Ich spüre, dass irgendetwas auf uns zu kommt. Etwas, für das wir keine Lösung haben, etwas, das uns bedroht.
Ich fühle mich schon seit Tagen beobachtet.
Vielleicht ist das auch ein Mitgrund dafür, dass ich Venice in Sicherheit wissen möchte.
Weil ich weiß, dass hier keine Ruhe lange anhält.
Aber jetzt ist dieses bedrohliche Gefühl stärker denn je.
Während wir durch den Schnee gehen, halte ich Venice' Hand fest in meiner. Ich habe ihr versprochen, dass ich mich ändern möchte, ein besserer Mensch sein möchte, und ebendies möchte ich ihr beweisen. Ich will niemanden mehr verlieren. Vor allem nicht Sie.
Auf der anderen Seite möchte ich diese melancholische, triste Stimmung nicht mehr. Wo ist das Wilde geblieben, das abenteuerliche? Und wann hat dieser 'Winter Blues' wieder ein Ende? Irgendwann einmal muss es doch endgültig wieder Frühling werden, sogar hier in Tadem.
"Robin?"
Es sollte auf jeden Fall wärmer werden.
"Robin?"
Zumindest um ein paar Grad.
"Robin!"
Venice krallt sich an meinen Arm und scheint sich vor irgendwas verstecken zu wollen.
Oder vor irgend jemandem.
Ich sehe mich um und versuche herauszufinden, was sie so verstört hat.
Ungefähr 30 Meter vor uns steht im Schatten der Bäume eine Person. Sie sieht uns direkt an und bewegt sich nicht.
Damit wäre eine Flucht nicht möglich. Er sieht uns. Wir bleiben stehen und bewegen uns nicht. Ich versuche, mir irgendetwas einfallen zu lassen. Ist es ein Polizist? Oder ein Ranger? Irgendjemand, der uns erkennen könnte? Oder doch nur ein Bewohner Tadems?
„Bleib hinter mir.", höre ich mich selbst leise sagen. Venice umklammert immer noch meinen Arm und presst sich an meine Seite. Ich gehe vorsichtig auf die Person zu und versuche herauszufinden, was sie im Schilde führt. „Hallo?", rufe ich, als wir dem Mann näher kommen. Innerlich höre ich meine Alarmglocken klingeln, und mit jedem Schritt scheint das schlechte Bauchgefühl zu wachsen.
"Hallo, Robin."
Ich verspüre den Drang, stehen zu bleiben oder mich umzudrehen. Die Stimme Kommunität unangenehm bekannt vor. Woher kennt diese Person meinen Namen? „Robin." Der Mann macht einen Schritt auf mich zu. „Erkennst du mich nicht mehr?" Sein Gesicht ist von einer Kapuze verdeckt. Alles in mir sträubt sich dagegen, weiterzugehen, aber diese Genugtuung will ich ihm nicht geben, will ich mir nicht eingestehen. „Venice, bitte bleib stehen." Venice versucht ein mutiges Gesicht aufzusetzen, aber sie spürt, dass ich nervös bin. Ich küsse sie auf die Stirn. „Venice, Engel. Mach dir keine Sorgen. Ich regele das."
Schweren Herzens lasse ich ihre Hand los und balle meine Hände in den Taschen zu Fäusten. Dann gehe ich auf den Mann zu, immer näher und mit jedem Schritt kommt er mir bekannter vor. „Hey!", rufe ich. „Wer sind Sie?"
„Erinnerst du dich etwa nicht mehr?" Der Mann lacht, ein tiefes, raues Lachen.
Dann hebt er seine weißen Knöchel und zieht sich die Kapuze über den Kopf.
Es ist so lange her, doch ich erkenne ihn sofort. Alles an ihn ist gleich, seine Haut ist etwas grauer, aber er hat sich gut gehalten. Das Gefängnis hat ihm kaum etwas anhaben können.
„Komm zu mir, Robin. Begrüßt man so etwa seinen Onkel?"
„Nick? Was tust du hier? Wieso..."
Er lacht und unterbricht mich damit.
„Robin." Er will mir einen Arm um die Schultern legen, doch ich weiche zurück. Kurz huscht ein überraschter, fast schon enttäuschter Ausdruck über sein Gesicht., bevor er sich wieder fängt und ein nonchalantes Lächeln aufsetzt. „Ich habe mitbekommen, dass du geflüchtet bist. Wo hast du doch gleich ihre Leiche versteckt? Oh. Dahinten. Dafür sieht sie aber noch ziemlich lebendig aus."
Leiche? Denkt etwa die ganze Welt ich hätte Venice umgebracht?
„Lass sie in Ruhe. Und mich auch. Du solltest nicht hier sein."
„Und doch bin ich hier. Bist du denn gar nicht überrascht, dass ich weniger als 48 Stunden gebraucht habe um dich zu finden?"
„Ehrlich gesagt nicht, nein. Eher im Gegenteil."
Wieder ein trockenes Lachen.
„Was willst du hier, Hayets?"
Er legt den Kopf schräg, hält einen Moment inne und dreht den Kopf auf die andere Seite.
„Hayets? War das nicht auch dein Name?"
Bevor ich zu einer Antwort ansetzten kann, lacht er. „Mein eigener Neffe. Robin Hayets. Oder sollte ich dich lieber Robin Brooks nennen?"
Er ist mein stärkster Gegenspieler, einfach nur weil wir uns so ähnlich sind.
„Du kannst vielleicht deinen Namen ändern. Aber nicht, woher du kommst. Und wer du wirklich bist."
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Robin Brooks - CHANGES
Teen Fiction//!!Das ist der zweite Teil von 'Robin Brooks'. Um wirklich alle Inhalte zu verstehen, rate ich, den ersten Teil zuerst zu lesen.!!// Als Venice und Robin in Tadem, einer kleinen Stadt in Alaska, Zuflucht vor den Behörden finden, scheint endlich Ruh...
