Die Kälte jenseits dieser vier Wände ist kaum mehr zu ertragen. Aber was sonst sollte ich mitten im Winter im entlegensten Winkel Alaskas schon erwarten? Strandwetter? Dann hätte ich nicht nach Tadem ziehen sollen, sondern zurück nach Charlottestown.
Was aber aus altbekannten Gründen eher kontraproduktiv wäre.
Um nicht zu schlecht über Tadem herzuziehen, muss man der Stadt ihre Eigenständigkeit lassen. Und dadurch, dass sie nicht wirklich an die Außenwelt und den damit verbundenen Nachrichten gebunden ist, ist dieser Ort wie geschaffen für uns. Uns, das sind Robin Brooks und ich. Eine geradezu fantastische Illusion, die so falsch zu sein scheint, so unrealistisch. Niemals hätte ich mir ausdenken können, jemals mit einem Psychopathen am Ende der Welt zu landen. Aber schlussendlich kommt es doch immer anders als erwartet, oder nicht?
Seit unserem mehr oder weniger spektakulären Ausbruch aus der Anstalt sind fünf Monate vergangen. Fünf Monate, die ich in Angst und Anspannung und in erster Linie in Unwissenheit über meine "Beziehung" mit Robin verbracht habe. Ein kleiner Teil in mir ist sich immer noch nicht sicher, ob er es wirklich so ernst mit mir meint. Aber dieser Teil ist so unbedeutend und nichtig, dass ich ihm keine Bedeutung schenke. Zweifel hat man schließlich in jeder Beziehung, richtig? Und bei Robin Brooks bleiben eben verdammt nochmal keine Zweifel offen.
Das Haus in dem wir momentan leben, ist wohl die Definition von sparsam. Die Möbel sind notdürftig zueinander gestellt und so etwas wie einen "Kleiderschrank" lässt sich bei uns überhaupt nicht finden. Die wichtigsten Gegenstände- ein Kühlschrank (der mir dank der Kälte relativ unnötig erscheint), einen Herd und ein Bett. Ja, ein Bett.
In den ersten Tagen hier in dieser Hütte war es ziemlich ungewohnt, neben dem Mann einzuschlafen, vor dem ich nur einige Wochen vorher ein ungutes Gefühlt hatte, überhaupt mit ihm unter dem selben Dach zu schlafen. Aber das Schicksal scheint einen einfach auf Wege zu leiten, die man sich selbst nie aussuchen würde. Und es hält auf jeden Fall genügend Überraschungen für jeden bereit.
Und ich denke, die größte Überraschung, die mir mein Schicksal gemacht hat war Robin kennenzulernen.
Und auf ihn warte ich in diesem Moment, über den Tisch gelehnt, tief vergraben in meiner Winterjacke und einen Tasse dampfenden Kaffee in den Händen. Mich hat es schon immer frustriert, wenn die Tasse trotz abartiger Kälte zu heiß ist. Es ist so verdammt unbefriedigend. Und die Tatsache, dass Robin schon seit zwei Stunden verschwunden ist ohne ein Wort zu sagen, macht die Gesamtsituation nicht gerade besser. Aber was kann ich schon anderes tun als auf ihn zu warten? Bei dieser Kälte werde ich ihm auf jeden Fall nicht draußen hinterherlaufen. Stattdessen lasse ich meinen Blick durch das Innenleben unserer Behausung schweifen. Man kann wirklich sagen, dass dieses Haus schon einmal bessere Zeiten gesehen hat. Unterstrichen wird das von der abblätternden Wandfarbe und den verräterischen Flecken an den Wänden, die zeigen, dass es hier sogar einmal einen Wasserrohrbruch gegeben haben muss, der nur mäßig repariert wurde. Nicht viel an der Einrichtung verrät, das hier zwei Menschen leben. Zumindest wenn man von den achtlos herumliegenden Klamotten und den durchwühlten Taschen auf dem Bett absieht. Und man vielleicht auch den Bücherstapel neben der Tür ignoriert. Alles in einem könnte man sagen, das das alles hier dem Gegenteil eines Zuhauses entspricht.
Und doch habe ich mich irgendwie in diesen Ort verliebt. Oder vielleicht nur in die Tatsache, das Robin hier ist. Mit mir. Zwangsläufig, wenn man es so betrachtet, aber... es fühlt sich gut an.
Als die Tasse leer ist, stelle ich sie in die Spüle und lasse mich auf das Bett fallen, das ein verräterisches Knarzen ertönen lässt. Auf jeden Fall hat auch das Gestell schon bessere Zeiten gesehen. Die Atmosphäre um mich herum, die Stille, die nur ab und zu von dem um das Haus peitschenden Wind unterbrochen wird, schläfert mich langsam ein, und das, obwohl ich gerade noch einen Kaffee getrunken habe. Aber vermutlich ist das ganze Koffein für die Wärmeerhaltung meines Körpers verbraucht worden.
Kurz bevor ich endgültig eingeschlafen bin, höre ich ein leises Klopfen an der Tür. Die Trägheit von vor ein paar Minuten scheint verflogen, ich springe förmlich aus dem Bett und gehe zur Tür, öffne sie und sehe Robin vor mir stehen. In seinen Haarspitzen haben sich einige Schneeflocken festgesetzt und sein Atem ist weiß. "Hey." Er bringt ein kleines Lächeln zustande.
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Robin Brooks - CHANGES
Novela Juvenil//!!Das ist der zweite Teil von 'Robin Brooks'. Um wirklich alle Inhalte zu verstehen, rate ich, den ersten Teil zuerst zu lesen.!!// Als Venice und Robin in Tadem, einer kleinen Stadt in Alaska, Zuflucht vor den Behörden finden, scheint endlich Ruh...
