Die folgenden Tage verliefen schleppend. Ich konnte nicht wirklich schlafen, immer wieder hatte ich Albträume. Genauso in jener verhängnisvollen Nacht...
Erneut wachte ich schweißgebadet auf. Es war mitten in der Nacht. Mein Kopf dröhnte. Immer wieder hörte ich die Schreie der Menschen aus Scherlingen. Immer wieder sah ich die gewaltigen Flammen vor meinen Augen. Sah wie die Häuser langsam davon verschlungen wurden. Doch eine Sache hatte sich besonders in mein Gedächtnis gebrannt: Crowleys Gesichtsausdruck, als Wagner das Dorf in einen einzigen Feuerball verwandelte. Dieser blanke Hass, dieses pure Entsetzen. Irgendwo in seiner Brust schien doch ein verkümmertes Herz zu schlagen.
Ich zog mich an, an Schlaf war nicht zu denken. Ein Blick auf die Taschenuhr meines Vaters verriet mir, dass es gerade einmal kurz vor 2 Uhr war. Leise verließ ich mein Zimmer. Auf dem Weg kam mir der Butler Alfred entgegen. "Mr Davy, kann ich Ihnen helfen?", fragte er mich besonnen. "Nein, vielen Dank. Ich mache nur einen kleinen Spaziergang um den Kopf freizubekommen. Legen Sie sich schlafen.", entgegnete ich ihm freundlich. "Selbstverständlich, Mr. Davy Passen Sie auf sich auf."
Ich verließ das Haus. Die Straßen der Stadt waren menschenleer. Der Mond stand hell am Himmel. Gedankenverloren streifte ich durch die Gassen der Stadt. Bereits nach kurzer Zeit verlor ich die Orientierung. Ich versuchte mich an den Geräuschen der vorbeifahrenden Schiffe zu orientieren und fand mich letztendlich an einem Kai der Themse wieder. Meine Oberschenkelverletzung begann mittlerweile zu schmerzen. Ich blickte mich um. Aus einem heruntergekommenen Lokal auf der gegenüberliegenden Straßenseite drang lautes Gerede und etwas Musik. Eine kleine Pause würde nicht schaden, dachte ich mir und trat ein. Für diese späte Uhrzeit war der Raum brechend voll. Ein Geruch von Tabak und billigem Fusel lag in der Luft. Von vielen Seiten wurde ich misstrauisch beäugt. Im Gegensatz zu dem durchschnittlichen Milieu in dieser Gegend musste ich wie die Queen höchstpersönlich ausgesehen haben. "Was macht'n so'n feiner Pinkel wie sie in so'ner Gegend.", rief mir einer der Arbeiter in einer Ecke zu. Die Menge brach in Gelächter aus. Ich versuchte die darauffolgenden Anfeindungen zu ignorieren und steuerte in Richtung der Bar. Argwöhnisch blickte mich der Barkeeper an. "Was darf's denn für den feinen Herrn sein?" Noch bevor ich antworten konnte, unterbrach mich eine leider allzu vertraute Stimme von der Seite:
"Kommen Sie doch zu mir an den Tisch, Mr. Davy!" Ich drehte mich um. Wie selbstverständlich saß Alleister Crowley an einem runden Tisch in der Ecke und winkte mir zu. Nervös blickte ich mich um, er schien allerdings keine Komplizen bei sich zu haben. "Nicht so zaghaft, ich werde Ihnen schon nichts tun.", rief er erneut. Ich wandte mich erneut dem Barkeeper zu: "Einen doppelten Whiskey, er bezahlt.", sagte ich und näherte mich daraufhin langsam Crowleys Tisch. "Ich schätze, dass das hier kein Zufall ist.", sagte ich skeptisch. Crowley grinste nur und deutete auf den Stuhl ihm gegenüber. Zögerlich setzte ich mich.
"Was denn, sie wollen mich nicht verhaften? Keine leeren Drohungen von wegen 'Hände hoch oder ihre letzte Stunde hat geschlagen'? Da bin ich ja beinahe gekränkt.", schmunzelte Crowley. Ich blickte ihn nur verwirrt an. Für ihn schien das alles nur ein Spiel zu sein, ein Witz.
"Sind wir doch ehrlich: Ich würde Sie festhalten, Sie würden auf irgendeine clevere Art entkommen und hätten mir erneut ein Schnippchen geschlagen. Ich möchte diesen Teil nur überspringen, dafür habe ich gerade einfach keine Energie.", entgegnete ich gelangweilt. Crowley blickte mich amüsiert an. "Was wollen Sie von mir? Normalerweise warten Sie nie solange, bis sie mir Ihren doch so genialen Plan unter die Nase reiben.", fragte ich nach einer kurzen Pause genervt nach. Crowley rümpfte die Nase. Plötzlich war sein unangenehm überhebliches Grinsen von seinem Gesicht verschwunden. Er blickte mich todernst an.
"Es geht um Scherlingen.", sagte er leise. Ich blickte ihn unbeeindruckt an. "Ich habe gehört, dass Sie ihr Problem schon selbst aus der Welt geschafft haben. Scheinen ja nicht gerade zimperlich mit Wagner umgegangen zu sein.", unterbrach ich ihn. Crowleys Nasenflügel blähten sich auf. "Dieses Individuum hätte noch so viel mehr verdient.", entgegnete er wütend. "Er hat hunderte Menschen getötet, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken." "612", sagte ich leise. "321 Männer, 201 Frauen und 90 Kinder." Crowley schluckte. "Lead wusste davon Bescheid. Er schien unabhängig von mir mit Wagner in Kontakt gestanden zu haben. Er hat es toleriert." Er blickte mich nur mit leeren Augen an. "Ich kann nicht glauben, dass sie das großartig verwundert. Sie gehen über Leichen, um das zu bekommen, was Sie wollen.", sagte ich angespannt. "Sie enttäuschen mich, Mr Davy. Sie kennen meine Einstellung dazu. Keine Kollateralschäden. Keine unschuldigen Opfer. Lead hat eine klare Grenze überschritten."
Ich schwieg für einige Sekunden. Ich konnte nicht ganz nachvollziehen, was Crowley nun genau von mir wollte. "Worauf wollen Sie hinaus?", fragte ich misstrauisch. Ernst blickte mich dieser mysteriöse Mann aus seinen tiefliegenden, dunklen Augen an. "Dieser Mann ist schlichtweg nicht mehr dazu in der Lage, eine Organisation dieses Ausmaßes adäquat zu führen. Ihm sind Menschenleben gleichgültig- das ist grundlegend falsch." Schlagartig wurde es mir klar: "Sie wollen Lead loswerden! Sie wollen seinen Platz einnehmen und dafür brauchen sie nun meine Hilfe, ist es nicht so?" "Ich möchte, dass sie endlich Genugtuung dafür erlangen, was dieser Mann ihnen angetan hat. Er hat ohne mit der Wimper zu zucken Laurels Leben verspielt, um sich einen Vorteil daraus zu schlagen. Sie ha-", erwiderte er, bevor ich ihn schlagartig unterbrach: "Falsch! Der Einzige, der Verantwortung an Laurels Tod trägt, sind einzig und allein sie, Mr Crowley. Und Genugtuung werde ich erst verspüren, wenn ihre eiskalte Seele endlich ihr ewiges Dasein in der Hölle fristet." Crowley blickte mich finster mit seinen leeren Augen an. "Damit bekämpfen sie ausschließlich das Symptom, nicht die Krankheit. Wir haben womöglich nicht die gleichen Vorstellungen für die Zukunft von England, aber eins kann ich ihnen versprechen: Unter Leads Herrschaft wird dieses Land zu Grund gehen, komme was wolle!"
"Was soll ich ihrer Meinung nach tun?", fragte ich nach einigen Sekunden Stille. "Wir haben nicht den geringsten Anhaltspunkt, wer Lead ist, noch wo er sich gerade aufhält oder was seine Ziele und Pläne sind." Crowley schmunzelte gehässig. "In genau zwei Wochen erwartet Lead eine größere Lieferung neuartiger Waffen. Diese Lieferung ist so brisant, dass er die Ware selbst in Empfang nehmen wird. Es werden keine Wachen vor Ort sein." Skeptisch blickte ich ihn an. "Warum sagen sie mir nicht einfach, wer dieses Monster ist?" Crowleys Gesicht verzog sich erneut zu einer Fratze der Heiterkeit. "Weil sie es selbst herausfinden müssen. Nur dann werden sie das tun können, was getan werden muss." "Was getan werden muss?" Erst jetzt fiel es mir wie Schuppen von den Augen- er wollte, dass ich Lead töte.
"Das können sie vergessen!", entgegnete ich ihm scharf. "Dieser Mann gehört vor ein Gericht gestellt und verurteilt. Er muss die ganze Härte des Gesetzes zu spüren kriegen, bevor er letztlich am Galgen baumeln wird. Dieses Monster hat keinen leichten Tod verdient." Crowleys Blick verfinsterte sich. "Jetzt hören sie mir mal zu, Mr Davy. Sie scheinen mir absolut keine Ahnung zu haben, wie gefährlich Lead ist. Er hat Vertreter in allen Teilen der Gesellschaft, vor allem der Politik und dem Staatsapparat. Das Ausmaß seiner Macht übersteigt ihre Vorstellungskraft bei weitem. Es würde niemals zu einer Gerichtsverhandlung kommen, geschweige denn einem Urteil. Und sollte Lead an das Licht der Öffentlichkeit gedrängt werden- dann Gnade ihnen Gott!", antwortete er mir. Intuitiv schreckte ich ein wenig zurück. Sein Tonfall war ernster als je zuvor. "Glauben sie mir. Wenn sie erfahren, wer hinter seiner Maske steckt- sie werden keinen anderen Gedanken mehr fassen können.", ergänzte er einige Sekunden später.
Mit diesen Worten stand er auf. Ein mulmiges Gefühl hatte sich in mir breit gemacht. "In zwei Wochen werden sie die einmalige Gelegenheit haben, Lead ein für allemal zu vernichten. Ich empfehle ihnen, diese zu nutzen." Ernst blickte ich in seine kalten, finsteren Augen. "Sie haben mir noch gar nicht gesagt, wo diese ominöse Lieferung stattfinden wird.", fragte ich ihn zuletzt. Langsam überreichte er mir einen kleinen Zettel, auf der eine Adresse geschrieben stand.
"Es handelt sich um eine verlassene Lagerhalle, draußen in Wiltshire."
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Three Pillars
ПриключенияDer junge Soldat James Davy staunt nicht schlecht, als er im März des Jahres 1882 zu seinem Vorgesetzten und persönlichen Helden Jonathan Peekhawk zitiert wird. Das britische Empire ist in Gefahr- und er soll helfen es zu retten! Zusammen mit dem da...
