Kapitel 22

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Schon seit etlicher Zeit betrachte ich den schlafenden Cisa. Viel mehr gibt es ja auch nicht zu sehen. Die Tür öffnet sich und eine Wache stellt unser tägliches Essen in die Zelle. Eine Flasche Wasser und ein Stück Brot. Langsam rutsche ich zu dem Essen und trinke ein paar Schlucke. ,,Jula?" ,,Ich bin hier."
,,Sei so lieb und gib mir etwas Wasser." Ich tue was er sagt und halte ihm die Flasche an den Mund. ,,Du bist ein gutes Mädchen. Nick hat großes Glück mit dir gehabt." Cisa legt seine kalte Hand auf mein Knie.
,,Du liebst ihn Jula, dass weiß ich. Und er liebt dich. Jemanden wie dich kann man nur lieben. Ihr gehört zusammen." ,,Da bin ich mir irgendwie nicht sicher."
,,Wenn ich nicht mehr da bin, dann hast du genug Zeit um nachzudenken. Die hatte ich hier auch." Bei den Worten zieht sich mein Herz zusammen. ,,Du kannst mich nicht alleine hier lassen", sage ich leise und merke wie mein Hals eng wird. ,,Er wird bald kommen, Kleines. Hab Geduld." ,,Die hatte ich noch nie."

Jede Stunde geht es Cisa schlechter und mit jeder weiteren Minute die verstreicht, habe ich mehr Angst um ihn. Angst wieder alleine zu sein, niemanden zu haben der mir einredet, dass Nick doch noch kommt. Cisa öffnet langsam seine Augen und schaut mich müde an. Ich wünschte ich könnte ihm irgendwie helfen, sein Leid beenden, doch ich kann nur tatenlos rumsitzen und nichts tun. Und genau das macht mich so wahnsinnig, dass ich kurz davor bin innerlich zu platzen.
,,Willst du was trinken?" Er schüttelt den Kopf. ,,Spar es dir für dich auf. Ich brauche es nicht mehr." ,,Cisa ich schaff das ohne dich nicht." Meine Stimme zittert und ich spüre wie sich Tränen bilden. ,,Jula, du bist ein starkes Mädchen. Denk nicht zu viel an mich. Das ist unnötig. Aber vergiss mich nicht. Du darfst trauern, Kleines, aber trauer nicht zu viel, lass es nicht dein Herz kaputt fressen." Meine erste Träne tropft auf seine Hand.
,,Ach Kleines." Er hustet ein paar mal. ,,Ich würde dir so gerne helfen." Cisa schüttelt den Kopf.
,,Werd glücklich mit Nick. Ich werde immer bei dir sein." Er drückt meine Hand und lächelt, während ich nur weiter heulen kann. Wieso passiert mir das? Und warum ist Nick noch nicht da? Er soll verdammt nochmal Cisa hier raus holen. ,,Ich hab einen letzten Wunsch", flüstert Cisa auf einmal ohne meine Hand los zulassen. ,,Ich tu alles."
,,Würdest du etwas für mich singen?" Ich nicke. Sofort fällt mir das Lied ein, was meine Mutter früher oft gesungen hat.
,,Would you know my name
If I saw you in heaven
Would it be the same
If I saw you in heaven
I must be strong
And carry on
Cause I know, I don't belong
Here in heaven
Would you know my name
If I saw you in heaven
Would you help me stand
If I saw you in heaven
Beyond the door
Theres peace, I'm sure
And I know, I just can't stay
Here in heaven."
Als ich aufhöre atmet Cisa nicht mehr und seine Hand hängt schlaff in meiner. Unzählige Tränen fließen aus meinen Augen und immernoch umklammer ich seine eiskalte Hand, als wäre es meine einzige Stütze. Irgendwie ist sie das ja auch. Vorsichtig schließe ich seine Augen und lehne mich an die Wand. Jetzt habe ich meine letzte Hoffnung verloren. Der einzige, der mir Mut gemacht hat, ist weg und wird nicht wiederkommen. Niemals mehr.

Seit Ewigkeiten starre ich auf Cisas Leiche. Tränen hab ich keine mehr, meine Augen brennen wie Feuer und mit Sicherheit sehe ich elendig aus, doch da es hier niemanden interessiert, ist es mit auch egal. Die Tür öffnet sich und eine Wache kommt rein. ,,Ist er tot?", fragt er vorsichtig und kommt etwas näher. Kurz schaue ich hoch, lasse meinen Kopf dann aber wieder auf meine Knie sinken. Der Mann geht zu Cisa, nimmt kurz sein Handgelenk in die Hand und lässt sie dann wieder los. ,,Es tut mir leid. Du scheinst ziemlich drunter zu leiden, aber ich muss ihn mitnehmen." Ausdruckslos blicke ich ihn an. ,,Du musst gar nichts", murmel ich leise, lauter hätte ich es eh nicht geschafft. ,,Anweisung vom Boss. Bestimmt hast du dich gut mit ihm verstanden. Cisa war ein guter Mensch. Oft haben wir uns durch die Zelle unterhalten."
,,Wieso hast du ihm nicht geholfen?" Fassungslos schaue ich die Wache an, welche auch etwas neben der Spur scheint.
,,Ging nicht. Der Bos hat es in sich. Hier. Nimm das." Er hält mir eine Flasche Wasser hin. Als ich sie nicht annehme stellt er sie einfach neben mich. Er nimmt Cisas mageren Körper und trägt ihn raus. Dann kommt er noch mal wieder. ,,Lass es nicht zu sehr an dich ran, Mädchen." Er will gehen, doch ich halte ihn auf. ,,Warte." Die Wache bleibt stehen. ,,Ist hier vor kurzem ein Liam angekommen?" ,,Ich glaube schon, wieso?" Liam lebt. Er hat hat es geschafft. Ich fange an zu lächeln, doch es ist nur ein trauriges, deprimiertes Lächeln.
,,Sag ihm, dass es mir gut geht und er soll sich keine Sorgen machen. Aber er soll nicht her kommen. Mein Name ist Jula."
,,Ich würde nicht behaupten, dass es dir gut geht." ,,Manchmal muss man lügen, damit andere glücklich sind." ,,Ich sage es ihm. Bis bald, Jula", lächelt er und verlässt die Zelle. Liam geht es zwar gut, das ändert aber nichts an der Tatsache, dass Cisa tot ist und die stille Einsamkeit wieder an mir hoch kriecht.

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