Meine Blicke glitten ungewollt immer wieder zu den beiden. Snake schien sich sehr gut mit Seraphine zu verstehen. Kannten sie sich etwa schon länger? Wie konnte es sein, dass sie so vertraut waren, wenn sie sich nur seit der Sache mit dem Betrug seitens Snakes Onkel kannten? Das war unmöglich. Ladislao bemerkte, dass etwas mit mir nicht stimmte, aber er war schlau genug, nicht jetzt nachzuhaken. Ich wüsste so oder so nicht, wie ich ihm meine Bedenken offenbaren sollte. Das war doch absurd. Wie sollte ich ihm weismachen, dass ich ihr ähnlich sah, wodurch ich dachte, wir wären eventuell verwandt? Hatte er das selber schon bemerkt? Wenn ja, hätte er mich doch sicherlich darauf angesprochen.
Ansonsten verlief die Feier ganz gut. Camilla und Nadja ließen mich kaum alleine und auch die Gäste kamen immer wieder, um mit uns zu plaudern. Nun war ich verheiratet. Ich wurde zur Crystal Carbone. Es klang seltsam in meinen Ohren. Ich hätte mir niemals denken können, in diesem Alter zu heiraten und das dann auch noch mit einem Mann wie Ladislao.
Aus dem Augenwinkel sah ich, dass Snake aufstand und ins Schloss lief. Sollte ich nach? Das war meine Chance! Ohne weiter zu überlegen stand ich auf, wollte ihm nachlaufen.
„Wohin gehst du?", fragte Nadja.
„Bin gleich da", gab ich ihr zu verstehen und beeilte mich.
Ich durfte ihn jetzt bloß nicht aus den Augen verlieren! Schnellen Schrittes lief ich ins Schloss und sah gerade noch, wie er um die Ecke bog. Den mittelalterlichen Gang entlang gelaufen kam ich, laut den Symbolen und Aufschriften, an der Männertoilette an. Sollte ich hier auf dem Gang warten? Scheiße! Was sollte ich sagen, wenn er heraus kam? Wusste er überhaupt, wer ich war? Hatte er mich erkannt? Das waren eindeutig zu viele Fragen! Aber ich konnte nichts dagegen machen. Langsam beschlich mich die Angst. Was wäre, wenn mich hier jemand sehen würde? Als ich noch tief in meinen Gedanken versunken war, wurde die Tür geöffnet und da stand er. Snake sah mich überrascht an. Seine vertrauten und warmen Augen blickten in meine. Langsam schlich sich ein Lächeln auf seine Lippen.
„Bist du mir nachgekommen?"
„Ich...", stotterte ich wie ein Idiot.
„Es ist schön, dich zu sehen", sagte er in einer sanften Tonlage.
In dem Moment begriff ich, dass er mir eigentlich sehr gefehlt hatte. Ich hatte all die Jahre meines Lebens mit ihm verbracht, all die Jahre hatte ich ein tiefes Vertrauen zu ihm aufgebaut, auch wenn er nicht so viel Wert auf mich zu legen schien, wie ich es ihm gegenüber tat. Dennoch waren wir ein gutes Team damals.
„Geht mir genauso", erwiderte ich sein warmes Lächeln.
„Ich habe keine Ahnung, wie du in seine Hände geraten bist, aber dennoch erfreut es mich für dich", gab er leise von sich und blickte dabei auf den Boden.
Er trat von einem Bein auf das andere und wirkte irgendwie nervös. Warum?
„Ja", flüsterte ich ebenso leise, „er liebt mich."
„Ja", entgegnete er, „wenn er dich ansieht, sieht er etwas mehr nach einem Menschen aus."
Was wollte er damit sagen?
„Wie meinst du das?", wollte ich selbstverständlich gleich wissen.
„Nichts, nichts", schüttelte er seinen Kopf. „Ich freue mich für dich, dass du von den Straßen abgekommen bist. Das ist nicht der Platz für eine junge Frau."
Seit wann war Snake so? Normalerweise war er immer ein humorvoller Mensch. Ja, wenn es darauf ankam auch grausam und skrupellos, aber niemals nachdenklich oder auch seriös.
„Kennst du sie?", lenkte ich das Thema zum eigentlichen hin.
„Das geht dich nichts an, Cry", blockte er mich ab. „Wir sollten wieder rausgehen."
DU LIEST GERADE
Zwei Frauen✅
Romantik"Die Straßen wurden mein Zuhause, der Boden mein Bett, die Nacht meine Decke. Vergessen wie eine Ratte, verdammt zu einem Leben in einer Gasse." Vor weniger Zeit lebte Crystal noch auf den Straßen. Nun sollte sie die Frau eines der reichsten Männer...
