Unwillkürlich rang Sarah nach Luft und sog diese gierig ein, als wäre sie soeben aus dunklen, tiefen Gewässern aufgetaucht. Heiße Tränen brannten in ihren Augen, sodass sie ihre Umgebung nur verschwommen wahrnahm; die kreisenden Gedanken, die an ihre Schläfen zu hämmern schienen, machten die Situation nicht gerade einfacher für sie.
Sie atmete mehrmals tief ein, um sich zu beruhigen. Dabei schossen die ersten Tränen hervor und hinterließen eine kühle Spur auf ihren Wangen; allmählich sank ihr hoher Puls und sie fand sich auf ihren Knien wieder, die sich in taunasses Gras gruben.
Sie erkannte sattgrüne Blätterranken mit unzähligen, verschlossenen Knospen, die einen kreisrunden, dichten Wall bildeten und sogar ein Dach formten, durch welches nur fahles Mondlicht fiel. Kleine, helle Lichtchen tanzten in dem Blättermeer; sie erinnerten Sarah an die kleinen Feen, doch bei genauerem Augenschein erkannte sie unzählige Glühwürmchen.
Rasch wischte sie ihre Tränen mit dem Ärmel fort und erhob sich. Eine leichte Brise trug den frischen, erdigen Geruch des Grases unter ihren Füßen an ihre Nase – und ließ eine lange, weiße Feder vor ihr sanft zu Boden gleiten.
Sarah bückte sich danach und betrachtete sie anschließend mit leicht gerunzelter Stirn. Sie fühlte sich angenehm weich zwischen ihren Fingern an. Ein leises Fiepen ließ sie in die Richtung blicken, aus der das Geräusch gekommen war: in der Mitte der kleinen Lichtung fand sie plötzlich eine steinerne Bank wieder, auf der sich eine Schleiereule niedergelassen hatte. Die großen, weisen Augen beobachteten sie aufmerksam, doch sonst regte sich das Tier nicht – auch nicht, als Sarah langsam auf es zukam. Erneut sank sie, direkt vor der Eule, auf ihre Knie.
Erst jetzt neigte das Tier seinen Kopf zur Seite, so als ob es eine Reaktion Sarahs' erwartete.
„Ich ... weiß nicht, was ich sagen soll", begann sie schließlich heiser, überwältigt von all den Geschehnissen, von all den Gefühlen und unausgesprochenen Worten. „Ich war doch noch ein Kind, Jareth! Das einzige, was für mich zählte, war meinen Bruder zurückzuholen, den ich fortgewünscht hatte. Was hast du erwartet? Ich hatte Angst, ihn für immer zu verlieren. Ja, ich habe stets an Feen, Kobolde und andere Fabelwesen geglaubt, aber ich hatte niemals erwartet, auch eines herbei zu wünschen, nur mit meinen kindlichen Worten – und plötzlich warst du hier, inmitten des Raumes, warst der fleischgewordene Prinz, wie ich ihn mir immer erhofft hatte ... dass er mich eines Tages fortbringen würde. Und trotzdem: ich war ein Kind, Jareth, naiv und ängstlich. Was willst du hören, dass es mir Leid tut? Ja, das tut es - schließlich wolltest du mir nur meinen dummen, unüberlegten Wunsch erfüllen ..." Sie endete und wartete, doch die Eule machte keinerlei Anstalten. Stattdessen klackerte sie leise mit ihrem Schnabel.
Sarah spürte erneut Tränen hochsteigen, diesmal aus Enttäuschung, dass er sie scheinbar mit Ignoranz bestrafte.
„Was soll ich tun? Ich werde nicht um Umgebung betteln, falls du das erwarten solltest. Ja, ich habe Fehler begangen, doch du hast dir ebenso deine Rache dafür genommen, auch wenn du insgeheim dafür gesorgt hast, dass mir nichts geschieht. Du ... du hast ja nicht die geringste Ahnung, wie es mir nach meiner Rückkehr ging, besonders, als ich älter wurde – meine Stiefmutter war der Ansicht, mit mir stimmte etwas nicht, weil ich mich nicht in der Lage fühlte, Jungen meiner Schule zu daten. Ich habe es versucht, aber ich musste immer wieder an diesen Tanz denken, an dieses seltsame Gefühl, das ich sonst noch nie zuvor verspürt habe. Lieber habe ich mich in mein Zimmer zurückgezogen und mich schlafen gelegt, um wenigstens noch einmal ... diesen Augenblick erleben zu dürfen. Meine Stiefmutter brach in Tränen aus, als sie mein Tagebuch fand und in meinen Erlebnissen herumschnüffelte, wollte, dass mein Vater mich zum Arzt schickte."
Sarah schaffte es nicht, das Schluchzen zu unterdrücken. Ihr Hals schnürte sich immer weiter zu und brannte entsetzlich. „Nachts, wenn ich schlief, träumte ich vom Labyrinth, von den Kobolden und meinen Freunden ... und immer wieder bist du mir erschienen, standest einfach nur da und hast mich lächelnd angesehen, doch nie auch nur ein Wort gesagt. Ich durchlebte den Ball hunderte Male, hörte deinen Gesang und wurde fast verrückt, weil ich niemals erfahren würde, ob sie der Wahrheit entsprachen oder nur ein gemeiner Zauber waren. Und als ich anfing, mich schwach und müde zu fühlen, ... als ich krank wurde, da - manchmal glaubte ich, aufgewacht zu sein und fand dich neben mir auf dem Bett sitzend, als hättest du mich beobachtet, als ich schlief ..." Sarah konnte nicht mehr an sich halten; sie vergrub das Gesicht in ihren Händen und schluchzte hemmungslos. Es war ihr mittlerweile gleichgültig, was er von ihr denken mochte, wenn er sie so sah.
„Ich war niemals fort", hörte sie eine leise Stimme hinter sich sagen. Rasch nahm sie die Hände vom tränennassen Gesicht, erblickte die Eule, die nach wie vor auf dem Bänkchen ruhte und das Gefieder putzte. „Aber – ich verstehe nicht ...", stammelte sie und wollte sich schnellst möglich aufrappeln, doch ihre Beine fühlten sich taub an und gehorchten ihr nicht, sodass sie meinte, gleich zu stürzen; aus Wut und Verzweiflung über ihre Schwäche, aber auch Jareths Tricks, schossen noch mehr Tränen über ihre Wangen und ein leise gestöhntes Nein entfuhr ihr.
Kräftige Arme verhinderten einen Sturz, indem sie unter ihre Achseln glitten und scheinbar mühelos auf die Füße hoben. Es ging so schnell, dass Sarah gerade noch einen Blick auf schimmernde, schwarze Handschuhe werfen konnte, bevor diese wieder verschwanden.
Nach kurzem Zögern wandte sie sich um, die blassen Hände zur Faust geballt; sie musste furchtbar aussehen mit den vom Weinen geröteten Wangen und müden Augen.
Jareth hingegen wirkte so unnahbar wie eh und je mit seinen markanten, strengen Gesichtszügen und seiner stets erhabenen Haltung, die er nicht einmal dann wirklich verlor, wenn er seinem Ärger freien Lauf ließ. Seine Augen sprachen jedoch Bände und loderten wie unbändiges Feuer, forderte man ihn heraus.
„Komm." Er deutete auf das nun leere Bänkchen; die Eule war fort. Sacht berührte er Sarahs Rücken, damit diese sich daraufhin zu bewegte und um sie notfalls zu stützen, sollte sie erneut schwächeln. Gemeinsam ließen sie sich nieder, wobei Jareths dunkler Umhang leise raschelte. Er streckte seine langen, schlanken Beine mit den kniehohen Stiefeln und überkreuzte sie, während seine Hände auf seinem Schoß ruhten.
Nach kurzem Schweigen, in dem Sarah ihre Gedanken halbwegs zu ordnen suchte, ergriff der König das Wort, den Blick stets auf die junge Frau gerichtet.
„Eine Geschichte hat niemals nur eine Seite, Sarah. Nun, da du meine fast zur Gänze kennst, gilt es, noch zu erzählen, wie du mich beinahe getötet hättest."
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I will be your slave
FantasySarahs Rückkehr aus dem Labyrinth liegt einige Jahre zurück, und doch holen sie die Erinnerungen immer wieder ein. Als ihr Leben völlig auf den Kopf gestellt wird, ist sie gezwungen, zurück zukehren, sich neuen Problemen und Gefühlen zu stellen - u...
