Nicht nur die Opfer der Angriffe befanden sich in einem unwiderrufbaren Zustand der Starrheit, das gesamte Schloss war in einem solchen gefangen. Alle warteten sie nur darauf, dass es weiterging, dass noch etwas passierte. Es war ein schreckliches Warten auf den alles beendenden Schlusspunkt, auf das letzte Wort vor der Stille.
Nur die wichtige Endphase des Wiederbelebungstranks lenkte Lily von der immer währenden Bedrohung ab, die die Schule so fest im Griff hatte, wie Professor Sprout die Alraunen beim Umtopfen. Bald würden sie reif sein und die Versteinerten zurück ins Leben rufen. Aber selbst der Trank konnte nur die Folgen eines Angriffs bekämpfen und nicht die Tat selbst. Es war zum Verrücktwerden, alles drehte sich im Kreis, man kam nicht vor und zurück. Dennoch zermarterte ihr etwas an der ganzen Sache den Kopf, ließ ihr keine ruhige Minute mehr.
Wütend schlug Lily Verwandlung für Anfänger zu. Sie hatte ohnehin bloß aufgeschlagen vor ihr liegen gehabt, um ihre Ruhe zu haben. Gequält massierte sie sich die Schläfen, es fühlte sich so an, als säße jemand auf ihrem Gehirn und würde mit einem riesigen Kochlöffel darin herumrühren.
Und das alles, während der Komplize des Gehirnrührers damit beschäftigt war, ihre Eingeweide mit einander zu verknoten. Sie musste unbedingt ins Bett, vielleicht würden sich Kopfschmerzen und Übelkeit bis zum morgigen Tag erledigt haben. Zumindest versuchte Lily sich das einzureden. Dabei wusste sie ganz genau, dass sie nicht auf Grund eines Schlafmangels an diesen Symptomen litt. Nein, es war das Gefühl etwas Gewaltiges übersehen zu haben, das sie so malträtierte.
Im Schlafsaal stolperte sie über ein Büchergebirge, das sich vor ihr auftürmte. Lily seufzte. Bevor sie sich in den Gemeinschaftsraum gesetzt hatte umso zu tun als würde sie arbeiten, war es noch nicht dagewesen. Widerstrebend machte sie Licht und ignorierte das schmerzhafte Pochen in ihrem Kopf.
Laureen war wirklich die Unordnung in Person. Überall ließ sie ihre Sachen herumliegen, die Hauselfen waren ihrem Chaos schon längst nicht mehr gewachsen. Sie vergaß stets, wo sich ihre Sachen befanden und kaufte sich kurzer Hand neue. Lily legte sich flach auf den Boden und langte unter Ginnys Bett, um eines der Bücher hervorzuziehen. Doch anstatt eines glatten Buchrückens ertasteten ihre Fingerspitzen einen weichen Federflaum.
„Lumos.", flüsterte sie. Unter Ginnys Bett wurde es hell. Der rote Farbkleckser, den Lily schon bei ihrer Aufräumaktion gefunden hatte, war immer noch da. Die Aktion schien ihr plötzlich Lichtjahre entfernt.
Lily zog einen Umhang hervor, er lag zusammengeknäult unter ein paar Federn verborgen. Auch er war mit roten Farbklecksen bedeckt. Sie waren eingetrocknet, an ihnen klebte ebenfalls Federflaum. Wo war der zweite, noch unbesudelte Umhang, den sie ebenfalls hier gefunden hatte? Und an was genau weigerte sich ihr Gehirn zu denken, wenn sie diese Farbe sah?
Ein flaues Gefühl breitete sich in ihrer Magengegend aus, als hätte jemand ein Glas Eiswürfel in ihrem Bauch ausgeschüttet. Die Eiswürfel betäubten ihre Übelkeit, die körperlichen Schmerzen verblassten neben ihrer düsteren Vorahnung zu unwichtigen Lappalien.
Ihre Gedanken überschlugen sich, ließen Lily die feinen Haare auf dem Unterarm zu Berge stehen. Anstatt sich mit einem guten Buch in ihrem Bett zu verkriechen, tauschte sie ihre Socken gegen feste Schuhe und ließ ihren Zauberstab in den Ärmel gleiten. Vorsichtig schob sie den Umhang wieder unter das Bett zurück. Ihre Hand zitterte, als sie Laureens Buch hervorzog und es beiseitelegte, wie ein Relikt aus einem anderen Zeitalter. Niemand achtete auf sie, als sie das Portraitloch beiseiteschob und verbotenerweise hinauskletterte. Die schmerzvolle Erinnerung an Hermine blitzte in ihr auf, wie sie Lily garantiert daran gehindert hätte, den Gemeinschaftsraum zu verlassen.
Oder zumindest nicht ohne eine gute Erklärung.
Die Gänge lagen wie ausgestorben da und auf einmal kam Hogwarts ihr fremd vor. Das Schloss existierte ohne seine Schüler, aber lebendig war es nicht mehr. Sie musste Ginny finden, dem Ganzen ein Ende bereiten. Etwas stimmte nicht, stimmte schon seit geraumer Zeit nicht mehr. Lily hatte es schon viel zu lange ignoriert. Ginny hatte sie ums ihre Hilfe gebeten, aber anstatt sich um sie zu kümmern, hatte Lily zugelassen, dass es ihr schlecht ging.
DU LIEST GERADE
1 - Aschemädchen
Fiksi PenggemarHP Fan-Fiction • Nach Jahren zwischen dicken Schlossmauern, dutzenden Büchern und einem dicht gewobenen Kokon aus Geheimnissen beginnt Lilys erstes Jahr an der Hogwartsschule für Hexerei und Zauberei. Unsicher, mit der stetigen Angst, ihre Verbindu...
