„Du ... du bist so sturköpfig, so ... so grießgrämig, es ist unfassbar!" Sarah griff sich mit beiden Händen verzweifelt auf den Kopf, während sie hastig auf- und ab ging. Wenn Hoggle nicht wollte, dann wollte er einfach nicht. Er mochte zwar ihr Freund sein, doch selbst für den allerbesten Freund sollte man kein Risiko eingehen, nein, eigentlich sollte für niemanden eines eingegangen werden! Jedenfalls war das die Meinung des Zwerges, die er jedoch lieber für sich behielt. Es war besser, Sarah nicht noch mehr zu reizen.
„Ich habe doch nie behauptet, dass du mich begleiten sollst, oder?", fragte sie ihn zum hundertsten Mal an diesem Abend. „Du sollst mir doch nur einen Weg ins Schloss zeigen, wo ich nicht entdeckt werden kann. Und lüg nicht, ich weiß, dass du einen kennen musst, immerhin kennst du dieses Labyrinth wie deine Westentasche."
Hoggle winkte ihre Frage so wie die Male zuvor missmutig mit einem „Ach" ab, wischte sich seine großen Hände an seiner Hose ab und verstaute weiterhin seine wertvollsten Schätze, die er über die Jahre gesammelt hatte, in einem Erdloch hinter einer Kommode.
Sarah seufzte genervt. Sir Didymus spielte verlegen an seiner Hutfeder und hatte sich bisher nicht eingemischt, doch es war wohl unvermeidbar. Sarah musste irgendwie zur Vernunft gebracht werden, ohne dass sie von der Drohung erfuhr. Er beschloss, ihr wenigstens einen Teil der Wahrheit zu erzählen, vielleicht würde das helfen.
„Mylady, Ihr wisst, dass wir Euch sehr schätzen und dass uns Eure Sicherheit sehr am Herzen liegt, nicht wahr? Der ehrenwerte Hoggle möchte Euch nur schützen, nehmt es ihm nicht persönlich. Wenn unser hoher König wünscht, Euch nicht zu treffen, bedeutet das, dass die Sicherheitsvorkehrungen im gesamten Reich verschärft wurden und ein Durchkommen ohne gesehen zu werden, ein unmögliches Unterfangen ist. Ich würde Euch liebend gerne begleiten und Euch glorreich vor all den ebenbürtigen Gegnern schützen, aber ich kenne den Weg nicht. Zudem würdet ihr den König damit verärgern, und vor ihm–" Er seufzte und man konnte ihm ansehen, wie schwer es ihm fiel, die folgenden Worte zuzugeben, „-kann selbst ich Euch nicht schützen." Sarah kniete sich lächelnd vor den Fuchs und nahm seine Pfote in ihre Hand.
„Ich weiß es sehr zu schätzen, dass Ihr mich schützen wollt, Sir Didymus. Aber die Dinge haben sich verändert und ich bin kein Kind mehr. Ihr wisst, dass ich krank bin und daher mit einem weit größeren Feind zu kämpfen habe. Es gibt da eine Sache zwischen dem König und mir, die ich klären muss. Er kann mir nichts anhaben und seine Schergen auch nicht. Ihr seid ein tapferer Ritter, lieber Sir Didymus, aber diesen Kampf muss ich, so wie schon einmal, alleine austragen."
Hoggle hatte längst aufgehört, seine Schätze zu verstauen und dem Gespräch gelauscht. Er wusste genau, dass das Mädchen sich nicht von ihren Plänen abbringen ließ. Was würde es ihm also nützen, ihr von den Veränderungen des Labyrinths zu berichten, die er seit ihrem letzten Besuch wahrgenommen hatte? Der König kehrte zwar deutlich geknickt, aber nicht weniger wütend zurück, nachdem Sarah eindeutig über ihn gesiegt hatte. Diese angestaute Wut ließ er an seinen Untertanen aus, aber er veränderte damit auch das Labyrinth. Allerlei bösartige Geschöpfe, die es locker mit Ludo aufnehmen konnten, irrten darin umher; giftige Pflanzen und Pilze sprossen aus den dunklen, fast schwarzen Mauern. Hoggles Gefühle entzweiten ihn förmlich; ja, Sarah war seine Freundin und sie brauchte seine Hilfe, aber die Angst, womöglich für immer in das Moor des ewigen Gestanks verbannt zu werden oder schlimmer noch, kopfüber hinein gehängt zu werden ... erneut sollte er nun über seinen Schatten springen.
Brummend und vor sich hin murmelnd stand er auf, klopfte sich die Hände nochmal an seinen Hosen ab und kam zu den beiden. „Sarah, also ... naja, es ... also, es gibt da vielleicht einen Weg, den ich dir zeigen kann ... aber nur zeigen, du musst ihn auf jeden Fall alleine gehen. Ich ... muss dich aber warnen. Der Weg ist gefährlich und das Labyrinth hat sich seit deinem letzten Besuch darin verändert."
„Oh Hoggle!", stieß Sarah freudig aus und umarmte ihn fest. Unter Gezeter löste der Zwerg sich aus ihrer Umarmung, hob seinen Zeigefinger vor Sarahs Nase und erklärte ihr langsam noch einmal: „Du musst alleine gehen, hast du verstanden? Wenn der König uns erwischt, rollen unsere Köpfe. Aber ... bist du dir denn wirklich sicher, dass du das tun willst?" Sarah nickte. Sie war so entschlossen, wie sie es damals zu Tobys Rettung gewesen war, dennoch konnte sie die Sorgen ihrer Freunde gut verstehen. Ihr Vorhaben war gefährlich, zu gefährlich für ihre Freunde; sie war insgeheim froh, diesen Weg alleine gehen zu müssen.
Sie hatte nichts mehr zu verlieren, denn ihre Würde hatte der König ihr genommen – und die wollte sie sich zurückholen, selbst wenn es bedeuten sollte, mit Würde zu sterben.
Als die ersten Sonnenstrahlen durch das Fenster hereinbrachen, war Sarah bereits hellwach und auf den Beinen. Sie hatte nicht schlafen können und Sir Didymus' und Hoggles abwechselndem Schnarchen gelauscht, was sie zumindest ein wenig beruhigt hatte. Ludo hatte es sich an einem nahen Baum bequem gemacht und brummte lautstark im Schlaf. Möglichst leise war sie von ihrem provisorischen Bett gekrochen, um Sir Didymus, der sich auf einigen Decken zusammengerollt hatte, nicht zu wecken und noch einige Sachen in ihre Tasche gepackt. Danach war sie zu Hoggle gegangen und hatte ihn sanft an der Schulter berührt, um ihn zu wecken. Ein mürrisches Grunzen verriet ihr, dass er wach war; dann rappelte er sich langsam auf, rieb sich mit den großen Händen über die müden Augen und nickte Sarah wortlos zu.
Es fiel ihr schwer, nicht wehmütig zurück zu blicken; sie wollte sich und ihren Freunden nicht die Möglichkeit nehmen, dass sie möglicherweise siegreich zurückkehrte, obwohl ebenso das Gegenteil eintreten konnte. Einen Abschied ertrug sie nicht, sie durfte nicht wieder weinen. Sie musste stark sein.
Ein längerer Fußmarsch folgte, den beide schweigend auf sich nahmen. Hoggle führte sie entlang der Mauer des Labyrinths. Gelegentlich streckte er seinen Arm und fuhr mit der Hand die moosigen Steine entlang, klopfte, zuckte mit den Schultern und ging weiter, Sarah im Schlepptau.
Nach schier endloser Zeit und etlichen Wiederholungen dieses Vorgangs hatte Hoggle endlich gefunden, wonach er gesucht hatte. Er war vor einem Ziegel der Mauer stehen geblieben, der nur wenige Millimeter von den anderen hervorragte, was Sarah mit ihren Augen gar nicht wahrgenommen hätte. Nachdem er geklopft hatte, begann der Boden unter ihren Füßen ein wenig zu beben und eine Falltür öffnete sich unter Aufwirbeln jeder Menge Staubs.
Sarah, deren Hals vor Aufregung ohnehin schon trocken und wie zugeschnürt war, hustete und wedelte das Wölkchen mit der Hand vom Gesicht fort. Sie strich sich eine lästige Haarsträhne hinter das Ohr und begutachtete die schwarze Tiefe, die sich vor ihr aufgetan hatte, mit leiser Beunruhigung. Die ganze Zeit über hatte sie angenommen, dass Hoggle sie zu dem Eingang des Labyrinths führte und konnte die Überraschung darüber nicht verbergen. Ihr kleiner Freund bemerkte Sarahs besorgten Gesichtsausdruck. „Das Labyrinth selbst ist zu gefährlich", sagte Hoggle. „Deshalb gehst du besser hier entlang – aber unterschätze auch diesen Weg nicht. Nichts ist so, wie es scheint." Es war stockfinster. Winzige, unebene Treppen führten ins Unbekannte, begrenzt von den erdigen und von Wurzeln durchsetzten Wänden.
Sarah gestand ungern, dass sie klaustrophobisch war und enge Räume mied, so gut es ging. Sie wusste, dass sie an diesem Punkt noch aufgeben, einfach umkehren und alles Ein- für allemal vergessen konnte.
Mit leisem Zögern trat sie auf die erste Stufe und wandte sich zu Hoggle um, der sie besorgt ansah. „Sarah, du musst das nicht-"
Sie nahm seine Hand, zog ihn zu sich und umarmte ihn; der Zwerg wehrte sich diesmal nicht, im Gegenteil, er erwiderte Sarahs Umarmung. Als sie sich trennten, blinzelte Hoggle heftig gegen die Tränen an. Er wollte sie so gern unterstützen, aber er wusste, dass es Sarahs alleiniger Kampf war und dieser Abschied ihr letzter sein konnte.
„Warte, Sarah." Er nestelte an seinem Gürtel und nahm einen ledernen Beutel ab, der daran befestigt war. Er reichte ihn Sarah, die die Schnürung öffnete. Darin fand sie ein Stück Brot und ein paar getrocknete Beeren; ein kleines Vorratspäckchen. Sarah wusste, dass der Zwerg selbst gerade so über die Runden kam.
Sie wollte vor Hoggle nicht erneut zu weinen beginnen, daher deutete sie wortlos auf sich selbst und formte lautlos die Worte „Für mich?" und küsste den Zwerg, nachdem er genickt hatte, auf die Stirn.
„Pass gut auf die anderen auf, Hoggle."
„Ich passe solange auf, bis zu wieder zurück bist, Sarah, ich verspreche es. Versprich du uns, dass du zurückkommst."
„Bis bald, Hoggle. Ich habe euch sehr lieb, vergiss das nicht."
„Red keinen Quatsch. Mach's gut."
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I will be your slave
FantasíaSarahs Rückkehr aus dem Labyrinth liegt einige Jahre zurück, und doch holen sie die Erinnerungen immer wieder ein. Als ihr Leben völlig auf den Kopf gestellt wird, ist sie gezwungen, zurück zukehren, sich neuen Problemen und Gefühlen zu stellen - u...
