"Aufstehen!", rief meine Mutter und klopfte von außen gegen meine Zimmertür. Mit geschlossenen Augen schob ich die Decke von meinem Körper und rieb mir den Sand aus den Augen. Wann hatte ich das letzte Mal so schlecht geschlafen, dass ich kaum aus dem Bett kam?
Mein Blick fiel in den Spiegel, der mir ein Abbild meiner Gestalt zeigte und mich jetzt wirklich wach werden ließ.
Heute war der erste Schultag seit den Herbstferien und ich sah aus, wie ein Zombie. Meine braunen, lockigen Haare standen in alle Richtungen ab. Augenringe, Rötungen, Pickel und als wäre das alles nicht schon schlimm und hässlich genug, Blässe.
Ich seufzte und lief direkt ins Bad, wo ich mir kaltes Wasser ins Gesicht spritzte. Meine Finger kribbelten auf eine komische Art und Weise.
"Andrew?", rief meine Mutter von unten, darauf Schritte, welche die alte Treppe hinunter rannten. Was hatte er bloß wieder angestellt?
Ich zog mich aus und stellte mich in die Dusche. Das warme Wasser prasselte auf meine Schultern und entspannte meine viel zu angespannte und verklemmte Haltung. Ich war richtig schön nervös, obwohl ich es nicht hätte sein brauchen.
Würden mich die Anderen noch mögen? Was war mit Kathrine?
Ich wusch meine Haare und ein unwiderstehlicher Geruch von Karamell legte sich in das kleine, hell eingerichtete Badezimmer. Ich liebte diesen Geruch einfach.
"Elenor, beeil dich bitte!", rief meine Mutter jetzt an mich gewandt und ich schaltete das Wasser aus.
Mit nassen Haaren, welche ich in ein Handtuch einwickelte, zog ich mir eine schwarze Jeans und einen grauen Pullover an. Wieso sah ich nicht so schlank aus, wie alle anderen Mädchen?
Kopfschüttelnd lief ich nach unten in die Küche und setzte mich an den Eichentisch, auf dem ein gesunden Frühstück angerichtet war.
"Danke, Mom..", seufzte ich und biss in ein trockenes Brötchen.
"Wo ist Das?", murmelte Andrew, der so eben die Küche betrat und sich etwas zu Trinken nahm.
"Arbeiten.", sagte meine Mutter scharf. So kannte ich sie gar nicht.
"Mom?", fragte ich vorsichtig und ihre Muskeln spannten sich sichtlich an.
"Ja, Schatz?", antwortete sie leise und drehte sich zu mir um, wobei sie dennoch meinen besorgten Blick mied.
"Ist..ist alles in Ordnung?" Lange sah sie mich an ohne etwas zu sagen, dann nickte sie und stürmte aus der Küche.
"Mom?!", rief Andrew ihr hinterher, kurz bevor die schwere Haustür ins Schloss fiel. "Denkst du..-", setzte ich an und sah ihn mit großen Augen an. "Er ist abgehau'n.", zischte Andrew und ich spürte, wie sich ein riesiger Kloß in meinem Hals bildete.
Seine Fassade schien zu Bröckeln, denn seit langem sah ich die Tränen und die Angst in seinen Augen, welche er stets zu verstecken versuchte. Angst, dass unsere Familie kaputt geht. Doch, sollte es mir nicht eigentlich egal sein?
Meine Familie war komisch. Mal war alles okay und ich fühlte mich dazugehörig, mal war alles anders. Was sollte ich davon halten?
Dad war immer ein fröhlicher und mutiger Mann, so wie es jetzt auch Andrew war. Beide würden niemals zugeben, wie mies es ihnen in Wirklichkeit geht. Dabei kann man es auch ihnen manchmal ansehen.
"Andrew...?", flüsterte ich und hielt ihn dabei ab, den Raum zu verlassen.
"Ja?", murmelte er und sah mich fordernd an.
"Denkst du, dass er wieder zurück kommt?", seufzte ich traurig und seine ernsten Züge lockerten sich ein wenig.
"Das wird er."
Ich schluckte und trank mein Glas aus, welches ich vorher mit frisch gepresstem Orangensaft gefüllt hatte. Die Flüssigkeit tat meinem trockenen Hals gut, weshalb ich nun wieder mutig in den Tag starten konnte.
Schule.
Würde es so sein wie immer?
Irgendwie wollte ich, dass es anders war. Ich wollte nicht im Mittelpunkt stehen. Ich brauchte Platz und Freiheit und Zeit, dass alles wurde mir verwährt.
Nachdenklich lief ich wieder hoch in mein Zimmer und packte meine Tasche.
"Wir müssen los!", informierte mich Andrew und ich hastete zu ihm. Er stand bereits draußen in unserer Einfahrt und steckte sich sein weißes Hemd in seine schwarze Jeans. "Du siehst gut aus.", sagte ich leise, als er sich etwas nervös durch eines der Autofenster musterte.
"Findest du?", fragt er skeptisch und dachte vermutlich darüber nach, ob er endlich jenes Mädchen beeindrucken konnte. Die Glückliche würde bestimmt froh sein, jemanden wie meinen Bruder kennen zu dürfen und dann auch noch mit ihm in einem engen Verhältnis zu stehen.
Andrew war eher ein stiller Typ, der trotz seines guten Aussehens die meiste Zeit mit seinem Besten Kumpel Josh verbrachte. Ich wusste nicht genau, wie lange sie sich schon kannten, konnte die Jahre einfach nicht mehr zählen. Ich mochte Josh. Er war ok.
Mein Bruder hasste es, dass ihm so viele Mädchen hinterher liefen und am Liebsten direkt mit ihm im Bett landen wollten. Er verabscheute es, weshalb er niemanden außer mich und Josh an sich heran ließ.
Wie viel meine Eltern über ihn wussten konnte ich mir denken. Nichts. Mehr als über mich, dennoch fast nichts.
Es war komisch, wie wenig sie mich kannten. Es tat weh, irgendwie. Doch ich hatte in all den Jahren, in denen sie mir mit einer dünnen Nadel ins Herz gestochen hatten, gelernt, sie erst gar nicht wieder neu einstechen zu lassen.
Ich hatte mir eine Fassade aufgebaut, jene mein zerbrochenes Ich versteckt und das brave, fleißige Mädchen in den Vordergrund stellte.
"..Elenor?!", seufzte Andrew und riss mich zurück in die Realität. "Hm?", lachte ich und stieg zu ihm in das Auto.
"Kathrine wird zu dir in die Klasse kommen.", erklärte er und ich nickte. Wenigstens eine Person, die mich verstand.
Wenn ich so darüber nachdachte, war mein Leben gar nicht so schlimm. Ich hatte ein Zuhause, Eltern und immer genug Essen, Freunde oder ordenliche Kleidung. Es war so, wie man es sich vorstellte. Ganz nett.
Doch niemand war wirklich zufrieden mit dem, was ich tat. Zu dick, zu faul, zu hässlich. Die Lieblingswörter meiner geliebten Eltern...
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Hunter #1.Platz Beim Platin Award
Ciencia FicciónEin Leben auf einem anderen Planten hatte ich durchaus nicht auf meiner To-do-Liste. Doch dann traf ich diesen absolut verrückten Typen, der mitten in einem Gewitter vor meinen Füßen auftauchte und Gefühle entlockte, die ich noch gar nicht gekannt h...
