Der Knall war geradezu ohrenbetäubend. Wir konnten uns kaum orientieren. Unser Blick wanderte gen Himmel: Eine dunkle Rauchwolke bildete sich ab. Wir waren ganz in der Nähe. In der Luft lag ein leichter Geruch von Schwefel. Doch da war noch etwas anderes- etwas, was ich nicht wirklich zuordnen konnte, mir aber doch auf irgendeine Art und Weise bekannt vorkam. Wir liefen los. Wenige Momente später bogen wir in die Gasse, aus welcher die Rauchwolke zu stammen schien. Der beißende Geruch war nun beinahe unerträglich. Die Gasse war fast ausschließlich mit Rauch gefüllt. Hastig befeuchten wir unsere Taschentücher mit etwas Wasser und eilten geradewegs in das Zentrum der Wolke. Meine Augen fingen an zu brennen. Überall war der giftige Nebel. Orientierungslos irrte ich umher. Ich konnte keine 3 Meter weit sehen. Plötzlich erkannte ich vor mir schemenhaft einen Eingang. Es schien eine Art Tor zu einem Hinterhof zu sein. Ich blickte mich um. Wilde und Harker waren nicht mehr bei mir. Ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden, ging ich weiter. Mit jedem Schritt wurde der Geruch unangenehmer. Ich musste meine Augen zukneifen, um sie so gut es ging vor dem Rauch zu schützen. Plötzlich erkannte ich vor mir einen Schatten auf dem Boden liegen. Mein Instinkt sagte mir, dass das dieser 'von Gehring' sein musste. Ich hechtete nach vorn. Der Mann war bewusstlos, sein Puls spürbar, aber schwach. Er atmete kaum noch. Ich blickte mich um. Ich versuchte mich zu erinnern, aus welcher Richtung ich kam. Als ich ungefähr den Torbogen ausmachen konnte, atmete ich einmal tief ein und hielt ihm dann mein Taschentuch vor den Mund. Augenblicklich spürte ich den Rauch ätzend in meinen Lungen. Keine Sekunde später richtete ich ihn auf, legte einen Arm um seinen Bauch und schleifte ihn, soweit es mir möglich war, in Richtung Freiheit. Doch mit jedem Schritt merkte ich, wie sich der Rauch immer weiter in meine Lungen fraß. Ich versuchte, bei Bewusstsein zu bleiben. Die Kraft in meinen Armen begann langsam zu schwinden. Leuchtende Punkte erschienen vor meinen Augen. Ich begann zu taumeln, nur mit Not hielt ich mich auf den Beinen. Ich konnte nicht abschätzen, wie weit der Weg noch war. Die Lichter tanzten immer schneller. Das Atmen fiel mir schwer. Meine Schritte wurden immer kleiner. Die Wunde in meinem Bein brannte stärker als je zuvor, vermutlich war bei all der Hektik die Naht gerissen. Ich versuchte mein Bestes, aber ich schaffte es nicht, meine Kräfte halbwegs zu sammeln. Jede Faser meines Körpers tat weh.
Plötzlich, kurz bevor ich beinahe aufgegeben hätte, packte mich plötzlich eine Hand von hinten. Allein der Gedanke, dass ich nicht mehr allein war, hauchte mir ein Stück neue Lebenskraft ein. Die Person legte meinen Arm um ihre Schultern, mit der anderen half sie mir von Gehring aus dem tödlichen Nebel zu ziehen. Mit letzter Kraft machte ich einen Schritt nach dem anderen, mit Schmerzen in all meinen Gliedern- und dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, spürte ich endlich wieder die Wärme der Sonne auf meinen, mit Asche geschwärzten Wangen. Augenblicklich sackte ich zusammen. Ein tiefer Atemzug füllte meine Lunge endlich wieder mit frischer Luft. Ich öffnete meine Augen. Unscharf erkannte ich die Sonne durch die beiden Mauern der Gasse hindurch. Ich blickte mich um. Auf dem Boden vor mir lag von Gehring, den ich nun klar von der Fotografie wiedererkannte. Auch er schien langsam wieder zur Besinnung zu kommen. Mein Blick wanderte nun auf die Person, welche mich aus dem Rauch gerettet hatte- es war ein jüngerer Mann, welcher sich ebenfalls den Rauch aus den Lungen hustete.
„Sie hatten verdammtes Glück, Mister.", sprach er in tadelfreiem Englisch, wenn auch mit einem leichten deutschen Akzent. In der Ferne hörte ich bereits das Klingeln der herannahenden Freiwilligen Feuerwehr. Wilde und Harker schienen sie gerufen zu haben und kamen gerade zurück in die Gasse. Ich drehte mich zu dem Fremden. „Ich habe ihnen mein Leben zu verdanken, Sir.", sagte ich erleichtert. „Keine Ursache.", lachte der Mann. „Davy, mein Gott, sie leben!", rief Harker mir zu. Ich richtete mich langsam auf, wenn auch noch immer geschwächt. „Und sie sind?", fragte Wilde den Mann misstrauisch. „Richard Wagner. Sein Name ist Richard Wagner.", hustete plötzlich jemand leise von der Seite. „Sie sind wach, geht es ihnen gut, Doktor?", fragte der Mann 'von Gehring', der anscheinend wieder zu Worten gefunden hatte. Seine Stimme klang rauchig. „Den Umständen entsprechend, schätze ich. Ich lebe.", hustete der Mann. Sein Gesicht war komplett von Ruß bedeckt. Es war beinahe ein Wunder, dass er überhaupt noch am Leben war. Wilde näherte sich dem Mann langsam. „Sie sind Doktor Werner von Gehring?", fragte er vorsichtig. Der Mann nickte nur skeptisch. „Freut mich sie kennenzulernen, mein Name ist Oscar Wilde. Und das sind meine Kollegen Dr. Elias Harker und James Davy. Wir kommen aus England." Von Gehring schwieg und blickte uns nur weiter schweigend an. „Können sie uns sagen, was gerade passiert ist? Wie das Feuer ausgebrochen ist?", mischte sich nun auch Harker ein. Von Gehring zögerte kurz, dann antwortete er: „Ich glaube, das hier ist der falsche Ort für diese Konversation? Wäre es für sie in Ordnung, wenn ich mich etwas frisch machen würde und dann treffen wir uns heute Abend im stolzen Adler? Das ist das hiesige Lokal." Wir stimmten zögernd zu, halfen ihm auf und ließen ihn gemeinsam mit diesem Wagner gehen. Nachdenklich blickten wir dem Mann nach, welcher sich auf die Schulter von Richard Wagner stützte. Während Wilde und Harker diesen Ort nach einigen Minuten ebenfalls verließen, nachdem ich mehrmals beteuerte, dass es mir gut ginge, blieb ich noch einige am Ort des Geschehens. Ich beobachtete die Menschen, welche sich mit Wasser bewaffnet dem Kampf mit den Flammen stellten. Ich war mehr als skeptisch. Dies war kein normales Feuer. Die Rauchentwicklung war so stark und absonderlich, ich konnte nicht einmal wirklich den Brandherd bestimmen, so dicht war der Qualm. Und dieses beißende Gefühl in den Lungen. Um mich herum eilten Menschen, doch ich war noch immer wie paralysiert. Ich hatte ein mehr als ungutes Gefühl, welches sich tief in meinen Magen fraß.
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Three Pillars
AventuraDer junge Soldat James Davy staunt nicht schlecht, als er im März des Jahres 1882 zu seinem Vorgesetzten und persönlichen Helden Jonathan Peekhawk zitiert wird. Das britische Empire ist in Gefahr- und er soll helfen es zu retten! Zusammen mit dem da...
