Bilder des Labyrinths - I

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Sarah saß in dem Fenster, die Beine mit den Armen umschlossen, und beobachtete den rötlich-orangenen Sonnenaufgang. Sie war bereits vor einer Weile aufgewacht und mit einem Schlag war ihr wieder bewusst, dass sie gar nicht in ihrem Zimmer Zuhause war; dass sie nicht im Krankenhaus war ... wann würde man dort ihr Verschwinden bemerken, und vor allem, wie lange würde sie ohne die medizinische Therapie durchhalten?
Seltsamerweise hatte sie wunderbar geschlafen und fühlte sich erholt. Sarah warf einen Blick auf die Stühle vorm Kamin. Sie konnte sich noch daran erinnern, dass sie hier tags zuvor mit Jareth gesessen und mit ihm geredet hatte, aber nicht, wann sie eingeschlafen war.
Ein leises Klopfen an der Tür riss sie aus ihren Gedanken. Die Tür öffnete sich einen Spalt breit und ein Kobold mit großen Kulleraugen lugte herein, erblickte Sarah und verschwand wieder, nur um im nächsten Augenblick mit einem Silbertablett in den Händen hereinzukommen. „Mylady, ich bringe Euch Frühstück", piepste er freundlich. Er legte das Tablett am Fuß des Bettes ab und wandte sich zum Gehen. „Oh, der König lässt Euch ausrichten, dass ihr gerne die Bibliothek und den Schlossgarten – aber nicht das Labyrinth - nutzen könnt. Leider ist seine Majestät bis mittags mit Audienzen beschäftigt. Einen angenehmen Tag." Sarah nickte. Es war zwecklos, weiter darum zu betteln, ihre Freunde sehen zu dürfen, vor allem, wenn der König sie nicht sehen wollte, was sie annahm. Sie hatte ihren Wunsch geäußert, aber sie musste nach seinen Regeln spielen und geduldig sein – erfüllte sie ihren Part, so würde er auch seinem nachkommen müssen.

Sie badete, kleidete sich neu ein und aß ein bisschen. Der heiße, süße Tee wärmte und sie war bereit, das Schloss ein wenig auf eigene Faust zu erkunden. Sarah würde dem Angebot, die Bibliothek zu besuchen, gerne folgen. Bücher waren ihre Leidenschaft, und wer hatte schon die Chance, sich womöglich verzauberte Wälzer anzusehen?
Sie verließ ihr Gemach und lief einige Treppen hoch, irrte einige Korridore entlang, während sie nach Hinweisen zur Bibliothek suchte. Sarah war sich sicher, dass einige Stunden vergangen waren, als sie endlich vor einer gewaltigen Flügeltür stand, über der ein gewaltiges steinernes Buch prangte. Ein gusseiserner Türklopfer in Form eines Vogelkopfs mit langem Schnabel zierte die Tür. Sarah legte ihre Hände auf das Holz, um das Tor zu öffnen, als der Türklopfer lauthals krähte und den Kopf schüttelte.
„Wie denn, was denn, wo willst du denn hin?", fragte das Ungetüm, während der Ring in seinem Schnabel klirrte. „Unbefugten ist der Zutritt verboten, Liebchen!"
Sarah stemmte die Hände in ihre Hüften und runzelte die Stirn. „Ich habe die Erlaubnis des Königs, und nenn mich nicht so", gab sie säuerlich zurück. Der Vogel gackerte.

„Wie denn, du", er betonte das letzte Wort besonders, „sollst hinein dürfen? Kein Sterblicher darf das. Wie bist du überhaupt in das Schloss gelangt, Liebchen? Ich sollte wohl um die Wachen krähen. WA-CHEN, WA-" Sarah umklammerte den Schnabel blitzschnell und brachte den Türklopfer damit zum Schweigen. Sie hatte die offizielle Genehmigung, dennoch konnte sie es nicht gebrauchen, dass des Königs Schergen hier jetzt aufkreuzten und ihr womöglich Probleme bereiteten.

„Bevor du weiter Unruhe stiftest", sagte Sarah, „ich bin Gast des Königs, in Ordnung? Ein Goblin war bei mir und hat mir diese Botschaft überbracht. Hörst du jetzt auf, so einen Lärm zu machen, ja? Gut. Dann lass mich jetzt rein." Sie ließ los und der Türklopfer hustete gekünstelt. „Schon gut, schon gut", krähte er, „tritt ein. Meine Güte, es will sich aber auch niemand mit mir unterhalten, traurig, traurig." Sarah grinste.
Die Flügeltür schwang mit einem Mal auf und gab einen schmalen, dafür aber sehr langen Raum frei. Von der hohen Decke hingen große Kerzenleuchter. Die Bücherregale, die die Wände zierten, reichten bis zu den Leuchtern und waren allesamt voll von Büchern. Mehrere Leitern ragten in diese schwindelerregende Höhe.
Am Ende des Raums befand sich ein großer Kamin, in dem bereits ein Feuer loderte. Davor befand sich ein nicht allzu großer Tisch mit schönen Schnitzereien, auf dem sich ein paar Werke stapelten, und ein dazu passender, mit dunkelrotem Samt überzogener Sessel, der mit seiner hohen Rückenlehne eher an einen Thron erinnerte. Sarah ging an den hohen Regalen entlang und strich mit ihren Fingerspitzen dabei vorsichtig über die alten, ledernen Einbände.
Sie versuchte, einige der Schriften zu entziffern, konnte allerdings nicht erkennen, ob es sich um ihre Sprache oder eine ihr fremde handelte. Einige Reihen später entdeckte sie ein Buch, dessen glänzend roter Einband ihr Interesse weckte.

Vorsichtig nahm Sarah es von seinem Platz und musterte es. Es trug weder einen Titel noch eine sonstige Verzierung, aber als sie es an einer beliebigen Stelle aufschlug, sprangen ihr die wohl farbenfrohsten Bilder entgegen, die sie bisher gesehen hatte. Eines der Bilder zeigte einen Wald in seinen orangenen Herbstkleidern und eine Fee; sie war größer gezeichnet worden als die kleinen Wesen tatsächlich waren, mit einer Liebe zum Detail, dass Sarah vor Staunen schwindelte. In den Flügeln lag ein silberner Glanz und feinste Muster, die mit dem bloßen Auge wohl kaum zu erkennen waren. Neben dem Bild fand Sarah Notizen, verfasst in einer eleganten, kursiven Schrift, die sie jedoch nicht vollständig lesen konnte.

Als sie weiterblätterte, fand sie ähnlich getreue Bilder von Goblins und anderen Wesen, die sie bisher noch nicht gesehen hatte. Sie beschloss, sich das Buch noch etwas genauer anzusehen, klemmte es unter ihren linken Arm und ging damit zum Tisch, wo sie sich auf den weichen Sessel fallen ließ. Vor ihr lag ein aufgeschlagenes Buch, das sie wegen der anderen gestapelten zuvor nicht gesehen hatte. Es zeigte einen alten Mann auf einer Parkbank, der nachdenklich auf den Boden vor sich starrte. Sie legte das Buch, das sie immer noch unterm Arm hatte, auf ihren Schoß und widmete sich ihrem neuen Fund. Das nächste Bild zeigte zwei Kinder, die gemeinsam das Abklatschspiel spielten. Sämtliche Zeichnungen waren mit schwarzem Kohlestift angefertigt worden, anders als die Fabelwesen. Von Neugier gepackt, blätterte sie weiter. Ihr Herz machte einen Satz und ihre Augen weiteten sich ungläubig.

Ein Mädchen starrte auf sie zurück, die Augen, über denen markante Augenbrauen ruhten, schienen ihren Blick zu erwidern. Ihre vollen Lippen waren leicht geöffnet, während ein Schwall dunklen Haars auf ihre Schultern fielen. Es trug einen Kranz aus weißen Blumen auf dem Kopf, von dem einzelne Fäden sich mit ihrem Haar mischten; trotz der dunklen Kohle erkannte Sarah sich selbst wieder. Es erinnerte sie an den Tag, als sie ihre Rolle einstudiert hatte. Das Bild verschwamm etwas und sie rieb sich die Augen. Musste das Kerzenlicht sein, das ihre Augen ermüdete. Als es erneut, und diesmal stärker verschwamm, blinzelte Sarah; als sie dann einen Druck in ihrem Bauch fühlte, der rasend schnell zu einem schneidenden Schmerz wurde, wusste sie bereits, dass sie dringend Hilfe benötigte, und doch brachte sie kein Wort hervor.

Sie fiel von dem Sessel unter den Tisch, und während sich ihre Sicht weiter trübte, robbte sie mit aller Kraft in Richtung der Tür. Als Sarah schon glaubte, dass ihre Zeit nun gekommen war, spürte sie, wie sie von jemandem auf den Rücken gedreht wurde, zwei kräftige Arme sie mit einer seltsamen Leichtigkeit hochhoben. Sie ließ die Schwärze über sich kommen, willens, alles zurück zu lassen.

I will be your slaveWo Geschichten leben. Entdecke jetzt