Robin macht ich nicht die Mühe, irgendwelche Sachen einzupacken und mitzunehmen. Wenn ich ihn darauf anspreche sagt er mir nur, dass wir ohne unnötigen Ballast unabhängiger sind.Ich vertraue ihm blind, er war schließlich schon öfter auf der Flucht als ich und weiß, auf was es ankommt. Irgendwann begebe ich mich zum Schrank mit unseren spärlichen Nahrungsmitteln, deprimierende Leere tut sich mir auch. Mit einem flauen Magengefühl (das teils von Hunger, teils von Sorge herrührt) schließe ich die Tür wieder und mache mich stattdessen daran, Flaschen und Kannen mit Wasser und Tee zu füllen. Irgendwann stellt sich Robin neben mich und legt mir die Hände auf die Schultern. Irgendetwas bedrückt ihn noch. Ich halte in der Bewegung inne und sehe ihn fragend an. Er atmet tief durch.
"Du weißt, dass ich dich liebe, oder, Venice?" Diese willkürliche Frage beunruhigt mich noch zusätzlich. Ich weiß, dass mir das, was er mir mitteilen wird, nicht gefallen wird. "Ja?", gebe ich skeptisch zurück. "Hör zu, ich weiß, wie sehr du an deinem Haar hängst, aber mit dieser Mähne wirst du überall auffallen und erkannt werden. Vielleicht solltest du..." Er muss gar nicht weiterreden. "Auf keinen Fall!" Ich greife nach meinen Haaren und halte sie fest, als ob ich sie damit beschützen könnte. Aber tief in mir weiß ich, dass Robin recht hat. Bei meinem Aussehen könnte ich mir gleich meinen Namen auf die Stirn tätowieren lassen. Robin greift nach meinen Händen und zieht sie behutsam an sich. "Soll ich dir helfen oder willst du es alleine machen?" Ich sehe ihm in die Augen, hoffe, dass er doch noch nachgibt, aber seine Augen sind wieder undurchdringbar wie arktisches Eis. Also senke ich den Blick. "Aber sei vorsichtig."
Ich sitze am Wannenrand und blicke auf die schimmligen Flecken an der Wand Emir gegenüber. Außer dem Geräusch der Schere ist es still. Vorsichtig aber bestimmt greift Robin nach meinen Haaren und schneidet sie ab, Strähne für Strähne, immer kürzer. Schulterlänge, Kinnlänge, Kurzhaarfrisur. Unter normalen Umständen hätte ich meinen Verlust beweint, jetzt allerdings versuche ich mich zusammenzureißen.
Anschließend streicht mir Robin noch einmal übers Haar, eine angenehme Geste die mich ihm sofort alles verzeihen lässt. Er weiß, wie er meine Knöpfe zu drücken hat. "Eigentlich siehst du gar nicht so schlimm aus. So jung und frech. Hat was, wenn du mich fragst." Ein böser Blick. "Und du solltest niemals Friseur werden." Ein Lächeln. "Schade, damit sind meine ganzen Zukunftspläne auf einmal dahin." Ein Kuss. Aus dem immer mehr wird. Als ich ihm sein Shirt über den Kopf ziehe, hält er inne und stoppt mich damit. Er zieht sich wieder an und schenkt mir einen entschuldigenden Blick. "Nimmt mir nicht übel, aber ich kann nicht im selben Haus Sex haben, in dem ich auch meinen Onkel getötet habe." Eine makabere Aussage, aber sie macht mir weniger aus als gedacht. "Gehen wir. An einen Ort, an dem uns niemand erkennen wird. Jetzt." Ich klinge ziemlich euphorisch und das bin ich auch. Ich will nichts lieber, als diese verdammte Hütte endlich zu verlassen.
"Zieh dich vorher noch an. Warm an. Drei-Pullover-übereinander-warm. So-viel-wie-möglich-bis-du-dich-nicht-mehr-bewegen-kannst-warm. Du weißt was ich meine."
Ich weiß, was er meint. Und als wir endlich angezogen sind, meine ich zu wissen, wie sich übergewichtige Menschen fühlen müssen- sehr eingeschränkt in ihren Bewegungen.
"Haben wir alles?" Dick angezogen und jeder mit zwei Flaschen in den Händen stehen wir an der Tür und werfen einen letzten Blick zurück in die Hütte. Ich übersehe absichtlich den roten Fleck an der Wand. "Alles was wir brauchen, ja." Damit verlassen wir die Hütte und ich schlage die Tür feierlich hinter uns zu. Endlich.
Es ist dunkel, aber ich habe den Überblick über die Zeit verloren. Ist es morgens? Abends? Es ist egal, die Zeit ist egal, wir stapfen gemeinsam durch den Schnee, in irgendeine Richtung. Robin scheint zu wissen, wo er lang muss, so wie es immer schon war.
Mal abgesehen von den Ereignissen der letzten Tage- ich bin so glücklich wie schon lange nicht mehr.
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Frohes Neues Jahr :)
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Robin Brooks - CHANGES
Teen Fiction//!!Das ist der zweite Teil von 'Robin Brooks'. Um wirklich alle Inhalte zu verstehen, rate ich, den ersten Teil zuerst zu lesen.!!// Als Venice und Robin in Tadem, einer kleinen Stadt in Alaska, Zuflucht vor den Behörden finden, scheint endlich Ruh...
