Am nächsten Tag schlug Sarah die Augen auf und wusste, dass sich nichts verändert hatte. Die ganzen Papiere, die sie vom Krankenhaus erhalten hatte, lagen nach wie vor auf ihrem Schreibtisch.
Die Schwester hatte sich recht bald, nachdem Sarah das Krankenhaus verlassen hatte, bei ihr gemeldet und ihr mitgeteilt, dass sie am nächsten Abend erscheinen sollte; ihre Therapie würde spät abends beginnen.
Sarah lag diese Nachricht den ganzen Tag über wie ein schwerer Stein im Magen. Sie konnte nichts essen, obwohl ihre Stiefmutter immer wieder dazu anhielt, wenigstens ein bisschen zu sich zu nehmen. Sie hatte ihre Sachen bereits gepackt und wartete auf den Abend.
Als es schließlich zu dämmern begann, sah sie sich noch einmal in ihrem Zimmer um, in dem sie nichts verändert hatte, obwohl die meisten Gleichaltrigen ihre Kindheitserinnerungen mit einem beschämten Lachen bereits entsorgt hatten. Sarah hätte das nicht übers Herz gebracht, all ihre Sachen einfach zu entsorgen. Sie gaben ihr ein Gefühl der Geborgenheit und des Schutzes, und sie hatten alle ihre eigene Geschichte zu erzählen.
Sarah nahm die kleine Spieluhr mit der Tänzerin im weißen Kleid und drehte sie in ihren Händen; sie war ein Geschenk ihrer verstorbenen Mutter gewesen. Sie drehte den Schlüssel und beobachtete die Tänzerin, die sich zu der leisen Melodie bewegte. Sarah beschloss, die Spieluhr mitzunehmen.
„Sarah?", hörte sie ihren Vater die Treppen hinauf rufen, „wir müssen langsam los. Bist du fertig?"
„Ja", antwortete Sarah. Sie packte die Spieluhr noch ein, ging zu ihrer Zimmertür und ließ ihren Blick ein letztes Mal über ihre Sachen schweifen. Danach verließ sie es mit ihrer Tasche, nur um prompt Toby in die Arme zu laufen. Er war gerade vier geworden. Seine großen Augen lachten Sarah an und er streckte seine Arme nach ihr aus. Sie bückte sich, hob ihn hoch und küsste ihn auf die Wange.
Sarahs Stiefmutter kam aus Tobys Zimmer hinterher und schenkte beiden ein warmes Lächeln. „Ich denke, er will dir damit sagen, dass du das schaffen wirst", sagte sie.
Ihre Stieftochter nickte, küsste Toby noch einmal zum Abschied und ging die Treppen runter, wo ihr Vater sie bereits mit den Autoschlüsseln in der Hand erwartete. Ein Blick auf ihre Uhr verriet ihr, dass es bereits nach acht Uhr abends war.
Die einstündige Autofahrt zum Krankenhaus verlief größtenteils schweigend. Keiner von ihnen beiden wusste so recht, worüber gesprochen werden sollte. Ihr Vater begleitete sie bis auf ihr Zimmer, obwohl Sarah gemeint hatte, dass das nicht nötig wäre – er ließ es sich jedoch nicht nehmen.
Er wartete auch noch, bis Sarah sich ihren Seidenpyjama angezogen hatte und im Bett lag. Er wartete, bis der Arzt mit einer Schwester kam, Sarah erneut untersuchte, um ihr dann einen Zugang zu legen und eine klare Infusion anzuhängen. ‚Giftsäckchen', dachte Sarah.
Der Arzt drehte am Ventil, bis die Flüssigkeit zu tropfen begann. Sarahs Hände fühlten sich eisig an und sie unterdrückte ein Zittern. Schnell wandte sie den Blick von der Infusion ab und sah ihren Vater an, der immer noch da stand.
„Es ist gut, Dad", sagte Sarah. „Du kannst nach Hause fahren. Ich komme schon zurecht." Sie setzte ein aufmunterndes Lächeln auf, wusste aber, dass sie verkrampft dabei aussah und ihr Dad sich nicht täuschen ließ.
Dennoch lächelte er zurück. „Du schaffst das", sagte er schließlich. „Du bist stärker, als du denkst. Bist du sicher, dass ich nicht hier bleiben soll?" Sarah schüttelte den Kopf.
„Ich brauche sowieso dringend etwas Schlaf. Ich bin müde. Fahr nach Hause zu Linda und Toby, hier kannst du ohnehin nicht viel ausrichten. Wir sehen uns dann morgen, wenn der Arzt mir erlaubt, nach Hause zu gehen."
Ihr Vater nickte. Sarah konnte die Traurigkeit förmlich von seinem Gesicht ablesen, und das tat ihr unendlich weh.
Letztendlich hatte sie es geschafft, ihn davon zu überzeugen, sie allein zu lassen. Als er ging, warf er ihr ein letztes Lächeln zu und schloss die Tür hinter sich.
Sarah war nun wirklich müde geworden. Sie löschte das Licht auf ihrem Nachttischchen und schloss die Augen. Vor ihrem Fenster stand ein Baum, dessen dünne Äste durch den Wind leise an das Fenster klopften.
„Ich wünschte, es wäre einfacher", murmelte Sarah, bevor sie einschlief.
Sarah wusste, dass sie träumte, und dennoch konnte sie die leichte Brise, die durch ihr langes Haar fuhr, und den weichen erdigen Boden unter ihren Füßen fühlen.
Der orangefarbene Sonnenuntergang zierte den Himmel und letzte Sonnenstrahlen wärmten ihre Haut. Sie erblickte das Labyrinth und in der Ferne die Koboldstadt mit dem Schloss.
Wie sehr sie sich in den letzten Jahren doch immer wieder danach gesehnt hatte, hierher zurückzukehren. Sie ließ sich auf einen der großen Steine nieder, die verstreut lagen, um ihre Gedanken zu ordnen. Ihre Kindheit lag lange zurück, die Probleme des Alltags einer jungen Frau hatten sie allzu früh ereilt; sie sollte bald ihre neue Ausbildung beginnen, für die sie umziehen musste und ihre Stiefmutter hatte sie mit einem ermunternden Lächeln gedrängt, doch mit dem süßen Jungen ihrer besten Freundin auszugehen, er wäre gerade zwanzig geworden und doch so nett, ein fleißiger Student und noch Single!
Sarah schüttelte verärgert und zu gleich belustigt den Kopf. Linda schien sich um sie zu sorgen, weil sie mit ihren achtzehn Jahren noch kein einziges Date gehabt hatte; nicht, weil sie nicht hübsch genug war, denn Angebote hatte sie einige erhalten – es hatte sie nur nie interessiert, mit jemandem in ihrem Alter zusammen zu sein, mit jemandem, der nur wahrnehmen konnte, was er mit den Augen sah, jemandem, der erst so jugendlich war.
Sie schloss die Augen und fand sich vor dem Thron mit den weißen Armlehnen wieder. Niemand sonst war hier. Sarah streckte ihren Finger aus und strich bedächtig über die glatte Oberfläche; die kleine weiße Eule, die sie bereits die ganze Zeit über beobachtet hatte, war ihr nicht aufgefallen und sollte es auch nicht, als sie ein plötzlicher, schneidender Schmerz in ihren Eingeweiden durchfuhr und sie aus ihrem Traum riss.
Im nächsten Augenblick war Sarah hellwach und übergab sich in die Schüssel, die die Schwester ihr gegeben hatte.
Das Gift tropfte weiterhin langsam in ihren Körper.
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I will be your slave
FantasySarahs Rückkehr aus dem Labyrinth liegt einige Jahre zurück, und doch holen sie die Erinnerungen immer wieder ein. Als ihr Leben völlig auf den Kopf gestellt wird, ist sie gezwungen, zurück zukehren, sich neuen Problemen und Gefühlen zu stellen - u...
