Ich fühle mich schwach.
Seit Stunden befinde ich mich schon in der Küche, leere eine Tasse Tee nach der anderen und durchforste immer wieder die Schränke und Schubladen nach etwas Brauchbaren, irgendetwas, das mich meinen Erinnerungen näher bringen könnte. Die Tassen? Nichts. Die Teller? Keine Reaktion. Ich öffne die oberste Schublade und finde diverses Besteck darin. Während ich jeden Löffel, jede Gabel und jedes Messer einzeln in meine Hände nehme und mustere, klopft Robin zum wiederholten Mal gegen die Tür. "Geht es dir gut, Venice?" Der Löffel löst nichts in mir aus. "Ich bin okay. Ich versuche hier die Wahrheit herauszufinden." Kurz bleibt er still. "Okay. Sag mir Bescheid, falls es etwas neues gibt, in Ordnung?" Ich gebe ihm keine Antwort, da auf einmal das Messer in meiner Hand meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Der Griff ist feucht, wie als wäre er vor nicht allzu langer Zeit gewaschen worden, die Klinge zeigt mir mein Spiegelbild : Ich erkenne mein Aussehen wieder.
Ich spüre Angst und Wut, als ich das Messer in den Händen halte, den Drang, jemanden zu verteidigen. Was habe ich mit dem Messer erlebt? Was ist passiert? In meinem Kopf bilden sich immer mehr Puzzleteile, die ich versuche, zusammenzusetzen:
Robin schafft mich auf eine bisher für mich noch unklare Weise hierher. Als ich meinen Mut zusammenfinde, versuche ich mich zu wehren; ich greife nach dem Messer und versuche, mich zu wehren- er windet sich irgendwie aus der Gefahrensituation und knockt mich aus.
Und jetzt versucht er, ein vertrauensvolles Verhältnis zu mir aufzubauen. Was erwartet er? Dass ich dem Stockholm Syndrom verfalle und ihm verzeihe, was er mir angetan hat? Denn das muss es sein. Welche andere Erklärung sollte es geben?
"Du bist ein Monster, weißt du das?" , rufe ich, während ich das Messer in meiner Hand drehe.
Daraufhin öffnet er die Tür, betritt den Raum und schließt sie wieder hinter sich. Wortlos setzt er sich auf einen Stuhl, nicht, ohne mich aus den Augen zu lassen, ein starrer, ausdrucksloser Blick. Ich weiß, dass ich diesen Blick kenne.
"Wie heißt du?", fragt er. "Venice:"-"Und weiter?" Ich weiß es nicht. "Das geht dich überhaupt nichts an." Sein Blick ist eisern, er hält mich fest.
"Du heißt Venice Elizabeth Porter. Du bist 26 Jahre alt. Du bist in Charlottestown geboren und groß geworden. 2016 hast deine Arbeitsstelle in der freien psychiatrischen Anstalt 'Mental Healing' angenommen. Als Therapeutin. Und oh, Venice." Kurz schließt er tatsächlich seine Augen, wie als würde er mein Leben vor seinem geistigen Auge Revue passieren lassen. Das lässt mir zwei Sekunden zum Atmen. Dann öffnet er seine Augen wieder und ich versinke erneut. "Seit du zum ersten Mal in mein Zimmer gekommen bist, um mich zu behandeln. Seit ich dich das erste Mal gesehen habe, wusste ich, dass ich dich wollte. Aber nicht nur körperlich." Er erhebt sich, geht mit langsamen Schritten auf mich zu und nimmt mir vorsichtig das Messer aus der Hand, nur um es auf die Ablage zu legen. Seine Hände umschließen meine, und ich mache keine Anstalten, sie ihm zu entziehen. "Ich habe nie wirklich etwas auf menschliche Beziehungen gegeben. Menschen haben mich immer enttäuscht. Aber du, Venice." Seine rechte Hand wandert zu meiner Taille und er zieht mich näher an sich. Immer noch stehe ich wie unter Schock und kann mich nicht bewegen. Diese Augen hypnotisieren mich. "Du hast mich dazu motiviert, aus meinem Teufelskreis aus Lügen und Gewalt auszubrechen und neu anzufangen. Mit dir neu anzufangen." Ich weiß nicht was ich sagen soll. Noch mehr verunsichert es mich, als Robin tatsächlich Tränen über die Wangen rollen. Seine Stimme ist sanft, so unfassbar sanft und gebrochen, ich kann seinen Schmerz und die Tiefe seiner Gedanken nur erahnen, und das tut mir weh. Ich habe keine Erinnerung an unsere Vergangenheit, aber ihm scheint tatsächlich etwas an mir zu liegen. "Ich habe nie für eine Person mehr empfunden als für dich. Ich glaube, davor habe ich nie so etwas wie Liebe empfunden." Er stößt auf einmal ein verächtliches Schnauben aus. "Und ich habe das mit Füßen getreten. Du hast mir dein Herz geschenkt und ich bin davongelaufen. Ich bin ein emotionales Wrack, Venice. Und das habe ich jetzt davon: Eine Welt, die ich dir zu Füßen legen würde, und du erinnerst dich nicht einmal an meinen Namen." Er schließt mit einem schmerzvollen Ausdruck die Augen. "Robin." Ich presse meine Stirn gegen seine Brust. "Du heißt Robin Brooks." Er schließt beide Arme um mich und hält mich fest. "Bitte. Erinnere dich. Erinnere dich wieder daran, wer du bist. Wer wir sind."
Oh, ich will es versuchen. Aber du fühlst dich immer noch so fremd an.
Irgendwann lösen wir uns voneinander. Ich gehe in das Badezimmer und schließe die Tür ab. Ich muss mich im Spiegel sehen. Ich will mich erkennen.
Was ich sehe ist ein schmales, blasses Gesicht, blaue, mit tiefen Augenrändern unterzeichnete Augen und langes, blondes Haar. Wobei lang noch kein Ausdruck ist. Inzwischen reicht es mir bis unter die Taille. Schrecklich. So viel - und so schwer.
Weg damit.
Ich durchsuche die Schränke nach einer Schere, ich will sie mir abschneiden, ich will das Gewicht nicht mehr auf meinen Schultern wissen. Ziemlich symbolisch, aber es fühlt sich an, als wäre es längst überfällig.
Tatsächlich finde ich ein Messer in einem Fach unter dem Regalbrett und ich frage mich, wer um alles in der Welt so etwas tun würde.
Aber solange das Messer seinen Zweck erfüllt, will ich es so annehmen.
Ich teile meine Haare in zwei Hälften und lasse sie über meine Schultern fallen. Dann greife ich meine Haare auf Schulterlänge, setze das Messer an und- schneide zu. Fast 40cm Haar fallen in das Becken. Dann das selbe auf der anderen Seite. Ich blicke in den Spiegel und lächele. So fühle ich mich besser. "Perfekt.", murmele ich. So fühle ich mich imstande, die Vergangenheit auf mich zukommen zu lassen.
Als ich an diesem Abend in meinem Bett liege (Robin liegt neben mir- immer noch ist es mir eher unangenehm, aber ich versuche es zu akzeptieren. Vielleicht hilft es mir, mich wieder zu erinnern?), bin ich sehr nachdenklich. Was bin ich wohl für eine Person? Anscheinend eine auf Robin sehr anziehende. Ich kann nicht leugnen, dass das auf Gegenseitigkeit beruht. Er ist mir sympathisch geworden, irgendwo tief in mir spüre ich eine starke Bindung zu ihm. Kann man sich zweimal in die gleiche Person verlieben?
Ich denke, unter den gegebenen Umständen auf jeden Fall. Aber ein wichtiger Faktor dabei ist, dass man die Person kennen muss. Also strenge ich mich an. Ich habe die Nase mehr als voll von dieser Unwissenheit, es ist als würde man durch einen schwach beleuchteten Raum laufen. Mit Sehschwäche. Alles ist unklar, und man kommt nicht heraus.
Irgendwann nimmt die Erschöpfung überhand und trotz der Tatsache, dass ich die letzten drei Tage verschlafen habe, schlafe ich ein.
Und beginne zu träumen. Merkwürdig klare Träume.
Ich sitze in einem Raum, gegenüber von Robin- jedoch sieht dieser etwas jünger, etwas weniger sinnig aus. Eher überlegen, mit einem gleichgültigen Lächeln auf den Lippen. Er spricht, aber ich verstehe nicht, was er sagt.
Dann ein Zeitsprung. Wir stehen uns gegenüber, und die Spannung zwischen uns ist so hoch, dass ich sie in meinem Traum förmlich spüren kann. Seine Augen sprühen vor Wahnsinn und Mordlust. Ein weiterer Zeitsprung, und dich finde mich gefesselt wieder- Robin packt meine Handgelenke und zieht an mir, ich habe starke Schmerzen. Als nächstes spüre ich ein starkes Ziehen an meiner Kopfhaut, als jemand an meinen Haaren reißt.
Weitere Zeitsprünge. Ein sich entschuldigender Robin, viel Verwirrung- und schließlich eine Reise. Ich sehe sie klar vor mir, sehe mich mit Robin flüchten. Freiwillig und mehr oder weniger entschlossen. Ich sehe Momente der Wut, des Bereuens und von aufrichtiger Liebe. Und dann sehe ich eine weitere Person. Ihr Gesicht ist noch immer verschwommen, aber meine Emotionen sind plötzlich ganz deutlich- Robin, wie er somnolent am Boden liegt, meine Angst, ihn zu verlieren, die Wut auf die unbekannte Person. Das Messer. Und wie ein Hammer schlägt mir auf einmal die Erkenntnis auf den Kopf. Ich erwache mit einem lauten Schrei.
Ich schreie und schreie. Robin neben mir wird aus dem Schlaf gerissen und sieht mich entgeistert an. "Geht es dir gut?", fragt er, als ich mich allmählich beruhige. Er legt eine Hand auf meine zitternde Schulter.
Ich versuche einen klaren Gedanken zu fassen. Oder mir selbst eine Antwort auf meine Fragen zu geben. Aber es funktioniert nicht. Es geht einfach nicht. Ich muss es von ihm hören.
Meine Stimme zittert, aber ich bekomme trotzdem irgendwie einen zusammenhängenden Satz heraus:
"Was ist mit Nick passiert?"
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Robin Brooks - CHANGES
Teen Fiction//!!Das ist der zweite Teil von 'Robin Brooks'. Um wirklich alle Inhalte zu verstehen, rate ich, den ersten Teil zuerst zu lesen.!!// Als Venice und Robin in Tadem, einer kleinen Stadt in Alaska, Zuflucht vor den Behörden finden, scheint endlich Ruh...
