"Nennen Sie bitte Ihren vollständigen Namen, mitsamt Titeln und aktueller Tätigkeit.", schallte eine ernste Stimme durch den großen Saal. "James Cullen Davy. Ich bin Private in der Armee ihrer Majestät. Momentan ist meine Ausbildung allerdings pausiert.", antwortete ich nervös. Der Richter blickte mich misstrauisch an. "Pausiert? Können sie mir erklären warum?", entgegnete er forsch. Ich blickte in das lose Publikum. Sowohl Caulfield, als auch Peekhawk saßen in der ersten Reihe. Ich erinnerte mich, was Caulfield mir vor der Verhandlung eingeschärft hatte. "Ich bin derzeit Teil eines Sondereinsatzkommandos, welches von der königlichen Armee in Kooperation mit der britischen Regierung unterhalten wird. Wir agieren als eine Art Späher möglicher Gefahren für das Königreich. Unsere Aufträge sind streng geheim.", entgegnete ich vorsichtig. Der Richter nickte und blickte auf einige Unterlagen, welche vor ihm auf seinem Tisch verstreut lagen. "Diesbezüglich wurden wir bereits von ihrem Vorgesetzten informiert. Zwecks Geheimhaltung findet diese Verhandlung unter Ausschluss von Öffentlichkeit und Presse statt, um die nötige Diskretion zu gewährleisten. Allerdings soll es heute auch nicht um ihr genaues Dienstverhältnis gehen, sondern um jene Geschehnisse vom 27.07.1883." Ich musste schlucken. Ein eiskalter Schauer jagte mir den Rücken hinunter. Orientierungslos blickte ich erneut in das spärliche Publikum. Sir Caulfield blickte mich direkt an. Er schien zu wissen, was gerade in mir vorging. Dann drang erneut die ernste Stimme des Richters an mein Ohr: "Mr Davy, fühlen sie sich bereit, uns von besagten Tag zu berichten?", fragte er mich leicht ungeduldig. Ich schluckte. Ich holte einmal tief Luft und begann dann zu erzählen:
An jenem Tag wurde ich von Wildes Schlägen gegen meine Zimmertür geweckt. Ich hatte schlecht geschlafen. Wir waren alle relativ angespannt. Unsere heutige Mission würde über das Schicksal des britischen Empires entscheiden. Diese Verantwortung lag mir schwer im Magen. Beim Frühstück bekam ich keinen Bissen hinunter. Um kurz nach Eins ging unser Zug in Richtung Wiltshire. Unserer Information zufolge sollte die Waffenlieferung kurz nach der Dämmerung stattfinden. Wir wollten die übrige Zeit nutzen, um unauffällig die Umgebung zu observieren. Allerdings hatten wir die Natur in diesem Teil Englands leider ein wenig unterschätzt. Abseits einer leicht einsehbaren Straße war das Dickicht schwer zu durchkämmen, wodurch wir erst am späten Nachmittag einen ersten Blick auf die Lagerhalle werfen konnten. Dieser Teil des Waldes war wie ausgestorben. Kein Vogel war zu hören, kein Knacken im Unterholz. Als hätte die Natur den Atem angehalten. "Gruselig ist es hier.", sagte Harker sichtlich nervös. "Aber ein perfekter Ort für eine geheime Waffenlieferung, abseits jeglicher Gesellschaft. Das muss man Lead lassen.", entgegnete Wilde leise. Verlassen stand das Lagerhaus inmitten einer kleinen Lichtung im Wald. Der Wind pfiff durch die morschen Balken des Daches. Trotzdem wirkte das Gebäude durchaus stabil. Es schien zumindest ab und zu repariert und grob in Stand gehalten zu werden. Wir machten es uns, mehr schlecht als recht auf dem harten Waldboden gemütlich und warteten. Es verging Stunde um Stunde, das Sonnenlicht verschwand langsam zwischen den dichten Ästen der Bäume. Ein gewisses Gefühl der Skepsis wuchs in uns heran. Waren wir Crowley auf den Leim gegangen?
Doch dann, kurz bevor ich vollends jegliche Hoffnung aufgab, hörten wir plötzlich Geräusche aus der Richtung der kleinen Straße. Vorsichtig verschafften wir uns einen besseren Blick. Ein Zweispänner bahnte sich seinen Weg durch das Dunkel des Waldes. Hinter sich zog er einen großen Wagen, welcher über und über mit Fässern und Kisten beladen war. Das musste besagte Waffenlieferung sein. Ich blickte in Harkers Richtung. Auch er schien zu diesem Schluss gekommen zu sein. Mit gewissem Abstand verfolgten wir den Wagen parallel zur Straße im Schutze der Büsche. Er fuhr geradewegs zur Lagerhalle. Ich warf einen kurzen Blick auf meine Taschenuhr. Es war bereits kurz nach elf. Der Kutscher bremste direkt vor dem Haupttor der Halle. Mit etwas Schwung sprang er vom Bock, strich im Vorbeigehen mit der Hand kurz über eines seiner Pferde und klopfte dann an die Tür der Halle. Dann erneut- Stille. Wenig später klopfte er erneut. Nervös blickte sich der Mann um. Wütend schien er einige Worte zu murmeln, mir war allerdings vollkommen unmöglich nachzuvollziehen, was er gesagt hatte. Nach dem dritten Klopfen öffnete sich plötzlich die große Tür mit einem lauten Knarren. "Ihre Lieferung, wie gewünscht.", sagte der Kutscher sichtlich genervt. Aus der Entfernung konnte ich die Gestalt in der Tür nur schemenhaft wahrnehmen. Außer seiner aufrechten Statur und seiner durchschnittlichen Körpergröße konnte ich nichts weiter erkennen. Der Schatten schien den Kutscher aufzufordern, die Kutsche in die Halle zu fahren. Langsam setzte sich das Gefährt in Bewegung und verschwand im Dunkeln. Nun war es wieder still. Wir wagten kaum, auch nur ein Geräusch von uns zu geben.
Ich blickte zuerst zu Harker, dann zu Wilde. "Was machen wir jetzt?", fragte Harker nervös. Seine Stimme zitterte ein wenig. "Wir folgen ihnen natürlich!", antwortete ich hastig. Entgeistert blickte Wilde mich an. "Das meinen sie doch hoffentlich nicht ernst, oder?" "Natürlich, wir müssen wissen, das dort drin vorgeht!" "Sicher, dass sie nicht ihren Rachegefühlen nachgehen wollen?" Ich warf Wilde einen bösen Blick zu. Wie konnte er es wagen? "Hören sie mir zu, ich weiß nicht was gerade nicht mit ihnen stimmt, aber es geht hier um Englands Sicherheit. Es geht nicht um meine Rachegefühle, sondern darum das Leben Tausender zu retten. Haben sie mich verstanden?", entgegnete ich ernst. "Ich habe ein sehr ungutes Gefühl bei der Sache. Sie haben doch nicht die geringste Ahnung, was uns dort drin erwarten könnte. Wir könnten in einen Hinterhalt geraten. Und im Übrigen- Wer hat sie eigentlich plötzlich zu unserem Anführer auserkoren?" Ich spürte das Blut in meinen Venen förmlich beben. "Einen Hinterhalt halte ich ehrlicherweise für wenig wahrscheinlich.", mischte sich nun auch Harker ein. "Erinnere dich an Crowleys Worte: Lead braucht Davy. Selbst wenn er das alles geplant hätte, würde er uns kein Haar krümmen." Wilde rümpfte die Nase. Ich sagte kein Wort.
Nach wenigen Sekunden der Stille drehte ich mich um und wagte mich vorsichtig in Richtung Lagerhalle. "Folgen sie mir, oder lassen sie es bleiben.", waren meine letzten Worte, bevor ich im Unterholz verschwand. Die beiden flüsterten kurz, dann folgten sie mir. Leise hörte ich, wie sich Wilde über mich echauffierte. Das war mich allerdings offen gestanden ziemlich egal. Lead musste Einhalt geboten werden.
Langsam näherten wir uns der Lagerhalle von hinten. Unsere Lampen hatten wir sicherheitshalber gelöscht. Das Mondlicht bot nur spärliches Licht. Vorsichtig tasteten wir die Wand nach Öffnungen ab. Es dauerte nicht lange, bis ich eiliges Geflüster von Harker wahrnahm. Er schien etwas gefunden zu haben. Einige Balken der doch recht soliden Wand waren durchgebrochen- gerade so groß, dass ein Mensch sich hindurch zwängen konnte. "Das ist viel zu riskant.", flüsterte Wilde, während ich mich durch die Öffnung drückte. Ich ignorierte ihn weiter. Wilde und Harker folgten mir ins Innere. Hier war es nun stockfinster. Ich spürte nur das Nachgeben der Holzbohlen unter meinen Füßen und einen leichten Windzug auf meiner Wange. Ich drehte meine Lampe etwas auf, sodass wir zumindest ein wenig sehen konnten. Wir befanden uns anscheinend in einer alten Abstellkammer. Überall waren Spinnenweben. Alte, vergilbte Dokumente lagen auf dem Boden verstreut. Auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes war eine Tür mit einem verstaubten Türgriff. Er schien seit Jahren nicht mehr bewegt worden zu sein. Vorsichtig öffnete ich die Tür. Ein leises Quietschen hallte durch den Raum. Wir schlichen durch einen ebenso heruntergekommenen Flur. Überall lag Unrat. Einige Ratten streiften unsere Wege.
Plötzlich nahm ich ein lautes Knarren war. Augenblicklich löschte ich meine Lampe. Dann erneut- ein Knarren ganz in der Nähe. Ich drehte mich zu Wilde und Harker um. Ich erkannte sie nur anhand ihrer Silhouetten, die sich nur schemenhaft von der sonstigen Finsternis abhoben. Da war es erneut, dieses Knarren. Langsam bewegten wir uns auf die Geräusche zu. Dies führte uns zu einer geöffneten Tür, welche in die große Haupthalle des Lagerhauses führte. Diese sah deutlich benutzter aus, als der Rest der Räumlichkeiten. Auch wurde hier nachträglich elektronisches Licht installiert- von der Decke hingen Glühbirnen. Über eine verrostete Stahltreppe konnte man eine zweite Ebene erreichen. Von dort hatte man Zugang zu einem Büro und dem riesigen Hebekran, dessen Kralle bedrohlich in der Luft schwebte. Überall lagen gestapelte Kisten oder dicke Beutel verstreut. Hinter einem dieser Stapel versteckten wir uns. Durch ein Loch in der Decke bahnte sich das silbrige Mondlicht, durch die vom Staub getrübte Luft, seinen Weg bis zur Mitte des Raums. Die feinen Staubpartikel funkelten dabei wie kleine Lichter.
Genau dort, inmitten dieses funkelnden Lichtkegels, stand ein Mann. Gehüllt in einen dunklen Trenchcoat, verziert mit etlichen schimmernden Metallverzierungen. Sein Gesicht war verdeckt. Das Licht brach sich mehrfach in einer silbernen, unheimlich anmutenden Maske. Bisher wagte es nur meine Fantasie, sich die Gestalt dieser Person auszumalen. Doch die Realität übertraf selbst meine kühnsten Vorstellungen.
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Three Pillars
AdventureDer junge Soldat James Davy staunt nicht schlecht, als er im März des Jahres 1882 zu seinem Vorgesetzten und persönlichen Helden Jonathan Peekhawk zitiert wird. Das britische Empire ist in Gefahr- und er soll helfen es zu retten! Zusammen mit dem da...
