Kuss der Wahrheit

563 44 3
                                        

„Koboldkönig", war das einzige, was Sarah in jenem Moment hervorbrachte und war zugleich peinlich berührt, dass sie nichts Sinnvolleres zu sagen hatte. Noch schlimmer war jedoch, als sie realisierte, dass sie sich wohl minutenlang an ihm festgehalten hatte. Ruckartig stieß sie sich von ihm fort. Jareth quittierte ihre trotzige Reaktion mit einem rauen Lachen.
Er schien ihr, wie sonst auch, immer überlegen zu sein. „Koboldkönig?", wiederholte er schmunzelnd, „ich weiß, dass ich das bin, aber vielen Dank für die freundliche Erinnerung. Ich denke, wir können die Formalitäten beiseite lassen, du kennst meinen Namen – und ich erlaube dir, mich bei ihm zu nennen." Jareth verschränkte seine Arme hinter dem Rücken, wartete.
„Wie lange verfolgst du mich schon?", wollte Sarah wissen, bevor sie ihre Frage anders formulierte: „Wie lange beobachtest du mich bereits?"
Sein Lächeln verschwand, während sich seine Züge verhärteten und ein seltsamer Ausdruck in seine Augen trat. Er musste nicht auf Sarah zugehen; sie nahm ihm diese Arbeit ab, wollte ihm beweisen, dass sie ihn nicht so sehr fürchtete, wie er es sich gewünscht hatte.
„Ich habe beinahe überall meine Späher, aber meine Kristalle halfen ebenso", antwortete er knapp, ließ somit Sarahs Frage unbeantwortet.
Ein kühler Luftzug fuhr rauschend durch die beleuchteten Baumkronen. Sarah verschränkte fröstelnd die Arme. Sie erschrak, als sich fließender seidiger Stoff von hinten über ihre Schultern legte und Jareth ohne Umhang an ihr vorbei zu dem Teich schritt, wo er sich elegant auf einem Baumstamm niederließ. Überrascht blickte sie ihm nach, wickelte sich dann in diesen ein. An dem Umhang haftete ein wohltuender Geruch, den sie mit geschlossenen Augen genüsslich einsog. Es dauerte ein paar Sekunden, bis sie begriff, dass sie soeben Jareths Duft und Körperwärme genossen hatte. Beschämt folgte sie ihm und ließ sich gegenüber auf einem Stein nieder. „Ich war schon einmal hier, doch es war nur im Traum", sagte Sarah leise, nachdem beide eine Weile geschwiegen hatten. Die Schönheit dieses Ortes bedarf keiner Worte, dachte sie. Ja, dieser Ort strahlte pure Magie aus; natürlich tat er das, er war schließlich Jareths Werk. „Oder ist es wieder nur ein Traum?"
Jareth schüttelte den Kopf. Plötzlich erhob er sich und schritt unruhig, wie ein Raubtier auf der Jagd, umher. „Sarah, warum bist du hier, wo ich dich doch fortgeschickt habe?", fragte er mit tadelndem, scharfem Ton; sein Blick durchbohrte sie dabei. „Dein Wunsch war, deine Freunde zu treffen. Diesen habe ich dir erfüllt."
Sarah, alarmiert durch den Sinneswandel Jareths, stand ebenfalls auf. Als sie zu ihrer Reise zum Schloss aufgebrochen war, waren da so viele Worte in ihrem Kopf gewesen, die sie sich zurecht gelegt hatte, wenn sie auf ihn traf. Nun war alles wie fortgespült. Dennoch gab es unendlich viel Ungesagtes zwischen ihnen.
„Warum wolltest du mich als Gast in deinem Schloss? Nur, um mich dann fort zu schicken?", konterte Sarah, sich dessen bewusst, dass sie Jareth soeben provozierte; nun, da sie ihre Selbstsicherheit wiedergefunden hatte, konnte sie nicht mehr an sich halten. „Hast du mich nur hierher gebracht, um mir weh zu tun, indem du eine Illusion meiner toten Mutter schaffst?!" Sie schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter – sie zu verletzen war ihm gründlich gelungen.
Jareth quittierte mit einem kurzen Lächeln, bevor seine Miene wieder ernst wurde und er in der Dauer eines Lidschlages auf einmal ganz dicht vor Sarah stand, den Kopf fragend zur Seite geneigt. Überrascht schnappte sie nach Luft; daran konnte sie sich einfach nicht gewöhnen. Blonde Strähnen fielen durch eine sanfte Brise in sein schmales Gesicht.
„Du wünschst also Antworten? Ist es das, was du willst? Antworten auf all die Fragen, die dich schon all die Jahre quälen?", knurrte er leise. Er tat einen weiteren Schritt auf Sarah zu, sodass sie ungewollt zurückwich. Nach wie vor ruhten seine ungewöhnlichen Augen auf ihr, als würde er ihre Gedanken lesen wollen. Tatsächlich gab es ein Meer an Fragen und Erinnerungen, die sie sseit jeher verfolgten – aber ihn um etwas zu bitten? Sarah schluckte, nickte kaum merklich nach kurzem Zögern. „Sprich die Worte, Sarah", flüsterte er erwartungsvoll und bedeutete ihr mit einem Handwink, fort zu fahren. „Und ich werde dir, so wie stets, die Wahrheit sagen. Ich bin an die reine Wahrheit mit meinem Blut gebunden."
Seine Präsenz übte einen eigenen Zauber auf Sarah aus, denn sie konnte nicht aufhören, ihn anzustarren; sein hochgewachsener, schlanker Körper, gepaart mit der unbändigen Mähne und das markante Gesicht. Sie verstand nicht, was er damit meinte, konnte sich aber auch nicht wirklich darauf konzentrieren.
„Ich-", begann sie heiser, „ich wünsche, dass der Koboldkönig ..."
Ihre Brust hob- und senkte sich schnell. Ihre Gedanken rasten vor Aufregung, sie schaffte es nicht, sie zu ordnen. Der Mann, den sie einst sehr gefürchtet und ihre Weltanschauung ein für allemal verändert hatte, bot ihr die Antwort; die Wahrheit, auf die sie so lange warten hatte müssen.
„... ja?", drang seine tiefe Stimme hervor, während ein Lächeln seine Lippen umspielte.
Sie atmete tief durch, schloss für einen kurzen Augenblick die Augen, bevor sie sprach. „Ich wünsche, dass der Koboldkönig mir Antworten auf meine Fragen gibt."
„Wie du wünschst", hauchte er, „lass es mich dir zeigen ..."
Alles geschah so schnell; er gab Sarah nicht die Möglichkeit, zu reagieren.
Jareth zog Sarah mit einer schnellen Bewegung an sich, sodass der Umhang von ihren Schultern glitt. Sie stieß gegen seinen Oberkörper, spürte dabei die Wärme, die von ihm ausging, und wie sie sie ergriff; mit seiner Hand an ihrem Rücken presste er sie fest an sich, während er mit der anderen Sarahs Kinn anhob. Ihr Blick traf den seinigen, und unwillkürlich erschauderte sie, während sie ihn mit großen Augen ungläubig anstarrte, den Mund überrascht geöffnet. Der Duft des Flieders, jetzt so intensiv wie noch nie zuvor, wirkte benebelnd. Sie versuchte halbherzig, sich von ihm zu lösen, doch sein Arm war eisern um sie geschlungen, zudem seine leuchtend blauen Augen (die nicht verschiedenfarbig waren, sondern eine Pupille enorm geweitet war, wie Sarah im unmöglichsten Augenblick feststellte) hypnotisierend wirkten. Ihr Herz barst beinahe, und gewiss konnte Jareth ihren rasenden Herzschlag spüren, als sich sein Gesicht dem ihren so weit näherte, dass sie seinen warmen Atem spüren konnte. „Wehr dich nicht", sagte er und klang beinahe zärtlich, bevor er das tat, was alles verändern sollte.
Sonne und Mond zierten zur selben Zeit das Himmelszelt, Freud' und Leid trafen zusammen; die Zeit stand in dieser und der Menschenwelt still, als seine Lippen die ihren kaum merklich berührten, nur streiften. Dennoch schossen vor Überraschung weiße Fünkchen vor Sarahs geschlossene Lider. Seine Muskeln spannten sich unter der Kleidung spürbar. Jareths Hand wanderte von ihrem Kinn an ihren Nacken; seine weichen Lippen schmeckten süß, wie Sarah verwirrt feststellte, und er schien erfahren zu sein. Ihr Puls verlangsamte sich, die Augen weiterhin geschlossen, während ihr ganzer Körper scheinbar entspannte, sich voll und ganz Jareths Umarmung hinzugeben schien ... bis er sich von ihr löste, sodass sie verwundert ihre Augen öffnete. Von der Waldlichtung war nichts mehr zu sehen, stattdessen stand sie inmitten des Schlafzimmers ihrer Eltern, vor dem Bettchen ihres Babybruders, der unglücklich weinte. Der Koboldkönig war fort.


I will be your slaveWo Geschichten leben. Entdecke jetzt