Fiebertraum

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Es war schon spät, als ich am nächsten Morgen aus einem bleiernem Schlaf erwachte. Mein Kopf brummte und jedes Licht erschien mir ungewöhnlich hell. Ich versuchte aufzustehen, doch bei jedem einzelnen Schritt schien sich das Zimmer um sich selbst zu drehen. Jedes Knarren der Dielen schallte mir in den Ohren. Ich fühlte mich schwach, eine Schweißperle rann über meine Schläfe. Was war nur los mit mir?. Ich griff nach einem Glas Wasser, welches auf meinem Schreibtisch stand. Mit einem Zug kippte ich das kalte Nass meinen ausgetrockneten Rachen hinunter. Ich spürte förmlich, wie es jeder Zelle meines Körpers zumindest ein wenig Kraft gab. Das Leben kehrte in meine schmerzenden Gelenke zurück. Es dauerte eine gute Viertelstunde, bis ich wieder halbwegs bei Kräften war. Erst jetzt erinnerte ich mich an die Ereignisse der letzten Nacht. Diese Bar, Crowley- sein Angebot. Erinnerungsfetzen spukten durch meinen Kopf. Hastig durchsuchte ich die Taschen meines Mantels nach der Adresse des mysteriösen Lagerhauses- doch nichts. Verwirrt ließ ich mich auf mein Bett fallen. War das alles nur ein wirrer Traum gewesen? Plötzlich fiel mir ein ungewöhnliches Rascheln auf, als ich mich auf dem Bett bewegte. Schnell riss ich die Decke weg- und tatsächlich! Der Zettel war mir anscheinend in der Nacht aus meiner Hose gefallen. Erst im nächsten Moment formten sich die losen Fetzen zu einer vollständigen Erinnerung der letzten Nacht. Hastig warf ich mir die Kleidung vom letzten Tag über. Sie stanken noch immer nach billigen Fusel und Rauch. Als ich wenige Augenblicke später, noch immer vom Schwindel beeinflusst, aus der Tür hechtete, lief ich direkt in Wildes Arme. Verdutzt blickte er mich an. "Sieh einer an, wer auch schon wach ist.", lachte er amüsiert. Er hatte recht- In all meiner Hast hatte ich vollkommen vergessen, nach der Uhrzeit zu schauen. Ein schneller Blick auf meine Uhr ließ mich vollends an meinem Zeitgefühl zweifeln: Es war bereits kurz nach drei. "Und überhaupt, wonach riechen sie denn so unangenehm? Hatten sie etwa eine besondere Nacht?", fügte Wilde nur noch hinzu. Ich ignorierte seine Aussage und erwiderte: "Schnell, wir müssen dringend mit Caulfield reden! Es ist ein Notfall!"

Keine halbe Stunde später betraten wir das Büro von Sir Robert Caulfield. Unser Erscheinen schien ihn ganz und gar unvorbereitet zu treffen. Er war anscheinend gerade dabei mit Colonel Peekhawk einige Unterlagen durchzugehen.

"Mr Davy? Wilde, Harker?", blickte er uns verwundert an. "Hatten wir einen Termin, von dem ich nichts weiß?" "Wir wissen selbst nicht, was auf einmal in Davy gefahren ist. Er stürmte plötzlich aus seinem Zimmer und wenige Momente später saßen wir bereits in einer Droschke.", entgegnete Wilde verwirrt. Mit einem Mal lagen alle Blicke auf mir. Ich holte einmal tief Luft. Meine Lunge schmerzte ein wenig. Ich musste mich auf einen der Stühle setzen. Er jetzt begann ich von der vergangenen Nacht zu erzählen.

Mein brummender Kopf und starke Kopfschmerzen ließen mich mehrmals in meiner Geschichte stocken. Als ich zum Ende kam, sahen mich alle nur entgeistert an. Auch Wilde ließ sich nun in einen der Sessel fallen.

"Was halten sie davon?", fragte mich Harker, nach einigen Minuten der Stille. "Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Crowley hat uns bewiesen, dass man ihm nicht vertrauen kann. Trotzdem- er wirkte auf mich... ja schon fast aufrichtig.", antwortete ich vorsichtig. "Sie haben doch hoffentlich nicht wirklich vor Lead zu töten, oder?", fragte Caulfield nach. Ich verneinte dies. "Woher wissen wir überhaupt, dass das alles so stimmt?", mischte sich nun auch Peekhawk in das Gespräch ein. Er blickte mich sehr skeptisch an. Ich griff in meine Tasche und holte den Zettel hervor, den mir Crowley in der Nacht zuvor gegeben hatte und legte ihn auf Caulfields Schreibtisch. "Es handelt sich um ein Lagerhaus, irgendwo in den Wäldern von Wiltshire. Knapp 80 Meilen westlich von London.", sagte Peekhawk, nachdem er den Zettel knapp überflogen hatte. "Ziemlich abgelegen, ein ideales Versteck für eine geheime Waffenlieferung.", fügte Caulfield hinzu. "Was haben wir zu verlieren? Warum sollte uns Crowley irgendwo ins Nirgendwo schicken, wenn dort nichts zu finden ist?", fragte Wilde skeptisch. "Es könnte eine Falle sein. Man könnte uns auflauern, um den größten Feinden von Claw ein für allemal den Garaus zumachen.", erwiderte Harker besorgt. "Trotzdem können wir uns eine solche Chance nicht entgehen lassen. Uns wird hier eine Möglichkeiten geboten, dieser Organisation einen Schlag zu verpassen, von dem sie sich nicht so schnell erholen wird. Wir werden ein Einsatzkommando dorthin schicken, um die Lage zu sondieren. Sollte Lead wirklich vor Ort sein, werden wir ihn ein für allemal dingfest machen.", entgegnete Caulfield. "Bei allem Respekt, aber ich halte das für keine gute Idee. Lead agiert anscheinend bereits seit etlichen Jahren im Untergrund. Er weiß, wie man sich vor den Verfolgungsbehörden versteckt. Glauben sie nicht, dass er kommende Truppen nicht sofort erkennen wird. Er wird schneller fliehen, als unsere Truppen überhaupt bemerken, dass er vor Ort war.", erwiderte Peekhawk. "Er hat recht. Außerdem meinte Crowley, dass Lead Verbündete bis in höchsten Ebenen der Regierung hat. Sollten wir jetzt ein großartiges Kommando zusammenstellen, wird er das mitbekommen.", fügte ich hinzu. Caulfield schwieg missmutig. Er zog die Augenbrauen zusammen. "Schicken sie nur uns nach Wiltshire. Wir haben mittlerweile die nötige Expertise, um uns solch einem Monster zu stellen.", sagte Wilde bestimmt. Sichtlich mit Bauchschmerzen stimmte Caulfield letztlich zu. Auch Harker war nicht sonderlich einverstanden mit dieser Idee, allerdings sah auch er später ein, dass es die einzig sinnvolle Entscheidung war. Es war also beschlossen- In zwei Wochen würde das alles, ein für allemal, ein Ende finden.

Die folgenden Tage verliefen für mich sehr unangenehm. Meine vorherigen Leiden, die Kopfschmerzen und der Schwindel hatten sich zu einem aggressivem Fieber entwickelt. Wahrscheinlich hatte ich mich in besagter Nacht verkühlt. Fast eine gesamte Woche war ich ans Bett gefesselt, während Harker und Wilde trainierten. Immer wieder hatte ich beunruhigende und schmerzhafte Träume. Der herbeigerufene Arzt fürchtete kurzzeitig sogar um mein Leben. Nach einer Woche besserte sich meine Lage ein wenig, auch wenn ich noch immer sehr schwach war. Ich versuchte ein wenig zu trainieren, allerdings brach ich nach wenigen Durchgängen bereits zusammen.

Dann war es soweit. Es war der Tag vor der ominösen Lieferung. Am Morgen fühlte ich mich ungewohnt energiegeladen. Auch das Training verlief relativ komplikationslos. Meine Kräfte schienen wieder zurück in meinen Körper zu fließen. Am Abend blieb ich noch etwas länger mit Wilde und Harker vor dem Kamin sitzen. Es war eine wohlige Atmosphäre. Ich genoss es, mich endlich wieder wie ein normaler Mensch zu fühlen. Wir tranken, lachten und erzählten uns Geschichten. Ich erinnerte mich an unsere erste Mission in Schottland. Auch damals saßen wir genau so vor einem Kamin, fühlten uns das erste Mal so wirklich als Team. Kamen uns näher, wenn man so möchte. Ich hatte die beiden in all der Zeit wirklich in Herz geschlossen, soviel war sicher. Ich wusste auch nicht so genau, wie es nach morgen weiter gehen würde. Sollten wir Lead wirklich schnappen können, wäre unsere Aufgabe vorbei. Claw zu vernichten wäre nach Leads Entmachtung ein Kinderspiel. Was würde aus Pillar werden?

Mit diesen Gedanken ging ich an diesem Abend zu Bett. Es dauerte etwas, bis ich einschlief und erneut in einen unangenehmen Fiebertraum verfiel. Ich sah verschwommene Bilder vor mir. Ich hörte Schüsse und Schreie. Ein Schmerz durchzog mich, ich wurde angeschossen. Um mich herum waren Flammen. Ich sah keinen Ausweg. Plötzlich spürte ich einen kalten Hauch im Nacken. Ruckartig drehte ich mich um und blickte in eine angsteinflößende Maske. In der nächsten Sekunde wurde ich zurück geschleudert. Hart prallte ich an einer der Wände ab. Verschwommen sah ich in der Ferne meine Freunde tot am Boden liegen. Das Atmen fiel mir immer schwerer. Ein dumpfes Lachen hallte durch die Luft. Mit einem Mal hörte ich ein leises Klopfen. Ich konnte nicht wirklich ausmachen, von wo es kam. Plötzlich hörte ich auch jemanden meinen Namen rufen. "Davy, jetzt kommen sie schon.", drang es beinahe flüsternd zu meinem Ohr. Was hatte das zu bedeuten? Und diese Stimme, war das Wilde? "Meine Güte, Davy. Jetzt wachen sie endlich auf, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit."

Mit einem Mal schreckte ich hoch. Schweißgebadet lag ich in meinem Bett. Warm fielen mir die Sonnenstrahlen des frühen Vormittags auf meine Haut. Erneut hörte ich Wilde an meine Tür schlagen. Heute war es soweit. Heute würde all dieses Grauen endlich ein Ende finden. Dachten wir zumindest.

Three PillarsWo Geschichten leben. Entdecke jetzt