Unsere Wanderung dauert eine ganze Weile. Ich stapfe Schritt für Schritt durch den Schnee und habe aus irgendeinem unerklärlichen Grund die ganze Zeit das Sprichwort "man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr" im Kopf. Jeder Baum sieht exakt gleich aus und das stetige vor-sich-hin-stapfen wird nach einer Weile ziemlich langweilig. Das lässt mir viel Zeit zum Nachdenken.
Nachdenken über die letzten Monate. Meine Haare. Meine Gefühle zu Robin. Oh, immer und immer wieder kreisen meine Gedanken um dieses Thema.
Ich weiß nicht, wie lange wir so durch den Wald stapfen, ob es vier oder zehn Stunden sind, aber irgendwann wird es noch dunkler unter den ohnehin lichtundurchlässigen Baumkronen und ich habe Mühe, mich zurechtzufinden. Wie Robin das schafft? Andererseits ist er natürlich in allen Dingen übermenschlich, wieso also nicht auch hier draußen in der gottverlassenen Einsamkeit?
Nicht viel später hält Robin tatsächlich inne, runzelt die Stirn und fixiert einen Punkt vor sich. Ich tu es ihm gleich und kann unweit vor uns etwas erkennen, das an eine Höhle erinnert.
"Venice", wispert er. "Ich glaube, wir sollten eine Pause machen. Es wird Nacht." Ich sehe zu ihm hinauf. Sein Blick ist unergründlich, er wirkt nachdenklich.
Als wir der Höhle näher kommen überkommt mich ein mulmiges Gefühl. Eine Hütte irgendwo im Nirgendwo war schon eine große Abweichung von meinen normalen Lebensumständen, aber eine Höhle, in der man keine 50cm weit sehen kann, ist nochmal etwas anderes. Ich umschlinge Robins Arm, woraufhin er mich fest an sich zieht. "Ich bin sofort wieder da." Er geht mit vorsichtigen Schritten und tastet sich langsam an der Wand entlang. Ich versuche, nicht an die abertausenden Spinnen zu denken, die da drinnen lauern könnten. Robin muss sich ducken, um ins Innere zu gelangen, dann sehe ich ihn auf einmal nicht mehr.
Aber keine fünf Sekunden später höre ich seine gedämpfte Stimme wieder. "Hier drin ist nichts!" Ich taste mich in seine Richtung vor und merke sofort, dass die Höhle wesentlich kleiner ist als es ihr Äußeres vermuten lässt. Erleichterung macht sich in mir breit. Das Tier, das wohl irgendwann hier gehaust haben muss, hat einiges an Zweigen und Dämmmaterial hinterlassen. Allerdings ist alles mit Schnee bedeckt. Ich überlege kurz. "Okay, hier ist der Plan: Du versuchst, Brennholz zu beschaffen, und ich mache es uns hier solange gemütlich." Robin nickt und verlässt entschlossen die Höhle.
Ein, zwei Stunden später ist die Arbeit erledigt. Tatsächlich wirkt die Höhle jetzt einladender als davor, auch wenn mich der Gedanke, dass wir auf nichts als Holz schlafen werden, etwas verunsichert. Aber diese Gedanken müssen beiseite geschoben werden. Eine andere Wahl haben wir für heute Nacht nicht.
Wir sitzen dicht nebeneinander und sehen in das Feuer. Seine meditative Wirkung und Wärme nehmen mir die Sorgen ein wenig. Zukunftssorgen. Existenzsorgen. Immer dieselben Gedanken, die sich im Kreis zu drehen scheinen und einen festen Knoten in meiner Magengegend bilden. Ich wende meinen Blick zu Robin. Seine sonst undurchdringliche Miene wirkt auf einmal ebenfalls besorgt.
"Woran denkst du?", frage ich leise. Das Feuer knackt laut und stäubt ein wenig von seiner Glut auf. Zuerst antwortet er nicht. Vielleicht hat er mich nicht gehört? Ich lehne meinen Kopf an seine Schulter. Er lacht leise. Dann ist er wieder still. Einige Minuten sagt keiner von uns etwas. Er muss mir auch gar nicht sagen, worüber er nachgrübelt. Ich weiß es. Und vielleicht liegt es diese eine Mal an mir, etwas zu sagen.
"Ich verstehe dich, Robin. Es ist gerade einfach... viel. Viel zu viel. Aber du schaffst das, okay? Wir beide schaffen das. Zusammen." Er seufzt tief. "U-Und...wir finden bestimmt einen Weg hier raus. An irgendeinen Ort, wo wir sicher sind. Wo wir neu anfangen können." Von meinem weichgewaschenen Gerede wird mir beinah selber schlecht. Ich kann mir schwer vorstellen, dass Robin sich durch diese leeren Worte in irgendeiner Weise aufgemuntert fühlt. Motiviert.
"Und was wenn nicht? Was, wenn wir es nicht schaffen? Wenn wir, sobald wir diesen gottverdammten Wald verlassen, verhaftet werden und uns nie wieder sehen, weil wir bis zum Rest unseres Lebens hinter Gitter bleiben dürfen?" Wieder dieser Moment der Stille. "Ich hätte das nicht tun dürfen.", flüstert er, mehr zu sich selbst als zu mir. "Robin, es war Notwehr-" - "Nicht das, Venice. Nicht das. Ich meine- alles. Alles, das ich in meinem Leben verbockt habe. Diese Straftaten, diese sture Engstirnigkeit, alles einfach. Viel zu viele Leben habe ich zerstört. Ich habe meinen... meinen Onkel umgebracht. Welcher normale Mensch..." Seine Stimme bekommt plötzlich einen wackligen Unterton. "Robin." Ich setze mich aufrecht auf und fange seinen Blick ein. Ich nehme beide seiner Hände in die meinen und rede mit fester Stimme auf ihn ein. "Robin, vergiss das Gesamtbild nicht. Dein Onkel war ein Mörder. Es war Notwehr. Es ist nicht deine Schuld." Robin lächelt schwach, aber sein Blick bleibt leer.
"Mord ist und bleibt Mord, Venice. Aber was weißt du schon davon?" Mit diesen Worten lässt er meine Hände los und steht auf. "Außerdem habe ich schon mehrmals getötet in meinem Leben. Diese eine Notwehr entschuldigt nichts." Mit diesen Worten lässt er mich sitzen und geht.
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Hier ist endlich wieder ein neues Update und es tut mir so unglaublich Leid, dass so lange nichts mehr kam. Aber ich arbeite an mir und werde versuchen, ab sofort wieder regelmäßig Kapitel hochzuladen!
Außerdem gibt es bald wieder eine größere Ankündigung ;)
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Robin Brooks - CHANGES
Ficção Adolescente//!!Das ist der zweite Teil von 'Robin Brooks'. Um wirklich alle Inhalte zu verstehen, rate ich, den ersten Teil zuerst zu lesen.!!// Als Venice und Robin in Tadem, einer kleinen Stadt in Alaska, Zuflucht vor den Behörden finden, scheint endlich Ruh...
