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„Professor Snape hat gerade noch ein paar Bücher vorbei gebracht. Ich habe sie dir auf deinen Nachttisch gelegt." Lily schlug die Augen auf. „Ich habe geschlafen?", sagte sie erstaunt. „Ja, du bist immer noch nicht richtig gesund.", erwiderte Madam Pomfrey, als habe Lily ihren Beschluss noch eine Nacht mehr im Krankenflügel zu bleiben, in irgendeiner Weise angezweifelt.

Seufzend lehnte Lily sich zurück und schlug den ersten Buchdeckel auf. Die Märchen von Beedle dem Barden kannte Lily schon fast auswendig, Sev hatte ihr daraus immer vorgelesen, wen sie krank gewesen war. Damals hatte er sich manchmal noch frei genommen und gesagt, ihn hätte eine heftige Grippe erwischt. Vielleicht hatte Madam Pomfrey ja auch deswegen ein Problem mit Sev. Es war immer ihr gemeinsames Geheimnis gewesen, dass er den Unterricht ausfallen ließ, nur um bei ihr zu bleiben und ihr vorzulesen.

Später dann hatte Abby auf sie aufgepasst und jetzt lag sie alleine neben Madam Pomfreys Büro. Lily fieberte der Schulende entgegen, in der Hoffnung, dass Ginny kommen würde, um sich zu entschuldigen. Immerhin hatte sie jetzt hier im Krankenflügel für sie gelogen, den anderen weiß gemacht, dass sie zu dumm war, um Treppen zu steigen. Wahrscheinlich hätte Sev Gryffindor gleich fünfzig Punkte abgezogen oder Ginny bis zum Schuljahrsende Bartflechten entwirren lassen. Bestimmt würde Ginny jede Sekunde in der Tür erschienen, vorsichtig näher treten und sich entschuldigen. Aber Ginny kam nicht, auch keine Stunde nach Unterrichtsende, keine zwei Stunden und auch nicht nach dem Abendessen. Lily fühlte sich erschöpft von der endlosen Warterei auf nichts und wieder nichts. Noch bevor Madam Pomfrey ihr ihr eigenes Abendessen gebracht hatte, war sie eingeschlafen.

Widerwillig hatte Madam Pomfrey Lily am nächsten Morgen entlassen, mit der Anordnung, ihr linkes Bein regelmäßig zu bewegen und zu kräftigen. Ihr Kreislauf spielte noch ein bisschen verrückt als sie sich schwankend aus ihrem Bett erhob, aber sie riss sich zusammen und ließ sich nichts anmerken. Nach einem kurzen Abstecher in ihren Schlafsaal, der glücklicherweise leer war, verließ sie den Gemeinschaftsraum schon fast fluchtartig wieder. Niemand beachtete sie, obwohl Lily nicht wie üblicherweise die Schuluniform trug, sondern ihre einzigen Muggelsachen, eine Hose mit weit ausgestellten Beinen und einen grauen Wollpulli der ihr einige Nummern zu groß zu sein schien.

Es zog Lily nach draußen, nachdem sie die Ländereien in den letzten Tagen immer nur aus dem Fenster blickend hatte sehen können. Ihr Atem verformte sich in der Luft zu weißen Schwaden, die in den Himmel empor stiegen und sich dort mit den immer dunkler werdenden und sich zusammen ballenden Wolken vermischten. Eine Windböe zerrte an ihren Haaren und Lily schlang die Arme um ihren Körper um sich warmzuhalten.

Doch auch die Kälte und das sich androhende Unwetter ließ Lily nicht von ihrem Plan abbringen. Außerdem hatte sie Madam Pomfrey ja sowieso versprochen, ihr Bein ausreichend zu bewegen. Es war natürlich nicht nur das, sie wollte einfach wieder frische und kalte Luft atmen, selbst wenn, oder gerade wenn sie dafür auch Regentropfen in Kauf nehmen musste. Sie näherte sich mit schnellen Schritten dem ersten Gewächshaus und trat danach in den dunklen Schatten der Bäume, damit Professor Sprout, die sich im zweiten Gewächshaus befand, sie nicht entdeckte. Schadenfroh dachte sie an die Schüler, die gerade bei ihr im Unterricht saßen, sie hatte für den heutigen Tag noch frei bekommen. Offiziell natürlich, damit sie ihre Hausaufgaben für die kommende Woche noch erledigen konnte.

Die Luft brannte kalt in ihren Lungen und Lily fragte sich, ob die Temperatur schon unter null gefallen war. Langsam verfiel sie in ein langsames Trotten, das sich trotz der pochenden Wade gut anfühlte. Für eine Zeit lang existierten nur die dichtstehenden Tannen und die in der Nacht vom Frost starr gefrorene Erde, die sich langsam wieder in braunen Matsch zurück verwandelte.

1 - AschemädchenWo Geschichten leben. Entdecke jetzt