ich glaube, ich brauche etwas frische Luft."

Ohne ein weiteres Wort stürmte ich aus der Bar, die schwere Tür hinter mir zuschlagend, und ließ meine Eltern zurück, die im Dunkeln tappten, genau wie in all den Jahren zuvor.

Es ist eine Sache, eine Familie zu zerbrechen; es ist eine andere, zu erwarten, dass sie sich einfach so wieder zusammensetzt.

Und ich, ich war nicht bereit, die Klebstoffrolle zu übernehmen. Nicht jetzt.


 Nicht jetzt

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𝐒𝐭𝐚𝐫𝐠𝐢𝐫𝐥  |  ᵍʳᵉʸˢ ᵃⁿᵃᵗᵒᵐʸWo Geschichten leben. Entdecke jetzt