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Anscheinend hatte Lily mit ihrem Versuch Ginny zu helfen alles nur noch schlimmer gemacht. Noch ratloser als zuvor, versuchte sie sich, von ihrem schlechten Gewissen abzulenken. Gerne wäre sie noch einmal nach draußen gegangen, selbst wenn dann die Gefahr bestanden hätte, Jaspers schwarzem Lockenkopf zu begegnen. Aber der Dauerregen der immer wieder zwischen dicken Tropfen und kleinen Eissplittern hin und her wechselte, machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Stattdessen ging sie in die Bibliothek.

Die Bibliothek von Hogwarts war ein besonderer Ort. Hier mischte sich die Magie des Pergaments und der Wörter mit der Magie und der Faszination von Wissen. Lange Regale reihten sich aneinander, ragten weit über ihren Kopf hinaus in die Höhe. Und obwohl die Bibliothek Lily eigentlich ein vertrauter Ort war, war sie erst wenige Male so weit in ihren Tiefen verschwunden wie heute.

Die Geschichte von Hogwarts war seit den Angriffen pausenlos ausgeliehen und die Wartelisten waren noch nie länger für ein Bibliotheksbuch gewesen. Doch sie suchte nicht nach ihnen, sie suchte nach einem dünnen Buch, das einmal vor vielen Jahren als Ergänzungsband der Geschichte von Hogwarts erschienen war. Sie hatte es schon einmal in den Händen gehalten, es dann aber doch wieder zur Seite gelegt. Jetzt wollte Lily es wieder finden. Wollte wissen, was ein möglichst unabhängiger Autor über die Ignoranz und Arroganz der Gryffindors schrieb.

Gedankenverloren strich sie über die vielen Buchrücken, genoss das Gefühl von Ruhe und Abstand von dem Chaos das gerade um sie herum wütete. Mal fühlte sie kühles Leder, mal weichen Stoff. Erst einige Reihen weiter bückte Lily sich und zog hinter drei dicken braunen Bänden über die Zauberei im 16.Jahrhundert ein weiteres Buch hervor. Es war, seitdem sie es das letzte Mal in den Händen gehabt hatte, von keiner anderen Person aufgeschlagen worden. Der Stoffeinband war vierfarbig. Rot für Gryffindor, grün für Slytherin, blau für Ravenclaw und gelb für Hufflepuff.

Einst hatte man auf der Vorderseite wohl das Hogwartswappen sehen können, doch im Laufe der Zeit war das Wappen zu einem grauen Schatten verblichen. Lily ließ sich in einem der vielen Ledersessel sinken und schlug das Buch auf. In den nächsten Stunden würde sie niemand mehr aus der Welt von Godric Gryffindor oder Rowena Ravenclaw zurückholen können. Nur einige wenige Stunden wollte sich alles um sich herum vergessen können. Den starren Katzenkörper von Mrs. Norris um den Fackelhalter, das bleiche verkniffene Gesicht ihres Vaters und den abweisenden Blick in Ginnys Augen.

Der späte Nachmittag ging in den Abend über, die Sonne verschwand hinter den Bergen und ließ Hogwarts in der Dunkelheit versinken. Lily wurde müde, die letzten Wochen hatten sie erschöpft. Als sie merkte wie die Worte vor ihren Augen zu tanzen begannen und in einander glitten, beschloss sie es für heute gut sein zu lassen. Bis jetzt hatte das Buch noch nichts hervorgebracht, das wichtig gewesen wäre. Lily gähnte hinter vorgehaltener Hand.

Die Bibliothek hatte sich geleert, die Stille hatte sie sich zurückerobert. Nur noch das Licht einiger Lampen erhellte die langen Büchergänge. Lily erhob sich, als sich plötzlich ein Schatten aus dem Schatten des Regals löste und auf sie zutrat. Erschrocken stolperte nach hinten und fiel in den Sessel zurück. Das Buch, das sie in der Hand gehalten hatte, landete mit einem dumpfen, die Stille durchbrechenden Geräusch auf dem Boden. Hinter dem Regal trat Harry Potter hervor.

Ihre Blicke begegneten sich. „Tut mir leid, ich wollte dich nicht stören." Sein Blick flackerte unruhig. Lily wusste nicht, was sie antworten sollte. „Keine Sorge, ich werde dich schon nicht angreifen. Ich hatte je heute schon meinen Spaß." Mit einem undeutbaren Schnauben wandte Harry sich ab und begann den Gang zurück zum Ausgang zu laufen. Völlig verdutzt blickte Lily ihm hinterher. Es dauerte einen Moment bis sie verstand. Er dachte sie hätte Angst vor ihm. Schnell sprang sie auf und holte Harry kurz vor dem Ende der Regalreihe ein.

1 - AschemädchenWo Geschichten leben. Entdecke jetzt