nine

70 5 0
                                        

chapter ninesie lernt!

Hoppla! Dieses Bild entspricht nicht unseren inhaltlichen Richtlinien. Um mit dem Veröffentlichen fortfahren zu können, entferne es bitte oder lade ein anderes Bild hoch.


chapter nine
sie lernt!


Das Feuer im großen Raum des Grounder-Lagers knisterte dumpf und warf flackernde Schatten gegen die rauen Holzwände.
Der schwere Geruch von gebratenem Fleisch, Rauch und Erde hing in der Luft.
Ein langer Tisch, grob gezimmert aus dunklen Brettern, stand in der Mitte des Raumes, umgeben von Männern und Frauen, die laut redeten, aßen, tranken, lachten.
Stimmen mischten sich, das gutturale Singen ihrer Sprache rollte durch den Raum – für Fremde unverständlich, für Freya aber wie ein Rätsel, das sie Stück für Stück zu lösen versuchte.

Sie saß still da, fast unauffällig, gegenüber von Verak.
Der junge Grounder war in ein Gespräch mit seinen Freunden vertieft, seine markanten Gesichtszüge hellten sich immer wieder auf, wenn er lachte oder mit der Hand eine Geschichte untermalte.
Freya hörte kaum hin – oder besser: Sie hörte hin, aber sie sagte nichts.
Ihre Lippen blieben geschlossen, ihre Augen jedoch waren aufmerksam, wach.

Jedes einzelne Wort, das über den Tisch flog, nahm sie auf, rollte es in ihrem Kopf hin und her, zerlegte es.
Anfangs war die Sprache nur ein wildes Chaos aus harten Silben und abgehackten Lauten gewesen, doch langsam fügten sich Muster zusammen.
Bestimmte Worte wiederholten sich.
Manche klangen ähnlich wie andere.
Sie zwang sich, geduldig zu sein, hörte zu, übersetzte, stockte, setzte wieder an.

„Das Wort... das muss 'essen' heißen... und das da... vielleicht 'schnell'? Oder 'gut'?", überlegte sie, während ihr Blick auf die Bewegungen der Grounder fiel.
Ein leises Lächeln stahl sich auf ihre Lippen.
Jedes Mal, wenn sie einen Sinn in den fremden Lauten entdeckte, fühlte es sich an wie ein kleiner Sieg – so, als würde sie einen verborgenen Schatz finden, den niemand sonst sah.
Dann jedoch fiel ihr auf, dass eine kleine Gruppe junger Krieger, zwei Plätze weiter links, über sie redete.
Sie hörte ihr eigenes Wort – „Freya" – inmitten ihres Gesprächs aufblitzen, und auf einmal ergaben die Sätze Sinn.
Ein stolperndes, noch unsicheres Verständnis, aber es reichte.
Sie verstanden sie - nicht gut - aber sie verstand.
Sie dachten, sie hörte nur stumm zu.

Freya hob den Kopf, sah kurz in ihre Richtung und dann wieder auf den Tisch.
Ihre Mundwinkel zuckten.
Dann, unwillkürlich, musste sie lachen.
Ein warmes, echtes Lachen, das sie nicht zurückhalten konnte.
Sofort verstummte die kleine Gruppe.
Einer der Jungen, mit einem kantigen Gesicht und dunklen Augen, starrte sie an.
„Ai gonplei...?" fragte er irritiert und beugte sich leicht vor. „Wieso lachst du?" Seine Stimme war neugierig, aber auch herausfordernd.

Freya hob langsam den Blick, sah ihn direkt an.
Ihr Herz klopfte nervös, doch sie zwang sich zur Ruhe.
Sie holte tief Luft – und sprach. Ihre Stimme war vorsichtig, beinahe schüchtern, doch die Worte formten sich klar.
„Yu ste yuj... don laik... jus daun bila ai."
(Ihr solltet wohl leiser sein, wenn ihr über mich redet.)

Ein tiefer, kollektiver Atemzug ging durch die Gruppe.
Plötzlich war es still.
Alle Augen waren auf sie gerichtet.
Der Raum, eben noch erfüllt von Stimmen, schien den Atem anzuhalten.
Freya spürte, wie ihr Herz in ihrer Brust raste.
Hatte sie es richtig gesagt? Oder hatte sie sich lächerlich gemacht?

Dann, wie ein Donner nach einer langen Stille, brach Gelächter los.
Erst nur ein paar vereinzelte Stimmen, dann mehr, bis schließlich der ganze Tisch lachte.
Der Junge, der sie gefragt hatte, schlug mit der Faust gegen den Tisch und rief laut auf Trigedasleng: „Oso laik! Ona gon klining!"
(Sie lernt! Sie spricht!)

Verak, der ihr gegenüber saß, warf den Kopf zurück und lachte stolz, klatschte in die Hände, und die anderen Grounder folgten ihm.
Das Klatschen schwoll an, rhythmisch, laut, bis es den ganzen Raum erfüllte.
Für sie.
Für Freya.

Sie sah sich um, unfähig, das breite Grinsen zu unterdrücken, das sich auf ihrem Gesicht ausbreitete.
Ihr Herz pochte vor Wärme, ihre Augen glänzten.
All die Augenpaare, die sie sonst oft misstrauisch oder kühl betrachtet hatten, blickten sie jetzt lachend und zustimmend an.
Sie hatten für sie geklatscht.
Für Freya.

Der Abend legte sich wie ein dunkler Schleier über das Grounder-Lager.
Das Knistern der großen Feuer, die zwischen den Hütten brannten, war gedämpft, Stimmen klangen nur noch wie vereinzeltes Murmeln. Müdigkeit lag über dem Dorf, selbst die Wachen sprachen kaum.
Freya schleppte sich den schmalen Pfad entlang, ihr Körper war schwer von den endlosen Trainingsstunden mit Verak.
Jeder Muskel in ihren Armen brannte, ihre Beine fühlten sich wie Blei an.
Schweiß und Staub klebten auf ihrer Haut, und sie sehnte sich nur nach Ruhe.

Als sie die Tür zu ihrer Hütte öffnete, umfing sie die vertraute Stille des kleinen Raumes.
Kaum hatte sie den Schritt über die Schwelle getan, ließ sie sich nach vorn auf ihr Bett fallen.
Das einfache Fell, das als Decke diente, dämpfte ihren Aufprall, und sie lag eine Weile nur da, mit geschlossenen Augen, während ihr Atem langsam ruhiger wurde.
Doch anstatt einzuschlafen, griff sie mit der Hand unter ihr Kissen.
Dort lag es – ihr kleines Notizbuch, ummantelt von grobem Fell, die Seiten bereits unregelmäßig gefüllt mit Krakel und Symbolen.
Sie zog es hervor, setzte sich im Schneidersitz auf und blätterte durch die beschriebenen Seiten.

Zeichen, Wörter, Übersetzungen. Manche schief, manche fast unlesbar, doch alle waren ihr kostbar.
Jede Seite war ein Stück ihrer Anstrengung, ihres Willens.
Sie nahm die Kohle, die sie als Stift benutzte, in die Hand und begann zu schreiben.
Erst langsam, tastend.
Ein Wort, das sie heute von Verak gehört hatte.
Noch eins, das ein anderer Krieger beim Üben gerufen hatte.
Sie murmelte sie leise vor sich hin, formte die harten Silben mit den Lippen, so als müsste sie sie in ihr Fleisch einprägen.

Ihre Stirn legte sich in Falten, wenn sie ein Wort nicht mehr genau wusste, oder sie schrieb es zweimal hin, suchte nach einer Bedeutung, die sie aus dem Zusammenhang ziehen konnte.
Es war mühsam.
Kein Unterricht, kein Wörterbuch, kein Lehrer, der ihr sagte, ob es richtig war.
Nur ihre eigenen Ohren, ihr Gedächtnis – und der Wille, es zu lernen.
Nicht, weil sie dazugehören wollte.
Nicht, um eine von ihnen zu sein.
Sondern, weil sie sprechen wollte.
Weil sie wusste, dass Worte Macht hatten – und sie wollte, dass man sie ernst nahm.
Dass man sie wertschätzte.

Sie sah auf die letzten Seiten, auf denen ihre Schrift bereits sicherer wirkte als am Anfang.
Ein leises, erschöpftes Lächeln erschien auf ihren Lippen.
Sie schrieb noch ein Wort nieder, dann legte sie die Kohle beiseite.
Mit einem tiefen Seufzen ließ sie das Notizbuch neben sich sinken, strich mit der Hand über das raue Fell des Umschlags.
Es war ihr geheimer Schatz, ihr stiller Beweis dafür, dass sie nicht aufgab.

PROTECTOR; bellamy blakeWo Geschichten leben. Entdecke jetzt