„Alles okay, Babe?"
Erschrocken zuckte ich zusammen und aus meinen Gedanken.
Caleb lachte auf. „Was ist los? Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen."
Ich wünschte, es wäre so.
„Das wird ein guter Abend. Wirst schon sehen." Calebs Hand wanderte zur Klingel – wenn man sie denn so nennen konnte. Es sah eher aus wie das Steuerbord eines Raumschiffs, komplett mit High-Tech-Kamera und wahrscheinlich einer direkten Verbindung zur NASA.
Ich hatte gewusst, dass Kieran und Lilia viel Geld besaßen. Allerdings hatte mich der modern futuristische weiß-graue Villenbau dann doch überrascht. Es trug eindeutig Lilias Note und war bestimmt die allerneuste und edelste Architektur, die der Markt zu bieten hatte.
Doch das bauliche Meisterwerk war nicht der Grund, dass ich dreinschaute, als wäre mir eine Laus über die Leber gelaufen. Es war das stechend schlechte Gewissen. Zwei Tage waren seit der Nacht, der halben Nacht mit Kieran vergangen. Zwei Tage, in denen ich es nicht übers Herz gebracht hatte, Caleb davon zu berichten.
Ich musste es tun. Das war klar. Aber ich hatte auch panische Angst. Angst davor, ihm das Herz zu brechen. Angst davor, ihn zu verlieren.
Wobei ich das strenggenommen schon hatte. Und es war feige, nicht endlich Klartext zu reden.
Allerdings schien Kieran dies auch nicht getan zu haben. Sonst würden Caleb und ich jetzt nicht vor seiner und Lilias riesiger Eingangstür stehen und auf Einlass warten. Einlass zu einem gemütlichen letzten Couple-Dinner, bevor wir abreisten.
Wie sollte ich Lilia nur unter die Augen treten?
Ich wusste es nicht. Unauffällig schielte ich auf die Flasche Weißwein in Calebs Händen. Vielleicht könnte ich sie leeren und – feige und schwach wie ich war – dem Alkohol das Steuer überlassen.
„Hallöchen ihr beiden", flötete Lilia, als die Tür mit einem Schwung aufflog.
„Wow", entfuhr es mir, als ich sie in dem maßgeschneiderten schwarzen Etuikleid erblickte. „Du siehst toll aus."
„Danke, danke." Mit einem Lachen drehte sie sich um die eigene Achse.
„Hätten wir das gewusst, hätten wir uns auch etwas ... schicker gemacht", gab ich verunsichert zurück. Wobei die Unsicherheit nicht nur meiner legeren Garderobe geschuldet war. Vielmehr dem Seitentritt, den ich mit ihrem Verlobten hatte.
Mir wurde speiübel. Doch bevor ich noch ein weiteres Wort rausbringen konnte, zog Lilia mich am Arm hinein. Die Berührung schnitt wie ein Messer.
„Kommt rein, ihr beiden." Sie strahlte wie ein Honigkuchenpferd. „Und keine Sorge wegen der Kleidung. Mein Verlobter hat sich heute ausnahmsweise auch für Shirt und Jeans entschieden."
Der nächste Schnitt.
Kaum waren im Wohnzimmer angekommen, erblickte ich ihn. Kieran stand seelenruhig am Esstisch.
„Willkommen", grüßte er kühl.
Ich wusste nicht, was schlimmer war, ihn anzusehen, Caleb oder Lilia.
Letztere stellte die mitgebrachte Flasche Wein ab und reichte uns mit einem Zwinkern zwei Aperitif Gläser.
Artig „Danke" sagend, stürzte ich dieses runter.
„Mariiii. Du hast ja einen ordentlichen Zug drauf. Ich glaube, das wird ein lustiger Abend."
Gequält lächelte ich. „Superlustiger Abend, vielen Dank für die Einladung."
„Du brauchst dich doch nicht zu bedanken." Ihr Blick wurde ernst und ich bekam es mit der Panik zu tun. Zurecht wisperte das schlechte Gewissen.
„Ich denke", sprach Lilia und blickte Kieran und mich an. „Es ist wichtig, dass die Familie jetzt zusammenhält. Jetzt wo euer Großvater nicht mehr ist, ist es so essenziell, dass ihr aneinander habt."
Ich schluckte. Ja, ich würde definitiv die ganze Flasche Wein brauchen.
„Ich denke nicht ...", setzte Kieran an, wurde jedoch jäh unterbrochen.
„Ich sehe das genauso wie Lilia", warf Caleb ein. „Wir sind doch jetzt eine große Familie. Und auch wenn mit eurem alten Herrn nicht immer alles leicht und er ein Einsiedler war, ist das unsere Chance, es als junge Generation besser zu machen und zusammenzuhalten."
Lilia lächelte ihn warmherzig an und hob ihr Glas. „Das hast du wunderschön gesagt. Auf die Familie."
Zu ängstlich die Wahrheit auf den Tisch zu packen, hob ich ebenfalls mein Glas. Kieran tat es seiner Verlobten gleich, sein Blick streifte mich und wurde hart. Es versetzte mir einen Stich. Hatte er erwartet, dass ich die Einladung ausschlagen würde? Oder dass ich ihm die Last des Geständnisses abnehmen und reinen Tisch machen würde?
Das würde ich. Das musste ich. Bei Caleb auf jeden Fall. Wie und ob ich es Lilia sagen würde, musste ich mir noch überlegen. Vielleicht könnte ich Kieran eine Frist geben. Sie musste es ebenfalls erfahren, so viel stand fest.
Eventuell war sogar diese Runde genau der richtige Zeitpunkt, die Wahrheit zu sagen.
Mit einem Seufzen nahm ich einen weiteren Schluck in der Hoffnung es würde des letzte bisschen Mumm bringen, ein Geständnis abzulegen.
Doch je weiter der Abend vor sich hinplätscherte, desto mehr verließ mich der Mut. Mit jedem Schluck schwamm mein Wille immer weiter davon. Mit jedem Witz und Lachen keimte die Angst auf, etwas unwiderruflich kaputtzumachen.
„Und wie geht es für euch große Erben nun weiter?" Lilia nahm einen Bissen von ihrem Spargel.
„Tja ...", zögerte ich und warf einen Seitenblick auf Kieran.
Dieser saß wie ein Eisklotz am Tisch. Lilia schien sich damit allerdings wohl arrangiert zu haben.
„Also ich denke, wir machen erst einmal ein bisschen Urlaub", stimmte Caleb ein und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. „Ein bisschen reisen auf jeden Fall. Vielleicht auch die Jobs kündigen, um ein bisschen mehr Freizeit zu haben."
„Ich mag meinen Job", gab ich kleinlaut zurück.
Caleb strich mir über die Schulter. Die Berührung ließ mich erschauern, nicht auf die gute Weise und es tat mir unendlich leid.
„Ja, Babe, ich weiß. Musst du ja auch nicht." Er wandte sich wieder an Lilia und Kieran, dessen Gesichtszüge sich zunehmend anspannten. „Aber ich denke schon, dass wir ein bisschen kürzertreten können."
„Also eine kleine Weltreise, die ihr plant." Lilia spitzte vergnügt die Lippen.
„Ja, auf jeden. Vielleicht so zwei oder drei Jahre." Caleb ließ mich wieder los. „Und dann müssen wir eh mal schauen wegen Familienplanung. Vielleicht ein Haus für die Kinder oder so."
Erschrocken hätte ich beinahe den letzten Schluck Wein ausgespuckt, während Lilia auf quiekte.
„Uhh ihr seid schon in der Kinderplanung. Wie wunderschön." Sie sah mich mit einem herzzerreißenden Blick an.
Ich war wie in Watte gepackt. Ich wollte keine Kinder. Zumindest jetzt nicht. Oder?
Ich hatte mir keine Gedanken darüber gemacht, wann und wie und ob ...
Vor langer Zeit hatte ich vielleicht ein Bild vor Augen gehabt. Eine gemütliche Wohnung, zwei Kinder und ...
Nein, das war verstrichen und spielte auch keine Rolle mehr.
„Kieran muss ich ja noch ein bisschen bearbeiten." Lilia stieß ihrem Partner in die Seite. „Aber vielleicht kann er ja Onkel von euren Kindern werden und das erweicht sein Herz."
Jetzt stieg mir der Spargel hoch.
Ich hörte durch den Schleier, wie Kierans Kiefer knackte.
„Ein großer Schritt, Kinder in die Welt zu setzen", erklang seine tiefe Stimme.
Sie riss mich aus meiner Benommenheit. „Ja, ich weiß auch noch nicht ..."
„Wohl wahr", unterbrach Caleb mich. „Aber ich denke, wir kriegen das schon gut hin. Geld ist bekanntlich die halbe Miete."
Mit schrägem Blick sah ich ihn an. „Wirklich?" Mir fiel mindestens eine Person ein, auch wenn sie nicht mehr unter uns weilte, die viel Geld hatte, aber trotzdem in Sachen Erziehung eine Vollkatastrophe war.
„Ist auch eine gefährliche Welt da draußen", gab Kieran zurück.
Lilia schaute empört drein. „Was soll das jetzt heißen? Warum bist du immer so negativ? Ist doch toll, wenn die beiden Kinder bekommen."
Dieses Mal knackten Kierans Finger unter dem Tisch, während er mich anstarrte.
„Du bist heute Abend wieder ein richtiger Stinkstiefel", mokierte Lilia und nahm einen Schluck Weißwein.
Mit einem Mal erhob sich ihr Verlobter und verließ den Tisch.
„Was ist denn nun wieder?", rief Lilia ihm hinterher, blieb aber sitzen. Sie drehte sich zu uns. „Tut mir leid, er ist heute ... die letzten zwei Tage schon nicht ganz leicht."
Sofort schlug das schlechte Gewissen zu.
Ich richtete mich schuldbewusst auf. Das Schmierentheater musste endlich ein Ende haben.
„Also vielleicht ...", setzte ich mit bebender Stimme an.
Da erklangen Schritte. Kieran kehrte zu uns zurück. In der Hand einen braunen Papierhefter.
„Was ist das?", schoss es aus mir heraus.
Auch Lilia und Caleb beäugten neugierig die gut gefüllte Mappe.
„Eine Gerichtsakte", gab Kieran mit bleierner Maske zurück.
„Von wem?" Lilia schaute entsetzt drein.
„Ähm, das ist doch nicht wegen mir, oder?" Caleb blickte sich unsicher um. Er hatte früher mit Gras gedealt und sich ein paar kleinere Geldstrafen eingefangen.
„Ich schwöre, das liegt hinter mir", sagte er eilig. „Ich bin eine gute Partie für deine Schwester."
„Ich bin nicht seine Schwester", murmelte ich. Mir gefiel Kierans Gesichtsausdruck nicht. Es war der Ausdruck, den er trug, wenn er jemanden etwas reinwürgen wollte. Großvater einen provozierenden Spruch, dem Lehrer eine Beleidigung.
„Also ich kann das echt erklären. Es war nur etwas Gras ..." Caleb lachte unsicher. Doch Kieran schenkte ihm ohnehin keinen Blick.
Stattdessen reichte er mir die Mappe.
Mit zitternder Hand nahm ich sie entgegen. „Was ist das?"
„Etwas zu eurem Großvater?", fragte Lilia und beugte sich über den Tisch, ohne etwas sehen zu können.
Ein ungutes Gefühl überkam mich und machte sich in meiner Magengegend breit.
Meine Finger waren eiskalt, als ich die erste Seite aufschlug.
María Felicitas Sanchez.
Meine Mutter.
Augenblicklich wurde mein Herz schwer und ich hatte das Gefühl, dass sämtliches Blut aus meinem Körper wich.
Ich überflog die Informationen. Fallnummer, Gerichtsprotokoll, ... Wie benommen blätterte ich weiter. Ich verstand nicht ...
Unruhig glitt mein Blicken zwischen den Seiten hin und her, bis er sich an einer Passage fest eiste.
Die Geschädigte, Frau M. F. Sanchez, gab an, sich am Abend des 23. Oktobers um 19:30 Uhr auf dem Heimweg durch die Anlage Elmwood Park befunden zu haben. Zu diesem Zeitpunkt war es bereits dunkel, und die Anlage war nur spärlich beleuchtet.
Frau Sanchez gab an, nach wenigen Minuten Schritte hinter sich gehört zu haben. Als sie ihren Gang beschleunigte, bemerkte sie, dass die Person hinter ihr ihr Tempo anpasste und weiterhin folgte. Frau Sanchez erklärte, dass sie sich zunehmend unwohl fühlte, zumal keine weiteren Personen in der Nähe waren und sie keine Möglichkeit sah, die Situation direkt zu entschärfen.
Panisch flogen meine Augen weiter.
Die Geschädigte identifizierte den Angeklagten, Herrn J. Ruiz, als die Person, die ihr gefolgt war.
Mein Vater schoss es wie eine Kugel durch meine Gedanken.
Er schlug ihr mit einem festen Hieb auf den Hinterkopf ...
... riss ihre Hose runter ...
... sie versuchte sich zur Wehr zu setzen
... drang in sie ...
Ich warf die Mappe auf den Tisch.
Taub und blind für alles um mich herum fuhr ich hoch. Jemand rief meinen Namen, doch ich ignorierte ihn.
Beinahe stolperte ich, aber es war egal.
Ich musste hier weg. Mein Herz hämmerte unaufhörlich und mein Brustkorb schnürte sich zu, nahm mir beinahe den Atem. Er hatte ... sie hatte ...
Ich spürte die Tränen über meine Wangen laufen, während ich davoneilte. Ich wollte einfach nur allein sein.
Blindlings stolperte ich ein Badezimmer hinein.
Mama. Mama schrie es in meinem Kopf. Meine arme Mama.
Ich schlug die Tür zu, damit niemand mir folgen konnte.
Panisch beugte ich mich über das Waschbecken. Mir war speiübel.
Mehrmals würgte ich, aber außer Spucke kam nichts heraus. Spucke, Tränen und einem lauten bebenden Schluchzen, dass ich das Gefühl hatte, keine Luft mehr zu bekommen.
Eine Weile entließ ich alles in das weiße Porzellan des Waschbeckens. Wobei ich dieses durch all die Tränen nur noch verschwommen wahrnahm.
Er hatte sie vergewaltigt ...
Als ich in den Spiegel hochblickte, schluckte ich.
Wenn es dunkel ist, sind böse Menschen unterwegs, hatte Mama gesagt.
Und wenn sie hinter dir herkommen, lauf weg so schnell du kannst.
Bei Männern musst du noch schneller laufen.
Mit den Fingern versuchte ich die Tränen wegzuwischen, aber es kamen immer weitere nach.
Wenn es dunkel ist, sind böse Menschen unterwegs.
Entsetzt starrte ich mein Abbild an. Da wurde es mir klar ...
Ich war ein Spiegel meiner Mutter geworden, ohne ihre schlimmen Erfahrungen geteilt zu haben.
Und noch schlimmer. Ich war das Produkt ihrer schlimmsten Erfahrung. Ich war das Ergebnis ihrer Vergewaltigung
Ekel, Scham und Schuld kroch in meinem Körper hoch. Es war zu viel. Einfach zu viel.
Kraftlos wankte ich zur Toilette und ließ mich auf dem Deckel nieder.
Wie konnte das alles nur sein?
Meine Mama, die der liebste und herzlichste Mensch der Welt war. Wie konnte ihr das nur passiert sein?
„Mari", erklang ein sanftes Flüstern von der Tür. Jemand hatte sie geöffnet.
Benommen blinzelte ich hoch, hatte jedoch nicht die Kraft mich zu der Stimme umzudrehen.
Die Tür wurde wieder geschlossen, aber ich war nicht mehr allein im Raum.
„Kann ich etwas für dich tun?", wisperte es erneut.
Es war eine so warme beruhigende Stimme, dass mir ein Seufzer entfuhr.
„Soll ich Caleb holen?", fragte sie.
Ich schüttelte vehement den Kopf.
„Das habe ich mir gedacht." Die helle Stimme näherte sich. „Dass du keinen Mann sehen willst."
Ich wollte, das Wort noch nicht einmal hören.
Da tauchte Lilias liebliches Gesicht vor mir auf. Es verschaffte mir einen Moment der Ruhe.
Sie hockte sich vor mich vor die Toilettenschlüssel.
„Einfach schrecklich", murmelte sie und ich erkannte, dass auch ihre Augen gerötet waren.
„Sie hat es nie erzählt ...", entwich es mir, bevor meine Stimme brach und die Tränen jedes weitere Wort erstickten.
Lilia kniff die Lippen zusammen. „Wahrscheinlich, weil du noch zu klein warst. Du hättest es nicht verstanden ..."
„Ich verstehe es auch jetzt nicht."
„Ich glaube, so etwas kann man auch nicht verstehen." Sie schüttelte den Kopf.
„Es hätte mich gar nicht geben dürfen", erwiderte ich kraftlos. Und es traf auf so vielen Ebenen die Wahrheit.
„Nein, das darfst du nicht sagen", sprach Lilia fest. „Und gar nicht erst denken."
Ich starrte weiter vorbei an ihr ins Leere.
Mit einem verzweifelten Seufzen erhob Lilia sich und ging.
Natürlich ging sie.
Und ich sollte froh sein. Sie war die letzte, bei der ich mich ausheulen sollte.
Die Sekunden oder waren es Minuten verstrichen. Das Bild meiner Mama strich an meinem inneren Auge vorbei. Ihr wunderschönes, dickes braunes Haar. Ihre Grübchen. Doch es wurde zerschlagen. Von einem Park. Einem Mann. Und alles umschließender Dunkelheit.
„Marisol."
Ich erkannte die Stimme sofort. Nein. Ihn ertrug ich noch weniger.
Mein Kopf zuckte in Richtung Tür.
„Geh", wisperte ich.
„Lilia macht sich Sorgen und dein ... dein Mann auch." Kierans Arme waren verschränkt. „Und ich auch."
„Ich will allein sein", zischte ich.
Seine dunkle Stimme umfing mich. „Mag sein, aber ich glaube, du solltest jetzt nicht allein sein."
Fassungslosigkeit rollte über mich hinweg. Und eine dunkle, alles erschlagende Erkenntnis.
Entgeistert fuhr ich empor. „Du hast das mit Absicht getan."
„Wie bitte?" Er legte den Kopf schräg.
„Du hast mir diese Mappe mit Absicht gegeben."
Er strich sich über das Kinn. „Ich dachte, du solltest das wissen." Ein unangenehmer Ausdruck legte sich in seine Augen. Ich lag richtig und er wusste, was ich meinte. Was ich wirklich meinte.
„Du hast mir das heute gegeben. Jetzt bei diesem Dinner. Nicht um mir eine unschöne, grausame Wahrheit aus meiner Vergangenheit mitzuteilen, sondern um mich zu verletzen."
„Es hätte dich immer verletzt." Kierans Stimme klang gequält.
„Ja, aber in dieser Runde. Nach allem, was passiert ist." Die Worte purzelten unkontrolliert aus meinem Mund heraus. „Du hattest diesen Ausdruck. Du wolltest mich bestrafen." Meine Stimme erstickte. Tränen. Schon wieder. Und so viele.
„Warum wolltest du mich bestrafen?", weinte ich. „Und warum damit?"
Sofort kam Kieran auf mich zu und schloss seine Arme um mich.
Es sollte mir unangenehm sein und ein nicht unwesentlicher, zorniger Part wollte ihn wegstoßen. Aber ein anderer erinnerte sich an früher. An Umarmungen, nachdem ich in einem dunklen Keller gewesen war. An Umarmungen, die mich trösteten. Es war so vertraut.
„Es tut mir so unendlich leid. Ich wollte, dir damit nicht weh tun." Er griff mein Gesicht.
Doch der Part von früher konnte nicht alles übertünchen. Das Misstrauen gewann die Oberhand.
„Warum jetzt bei diesem Dinner?", murmelte ich. „Warum nicht in einer ruhigen Minute zu zweit?"
„Hätte es die noch gegeben", murmelte Kieran und strich mir über die Wangen. „Wenn du weg gewesen wärst und ... eine Familie gegründet hättest."
„Deshalb", entfuhr es mir. Es war wie ein Schlag in die Magengrube.
„Was meinst du?", fragte er.
Angewidert löste ich mich von ihm. „Du wolltest mich doch bestrafen ..."
„Mari, das stimmt nicht. Ich würde dich nie ..."
„Hör auf", entfuhr es mir mit fester Stimme. Ich wollte entgegnen, dass er genau wusste, dass dies nicht stimmte. Doch sein Blick sah mich so verloren an, dass es wehtat.
Er war verloren.
Er hatte sich verloren.
Ich trat einen Schritt zurück. Während ich irgendwie meinen Weg gefunden hatte, war er hiergeblieben. In die Fußstapfen getreten, die Großvater und alle anderen für ihn vorgezeichnet hatten. Und Stück für Stück war er wie sie geworden.
„Mari." Seine Hand langte nach mir.
Doch ich wich aus. „Ich kann dir nicht helfen", flüsterte ich. Und zum ersten Mal drangen seine Worte von damals zu mir durch. Wirklich zu mir durch. Er war nicht meine Aufgabe. Ich konnte ihn nicht retten. Damals nicht. Und jetzt nicht.
Er war verloren, aber ich war nicht seine Rettung.
Ich straffte meinen Rock. Keine Falte war mehr zu sehen.
„Ich kann dir nicht helfen, Kieran", sprach ich mit fester Stimme. „Und du hast mich heute sehr verletzt. Du hast mich in letzter Zeit sehr oft verletzt." Ich presste kurz die Lippen aufeinander. „Und das Schlimme ist. Ich verletze auch Menschen, seit du wieder in meinem Leben bist."
Er wollte ansetzen, aber ich hob die Hand.
„Das ist nicht deine Schuld, das bin ich selbst. Aber ..." Und die nächsten Worte brachen mir das Herz. „Ich kann das nicht mehr. Ich brauche Abstand von all dem hier. Und von dir."
„Mari." Es war ein Flehen. Ein verzweifeltes Flehen.
Und ja, ich hatte Angst. Nach allem, was er erzählt hatte. Ich betete zu Gott, dass er nicht wieder diese dunklen Gedanken und Sehnsucht bekam, alles zu beenden. Aber ich hatte nicht die Kraft ihm aktuell zu helfen. Nicht nach dem, was ich soeben erfahren hatte. Ich musste mir erst selbst helfen. Irgendwie einen Weg finden, diese Wahrheit zu verarbeiten oder erst einmal überhaupt zu verstehen ...
„Ich werde mir Hilfe suchen", sprach ich und meinte es ernst. „Und ich hoffe, du tust dies auch."
Damit schob ich mich an ihm vorbei. Es war ein Abschied. Ein längst überfälliger Abschied.

DU LIEST GERADE
Echoes in Time
RomanceHoch ragen die Mauern, kalt schneidet die Luft. In diesem Haus zählt Gehorsam - und wer sich nicht beugt, wird lernen, es zu tun ... Mit gerade einmal acht Jahren verliert Marisol ihre Mutter und wird adoptiert. Sie zieht in das alte, riesige Herren...