Draußen dämmerte es schon, lange Schatten fielen auf den Boden, wurden von den Betten verzerrt und verwandelten sich in skurrile Gebilde zwischen Lüge und Wahrheit.
Die Vorhänge des Bettes neben ihr waren zugezogen, kein Laut drang durch sie hindurch. Ob wohl einer der Versteinerten dahinter liegen würde? Wie sahen die versteinerten überhaupt aus?
Lily dachte an eine Marmorstatue, die plötzlich anfing zu zucken, mit den Augen zu zwinkern. Sie erschauderte und spinkste zu Madam Pomfreys Büro hinüber. Nichts rührte sich.
Lilys Körper kribbelte vor Neugierde, außerdem begannen die mit Salbe bedeckten Stellen an zu prickeln. Sie schob ihren Vorhang beiseite, dann hob sie ihren Zauberstab und ließ den Vorhang des gegenüberliegenden Bettes zur Seite fliegen.
Hinter ihm befand sich jedoch keine reglose Marmorstatue, sondern eine äußerst lebendige Gestalt mit langen schwarzen spitzen Ohren. Hinter dem Vorhang und vor dem Vorhang ertönten zwei langgezogene Schreie.
Alarmiert kam Madam Pomfrey aus ihrem Büro und mit einem Ruck schloss sie den Vorhang wieder. Schwer atmend lehnte Lily sich in ihr eigenes Bett zurück. Bei Merlins Unterhose, war das gewesen?
„Man schaut nicht hinter die Vorhänge fremderleuts Betten!", fauchte Madam Pomfrey aufgebracht und baute sich zwischen Lily und dem anderen Bett auf. „Wohl eher nicht in fremdertiers Betten.", murmelte Lily, mehr zu sich selbst als zu sonst irgendwem.
Madam Pomfrey hörte es trotzdem und schien innerlich zu explodieren. Lily rückte instinktiv nach hinten, um sich vor einem möglichen, aus ihren geblähten Nasenflügeln kommenden, Feuerball zu schützen.
„Sie haben nicht das Recht zu erfahren um wen es sich, bei den in meiner Obhut befindenden Patienten, handelt. Und Zauberstäbe will ich hier nicht mehr sehen. Wir befinden uns in keinem Klassenzimmer, sondern in einem Krankenflügel!" Lily biss die Zähne zusammen und ließ ihren Zauberstab noch tiefer in ihrem Ärmel verschwinden.
Einmal hatte sie einen von Sevs Zaubertränken verpfuscht, als sie goldene Funken hineinfallen lassen hatte, da hatte sie sich gewünscht, ihr Zauberstab würde unsichtbar werden. Er war es tatsächlich geworden und hatte für ein paar Tage verrückt gespielt. Bis Lily allein im Wald war und, zugegebener Maßen versehentlich aber dennoch, ein Einhorn aufgescheucht hatte. Lily hatte schon das Horn zwischen ihrem zweiten und dritten Rippenbogen verschwinden gespürt, als sich ihr Zauberstab in einer riesigen blauen Wolke wieder meldete.
Das Einhorn verschwand im Wald.
Damals hatte Sev das Recht gehabt, auf sie sauer zu sein, jetzt hatte Madam Pomfrey es ebenso. „Es tut mir leid, Poppy.", sagte Lily zerknirscht. Madam Pomfrey kniff zunächst fragend die Augen zusammen, dann wurde ihr Blick weicher. Lily hatte sie angefangen Poppy zu nennen, als sie mit gerade einmal neun Jahren bei ihr im Bett geschlafen hatte. Über Monate hinweg mit den fiesesten Drachenpocken, die man sich vorstellen konnte. Aber sie hatte die kritische Phase überstanden und obwohl sie die Krankenschwester nie danach gefragt hatte, ahnte sie, wie nah sie dem Tod damals gewesen war.
Die Zornfalte auf ihrer Stirn legte sich. „Weiß ich doch. Aber gnade dir Dumbledore, wenn du dich noch einmal erwischen lässt." Halb amüsiert, halb ernst kehrte sie Lily den Rücken zu und verschwand kopfschüttelnd wieder in ihrem Büro. Lily tastete nach ihrem Zauberstab. Er war noch sichtbar, sehr gut.
Vorsichtig legte sie ihn auf ihren Nachttisch. Dann grinste sie breit. Sich nicht noch mal erwischen lassen war eindeutig nicht dasselbe wie es ist dir verboten es nochmal zu tun. Nur sollte sie sich dieses Mal etwas besser anstellen.
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1 - Aschemädchen
FanfictionHP Fan-Fiction • Nach Jahren zwischen dicken Schlossmauern, dutzenden Büchern und einem dicht gewobenen Kokon aus Geheimnissen beginnt Lilys erstes Jahr an der Hogwartsschule für Hexerei und Zauberei. Unsicher, mit der stetigen Angst, ihre Verbindu...
