Ich blickte in Fred Gibbins leere Augen. Das Leben in seinen braunen Augen war erloschen. Ich war wie paralysiert. Erst im nächsten Moment realisierte ich, was gerade geschehen war. Schlagartig drehte ich mich um. Woher kam dieser Schuss? Meine Augen hatten sich mittlerweile an die spärlichen Lichtverhältnisse gewöhnt. Auf einer der oberen Ebenen konnte ich nun schemenhaft zwei Silhouetten erkennen. Langsam traten sie einen Schritt nach vorn und wurden vom fahlen Mondlicht erhellt. Ein bedrohlicher Schatten verdunkelte den Boden. Wilde hatte recht: Es war eine Falle.
"Lange nicht mehr gesehen, Mr Davy", krächzte mir eine wohlbekannte Stimme entgegen. "Sie miese Ratte, Crowley!", schrie ich nach oben. Die Gestalt neben ihm legte ihre Hände um das marode Geländer. Die Person trug ein ähnliches Kostüm wie Fred, nur um ein Vielfaches bedrohlicher. "Ich lasse mich hintergehen, Private Davy." Die Stimme war weitaus tiefer und beängstigender, beinahe konnte ich die Vibration in meinem Körper spüren. "Dann sind Sie wohl der echte Lead, nehme ich an. Oder sind sie auch wieder nur eine austauschbare Marionette?" Er antwortete nicht. Dafür trat Crowley einen weiteren Schritt nach vorn. "Es tut mir leid, aber Sie wurden allmählich zu gefährlich und das ist schlecht fürs Geschäft." "Sie sagten, sie würden mich noch brauchen. Woher der Sinneswandel?", schrie ich ihn an. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. "Sie werden es noch verstehen, glauben sie mir."
"Sagen sie, wie wollen sie es tun, wir werden uns sicher nicht kampflos ergeben?!" Ich nahm ein leises, verzerrtes Lachen wahr. "Da stehen Sie nur, Private Davy.", hallte es durch die Halle. "So besessen davon in ihrer grenzenlosen Selbstüberschätzung das gesamte Land zu retten, ohne dabei zu bemerken, dass einer ihrer engsten Freunde, keine fünf Yard von ihnen entfernt, verblutet. Was für ein Held sie vorgeben zu sein: Sie sind es nicht." Harker! Hastig drehte ich meinen Kopf zurück. Noch immer lag er in Wildes Schoß. Leise nahm ich sein Röcheln und sein Schnappen nach Luft wahr. Wilde blickte mich verzweifelt an. Das Mondlicht reflektierte sich in den halb getrockneten Tränen auf seiner Wange. Hastig eilte ich zu ihm. „Es tut mir so leid, Elias, es tut mir so unendlich leid.", schluchzte Wilde. Ich beugte meinen Kopf. „Dafür werden sie büßen!" Mein Schrei hallte durch die Halle. Ein weiteres hämisches Lachen folgte. „Oh nein, der Einzige, der büßen wird... sind Sie, Mr Davy." Daraufhin griff Crowley in seine Manteltasche und holte eine Ampulle hervor. „Sie haben schon so viel Zeit in dieser Halle verbracht: Wissen Sie denn mittlerweile, worum es sich bei der Ladung handelt?", krächzte Crowleys Stimme. Ich blickte mich um. Einige der Boxen waren bedruckt: Auf einigen Kisten standen komplizierte chemische Bezeichnungen, in den anderen schien sich Schießpulver zu befinden. Direkt neben mir stand eine Tonne mit der Aufschrift ‚Benzol'. Schlagartig wurde es mir klar: „H-h-höllenfeuer.", stotterte ich entsetzt. „Klug kombiniert. Leider etwas zu spät", schmunzelte Crowley. „Wissen Sie, es gibt da so ein Sprichwort, Private Davy. Es lautet: Wer mit dem Feuer spielt kommt darin um.", fügte Lead bedrohlich hinzu. In dem Moment öffnete Crowley seinen Griff. Wie in Zeitlupe sah ich die Ampulle aus seiner Hand gleiten. Mein Atem stockte. Intuitiv griff ich nach meiner Gehstock. Mit einem weiteren Satz hechtete ich nach vorn. Ich spürte den Griff in meiner Faust. Weit holte ich mit meinem Arm aus, bevor ich ihn mit all meiner Kraft gegen die Ampulle schleuderte. Die kleine Flasche prallte an dem Knauf des Griffes ab und schlug einen Augenblick später an der gegenüberliegenden Wand der Halle auf. Das Glas barst in tausend Teile, während sich die Flüssigkeit in ihrem Inneren binnen eines Augenaufschlags entzündete. Eine Sekunde später erhellte ein gewaltiger Lichtblitz den Raum. Die Druckwelle schleuderte mich nach hinten gegen eine der Säulen. Hart prallte mein Kopf gegen den schweren Stein. Dann war alles nur noch schwarz.
Irgendwann mischte sich ein leises Brummen in das finstere Nichts meiner Ohnmacht. Kurz darauf spürte einen starken Schmerz im Kopf. Ich versuchte mich zu orientieren, doch ich sah nichts als Schwarz. Hastig schlug ich meine Augenlider auf und zu, in der Hoffnung, dies könnte etwas ändern. Langsam mischte sich unter das Dröhnen in meinen Ohren das Knistern von Feuer. Ich spürte die Hitze der Flammen auf meiner Haut. Vorsichtig versuchte ich mit meinen Händen die Umgebung zu erkunden. Hinter mir befand ich die Säule, mit der ich kurz zuvor unfreiwillig Freundschaft schloss. Im nächsten Moment fasste ich an meinen Hinterkopf. Ein stechender Schmerz durchfuhr meinen Körper. Meine Haare waren mit Blut verklebt. Endlich mischten sich einige Farben in die Dunkelheit. Schemenhaft erschien ein bedrohliches Flackern vor meinen Augen. Das Toben des Feuers wurde unterdes immer lauter. Plötzlich hörte ich in der Ferne ein Wimmern. „Wilde, sind sie das?", schrie ich verzweifelt. Mittlerweile konnte ich wieder Konturen wahrnehmen. Langsam versuchte ich mich in die Richtung vorzuwagen, aus welcher ich das leise Wimmern vernahm. Mehrmals musste ich zuckenden Flammen und vor Hitze glühenden Holzbohlen ausweichen, bevor ich tatsächlich Wilde vor mir auf dem Boden sah. Er war in sich zusammengesackt. Vor ihm lag der leblose Körper von Elias Harker. „Harker!", schrie ich und hechtete zu ihm. Sein Gesicht war von Ruß verdunkelt. Einzelne Tränen tropften von Wilde auf Harker hinab. Hastig fühlte ich nach seinem Puls. Mir stockte der Atem. Ich richtete meinen Blick auf Wilde. Seine Lippen bebten. „Es tut mir so unendlich leid, Oscar. Ich hatte ja keine Ahnung", brachte ich stockend heraus. „Das war ja auch unsere Absicht", flüsterte er schwach. Ich legte ihm meine Hand auf die Schulter. „Es fällt mir schwer das zu sagen, aber wir müssen hier verschwinden, Oscar. Ich weiß nicht, wie lange die Statik diesem Inferno noch standhalten kann. Es ist ein Wunder, dass wir überhaupt noch leben. Und ich will gar nicht daran denken, was passiert, wenn die Flammen die Kisten mit dem Schwarzpulver erreichen." Wilde schwieg. Sein Blick war noch immer auf Harkers geschlossene Augen fixiert. „Oscar, ich bitte dich!", schrie ich ihn an und riss seinen Oberkörper zu mir. „So leid es mir tut, aber Harker ist tot. Du kannst nichts mehr für ihn tun. Ich kann mir nicht im Ansatz vorstellen, wie sehr du ihn geliebt hast und wie schwer sein Verlust für dich sein muss. Aber dass du hier mit ihm stirbst, hätte er nicht gewollt. Er hätte gewollt, dass du die Bastarde findest, die für seinen Tod verantwortlich sind und ihnen ihrer gerechten Strafe zuführst." Die Panik stand mir in den Augen geschrieben. Er blickte mich mit glasigen Augen an. Dann blickte er zurück auf Harkers Leiche. „Oscar, bitte! Du hattest recht! Du hattest mit allem recht! Der Hinterhalt, mein überstürztes Handeln, mein Leichtsinn. Wir hätten die Umgebung besser erkunden sollen, wir hätten nicht so blindlings in unser eigenes Verderben rennen dürfen. Oscar, du bist der Einzige, der uns beide hier noch lebend rausbringen kann!" Ich war völlig außer Atem. Ich spürte meinen Herzschlag im ganzen Körper. Panisch blickte ich auf Oscar, der noch immer Elias' Hand hielt. Um uns herum zuckten die Flammen. Dann richtete er den Blick wieder auf mich: „Dort drüben, am anderen Ende der Halle, ist eine Tür. Sie führt zum Ausgang der ehemaligen Arbeiter, wenn ich mich recht an die Grundrisse erinnere. Das dürfte der schnellste Weg raus sein!" Ich folgte der Bewegung seines Arms. „Du hast gut reden, es trennt uns ja nur eine gewaltige Feuerwand von der Freiheit", entgegnete ich missmutig. „Die anderen Optionen willst du sicher nicht hören." Er hatte vermutlich recht. Ich blickte mich um. Etwas von mir entfernt stand ein offenes Fass mit einer durchsichtigen Flüssigkeit darin. Oh Gott, bitte lass das Wasser sein. Vorsichtig benetzte ich meinen kleinen Finger mit der Flüssigkeit. „Wasser!", schrie ich Wilde zu. „Die Flammen sind zu gewaltig, mit dem bisschen Wasser kommst du da nicht weit", antwortete er mir skeptisch. „Ich will das Feuer ja nicht löschen", entgegnete ich und schüttelte hastig mein Jackett ab. Jetzt schien auch Wilde zu begreifen. Ohne groß darüber nachzudenken, tauchte ich den teuren Stoff in das Fass. Binnen weniger Momente sog sich das Material voll. „Damit dürften wir unsere Chancen verbessern, nicht als lebendige Fackeln zu enden", scherzte ich verzweifelt. „Los!", schrie Oscar mir zu, „Du gehst zuerst. Sag mir dann, ob es dort wirklich diese Tür gibt. Ich folge dir dann." „Und was, wenn nicht?", antwortete ich nervös. „Das entscheiden wir dann." Ich schluckte. Na großartig, das sind ja rosige Aussichten. Ich hielt für einen Moment inne. „Wenn das hier unser Ende sein soll, dann würde ich es mit niemandem lieber verbringen als mit dir, mein Freund." Wilde lächelte zaghaft. „Geht mir genauso, Davy." Ich rannte los, direkt auf die Feuerwand zu. Je näher ich den Flammen kam, desto härter spürte ich die Hitze. Ich hatte mir das Jackett über den Kopf gezogen. Du schaffst das, James. Du schaffst das. Ich sprang. Die Flammen zuckten um meinen Körper. Die Hitze war mittlerweile kaum noch auszuhalten. Der Sprung durch die Feuersbrunst fühlte sich für mich wie in Zeitlupe an.
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Three Pillars
MaceraDer junge Soldat James Davy staunt nicht schlecht, als er im März des Jahres 1882 zu seinem Vorgesetzten und persönlichen Helden Jonathan Peekhawk zitiert wird. Das britische Empire ist in Gefahr- und er soll helfen es zu retten! Zusammen mit dem da...
