Gefühle über Gefühle. Wenn ich früher noch meine Emotionen strikt voneinander trennen konnte, so habe ich diese Gabe jetzt verloren. Vor allem in diesem Moment, in dem sie voller Vertrauen neben mir liegt, die Augen geschlossen, leicht gerötete Wangen und seelenruhig schlafend. Fast so, als würde sie sich neben mir wohlfühlen. Ich versuche mich zu entspannen, aber die Unsicherheit sitzt mir tief in den Knochen. Ich musste noch nie mit einer Situation wie dieser umgehen, und jetzt hab ich nichts anderes zu tun. Ich merke, wie ich von Glück erfasst werde. Sie ist neben meiner Schwester seit Langem der erste Mensch , der mir vertraut und in deren Nähe ich das Gefühl habe, nicht die ganze Zeit auf meine Wirkung auf andere achten zu müssen. Zumindest nicht mehr bei Venice. Hier draußen in der Abgeschiedenheit sind wir tatsächlich Menschen, die ihre Vorurteile hinter sich gelassen haben. Ich sehe in ihr nicht mehr die Frau, die mich zu Sinnen bringen will, sondern vielmehr jemand, der mir zur Seite steht. Eine Verbündete im Kampf gegen uns selbst und gegen die, die uns suchen. Ich rücke ein bisschen näher zu Venice, streiche ihr die Haare vorsichtig aus dem Gesicht und sehe sie einfach nur an. Ich kann nicht leugnen, dass ich schon vom ersten Moment an, als sie hinter Jack in mein Zimmer gekommen war von ihr hin und weg war. Die Art, wie sie geht, wie sie ihre Hände schützend vor den Körper hält und ihren Blick stets geradeaus richtet zeugt davon, dass sie mit sich und ihrer Umgebung im Reinen ist, dass sie die Kontrolle hat. Und sich manchmal vielleicht nicht ansehen lassen will, dass sie verunsichert ist. Es ist so leicht, herauszufinden, was sie denkt, auch wenn es komplizierter ist als bei anderen Menschen. Zumindest den Menschen, denen ich in den letzten Jahren begegnet bin. Bevor ich in diesem... Gefängnis gefangen war. Aber an vieles, das vor meiner "Inhaftierung" stattgefunden hat, kann ich mich nicht erinnern. Das einzige, das ich noch kenne sind graue Wände. Grauer Horizont. Eine graue Sicht auf das Leben. Und das Schlimmste daran ist, dass ich das nie bemerkt habe. Und ich war immer der Meinung, alles zu wissen. Anderen Menschen einen Schritt voraus zu sein.
Aber vielleicht kann sogar ich mich irren.
Irgendwann löse ich mich von ihr und stehe so langsam, so vorsichtig wie möglich auf, ziehe mich an und verlasse das Haus. Die frische Luft schlägt mir entgegen und ich brauche einen Augenblick, um mich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Es ist eine sternenklare Nacht und der Vollmond steht hoch am Himmel. Ich schiebe meine Hände in die Taschen meiner Jacke und laufe durch den Schnee. Diesmal gehe ich nicht auf den Wald zu, sondern wage mich zum ersten Mal in die Stadt. Tadem ist keine große Stadt, es gibt lediglich einen lokalen Supermarkt, ein kleines Krankenhaus- wenn man es denn so nennen kann, denn es sind zwei Ärzte, die sich hier niedergelassen haben und sozusagen eine private Klinik errichtet haben- und eine Bar. Die große grüne LED- Aufschrift macht schon in 200 Metern Entfernung auf sich aufmerksam : The Short One. Ohne jede Erwartung stoße ich die schwere Holztür auf und befinde mich in einem großen Saal, der nach Rauch und Bier stinkt, mit ein paar Gästen versehen ist und aus dessen Jukebox in der Ecke leise 50er Jahre Rock'n'Roll Hymnen gespielt werden. Eddie Cochran. Johnny Cash. Elvis Presley. In der Mitte steht eine Bar, und dahinter ein Barkeeper, der sich mit einem der Gäste unterhält, während er die Glaser spült. Sein Blick wandert kurz zu mir, kurz studiert er mein Aussehen. Anscheinend findet er an mir nicht Interessantes und wendet sich kurzerhand wieder seinem Gast zu, der den Anschein macht, eine ziemlich interessante Geschichte zu erzählen. Zumindest in seinen Augen. Ich setze mich an einen Hocker in einiger Entfernung, nah genug um dem Gespräch lauschen zu können aber weit genug weg um nicht den Anschein zu erwecken, dass ich zuhöre. "Entschuldigung?" Ein ausdrucksloser Blick des Barkeepers. "Könnten Sie mir bitte einen Single Malt Scotch bringen?" Ein Nicken. "...Aber Sie müssen wissen, dass die Polizei noch keine Spur von ihm hat. Er ist wie vom Erdboden verschluckt." Die Worte des Mannes, der seinen Kopf unter einer Wintermütze verbirgt, lassen mir kurz das Blut in den Adern gefrieren. Ich fokussiere meinen Blick auf die Flaschen an der gegenüberliegenden Wand. Wodka. Weine. Bier. Über wen redet der Mann? Der Barkeeper stellt ein Glas vor mir auf das Holz. "Also haben sie schon eine Idee, wer der Täter sein könnte?" Der Mann schüttelt den Kopf. "Bei beiden Leichen konnte nichts gefunden werden. Keine Fingerabdrücke, einfach nichts. Es ist, als wären sie auf natürliche Art und Weise erstochen worden. So absurd es auch klingt, aber es ist eine bessere Theorie als das sie von Außerirdischen umgebracht wurden." Der Barkeeper gibt ein zustimmendes Murren von sich, während er das saubere Glas in seinen Händen dreht und wendet, als würde er erwarten, dadurch eine Lösung für das Problem zu finden. "Und was ist mit Suizid?" Ich blicke in die goldene Flüssigkeit in meinem Glas und beobachte zeitgleich aus dem Augenwinkel die Reaktion des Mannes. Er wischt sich mit den Händen über die Augen und zieht sich die Mütze tiefer über den Kopf. "Mir war klar, dass du damit anfangen würdest. Aber...John, du kanntest doch Melissa. Sie ist hier früher manchmal aufgetreten." Mit der Hand deutet er jetzt auf einen Punkt hinter mir. Wahrscheinlich die Bühne. "Zumindest bevor du angefangen hast, einen Faible für die Beginne des amerikanischen Rock'n'Roll zu entwickeln. Sie hatte eine fantastische Stimme, Marcia Ball, Lillyn Brown... wenn sie etwas konnte, war es Blues. Aber sie war so lebensfroh. Nichts hätte sie dazu bringen können, sich selbst umzubringen. Außerdem, was ist mit der anderen, Eden James? Sie hatte nichts mit Melissa zu tun, und trotzdem stirbt sie eine Woche später auf die exakt selbe Art und Weise." Er trinkt einen Schluck von seinem Bier. "Also wenn du mich fragst", erwidert der Barkeeper, John, und lehnt sich näher zu seinem Kunden, "Denn ist da draußen ein ziemlich raffinierter Mörder unterwegs. Und ich weiß nicht, ob das allzu gut für Tadem ist."
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Robin Brooks - CHANGES
Teen Fiction//!!Das ist der zweite Teil von 'Robin Brooks'. Um wirklich alle Inhalte zu verstehen, rate ich, den ersten Teil zuerst zu lesen.!!// Als Venice und Robin in Tadem, einer kleinen Stadt in Alaska, Zuflucht vor den Behörden finden, scheint endlich Ruh...
