Als Lily aufwachte war ihr kalt. Ihre Bettdecke lag zusammen geknäult am Bettende und ihre Füße hatten sich in zwei Eisklötze verwandelt. Auch in den Sommermonaten wurde es in den Kerkern nie wirklich warm, sodass sie froh war, dass sie normalerweise nicht hier unten schlafen musste.
Fröstelnd sah sie sich um. Im Zimmer war es dunkel, nur unter der Tür zeichnete sich ein schmaler Lichtstreifen ab. Sev musste also noch wach sein. Auf Zehenspitzen, um den kalten Steinboden so wenig wie möglich mit ihren bloßen Füßen zu berühren, schlich sie zur Tür und öffnete sie leise. Sev saß in dem provisorischen Bett, das sie gestern zusammen, direkt vor den Regalen mit den Vorratsgläsern für die Zaubertränke, aufgestellt hatten.
Er lehnte mit dem Rücken an den Holzkisten, gefüllt mit Käferaugen und getrockneten Pflanzen. Sie hatten sie diesen Sommer zusammen gekauft und eingeräumt. In seinen Händen hielt er, wie so oft, ein Buch. Vom leisen Knarren der Tür aufgeschreckt, schloss er es und legte es beiseite.
"Ich habe kalte Füße bekommen." Severus Snape blickte auf die kleine Gestalt, mit denen vom Schlaf verstrubbeltem Haar und erinnerte sich an die vielen Male, bei denen Lily in der Tür gestanden hatte und genau diesen Satz gesagt hatte. Das letzte Mal war schon Jahre her.
Ein Unbekannter hätte die Veränderung in seinem Gesicht nicht wahrnehmen können. Aber Lily kannte Sev besser als alle anderen. Seine Mundwinkel zogen sich kaum merklich in die Höhe und sein Blick wurde weicher, war nicht mehr so starr und unbeweglich nach vorn gerichtet. Sie wusste schon einige Sekunden vorher was er machen würde und lächelte, als Sev die Bettdecke anhob. "Schöne Träume, Lily." "Gute Nacht, Sev." Sie streckte ihre Füße unter den angewärmten Teil der Bettdecke, spürte wie die Wärme in ihre Füße zurückkehrte. Begleitet von dem leisen Rascheln der Buchseiten schlief sie ein.
Severus Snape saß einen Augenblick regungslos da, wartete bis ihre Atemzüge regelmäßig und tief wurden. Lily träumte im Schlaf, drehte sich unruhig hin und her. Er schaute auf ihren kleinen Körper herunter. Er war nicht der Einzige der sich vor dem morgigen Tag sorgte. Natürlich hatte er schon immer von dem Problem gewusst, seit seinem ersten Besuch bei Dumbledore. Aber damals hatte er noch Jahre gehabt um sich auf diesen Tag vorzubereiten. Jetzt waren diese Jahre vergangen.
Er konnte nicht anders, als sich Lily in seinem Unterricht vorzustellen. Ihren enttäuschten Blick wenn sie begriff, wie er alle anderen behandelte.
Aber Lily war stark, unbeeinflussbar. Sie würde all dem standhalten können. Zumindest hoffte er das. Sie wirkte so ungeschützt, der Welt ergeben, so wie sie dort lag und schlief. Ihr Gesicht war zur Seite gedreht, nur das rote verstrubbelte Vogelnest auf ihrem Kopf zeigte in seine Richtung. Es tat ihm weh, daran zu denken, wie er diese Unbedarftheit zerstören würde. Wie er schon längst dabei war, sie aufzulösen. Severus Snape wollte es nicht. Wollte nicht, dass sie in dem Zwiespalt zwischen Wahrheit und Lüge aufwuchs. Aber es blieb keine Wahl, es war im Interesse aller, es geheim zu halten.
Doch es war ungewiss, ob sie es schaffen würden und ungewiss, welche Probleme entstehen würden falls jemand dahinter kommen würde. Nicht für ihn, sondern für Lily. Schließlich wusste er um seinen Ruf in der Schule. Sie drehte sich wieder und lag jetzt mit dem Gesicht zu ihm. Im Moment sah sie so verletzlich aus, die Augen geschlossen, aber Severus Snape wusste dass dem nicht so war. Sie war stärker als die meisten vermuteten, wie stark würde sich zeigen.
Bis zu dem heutigen Tag wusste er nicht, was sie schon alles erlebt hatte in den fünf Jahren, bevor er sie gefunden hatte. Wusste noch nicht einmal, wer ihre Eltern waren. Er sah die Fragen nach ihrer Geschichte jeden Tag in Lilys Augen. Irgendwann hatte sie aufgehört Fragen zu stellen, er hatte sie nie zu ihrer Zufriedenheit beantworten können. Lily hatte die Unwissenheit akzeptiert. Und ab den morgigen Tag sollte sie auch noch ihn leugnen müssen.
DU LIEST GERADE
1 - Aschemädchen
FanfictionHP Fan-Fiction • Nach Jahren zwischen dicken Schlossmauern, dutzenden Büchern und einem dicht gewobenen Kokon aus Geheimnissen beginnt Lilys erstes Jahr an der Hogwartsschule für Hexerei und Zauberei. Unsicher, mit der stetigen Angst, ihre Verbindu...
