Kapitel 18

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In den wenigen Tagen, die ich bei Hunter und seinen Freunden verbracht hatte, lernte ich einige, für mich wichtige Dinge . Hunter hat sich mir geöffnet und mir von seinen Problemen und seiner Welt erzählt. Einer Welt, in der ich wohl oder übel beinahe erwacht wäre. 

Ich glaubte ihm, weil ich meinen eigenen Augen traute. Aber nicht nur das, ich habe gelernt, wie es ist, jemanden zu mögen und ernsthaft an sich heran zu lassen. Hunter wusste zwar nicht viel über das Mädchen, dass sich hinter meiner Fassade befand, doch bei ihm fühle ich mich das erste Mal dazugehörig. Er strahlte die Sicherheit aus, die ich gebraucht habe um nicht von weiteren tödlichen Pfeilen getroffen zu werden. 

Doch wenn mir  eins klar wurde, verstand ich endlich, dass es nicht darauf ankommt, wer man war. Es ist egal in welche kleine Welt man hineingeboren wurde, denn irgendwo sind sie alle miteinander verbunden. Hunter hatte mir eine große Tür geöffnet, die ich sonst immer in meiner Fantasie geschlossen hielt. 

Er war da und schien so unbeschwert glücklich und doch musste er einen gewaltigen Schicksalsschlag erleben. So war es eben in jeder Welt und in jedem Leben. Das wichtigste war, dass wir aufstehen konnten um manchmal wirklich über unseren eigenen Schatten zu springen. 

Endlich gab ich mich mit dieser Welt zufrieden und beneidete nicht die Filme, die sich um Werwölfe oder Vampire drehten. Ich sah, dass man nur etwas warten musste, bis einen das Leben einholte. 

"Elenor...?", fragte Hunter leise und ich legte den Kopf auf die Seite. Wir lagen auf dem trockenen Gras und sahen hoch in die Sterne, die uns eine Geschichte erzählten. 

"An was denkst du gerade?", fragte er neugierig und vermutlich wartete ich darauf, dass ich mich ihm endlich öffnete. 

"Es...es ist kompliziert..", wich ich seiner Frage aus und sah ihn an. Lange und nachdenklich beobachtete er mich dabei, wie sich das Chaos an Gefühlen in mir ausbreitete. Mein Herz wollte endlich erhört werden und ich unterdrückte ein Lächeln. 

"Hey...", flüsterte er und fuhr mit seinem Finger über meine Wangen. Hunderte kleiner Funken sprangen aus seinen Fingerkuppen und hinterließen ein sanftes Kribbeln auf meiner Wange. Ich schluchzte. Überwältigt von allen Gefühlen teilte ich ihm den Grund mit, wieso ich an dem Tag unseres ersten richtigen Wiedersehens versucht habe, diese Welt zu verlassen. 

"Vielleicht wäre ich dann in deiner Welt aufgewacht..", träumte ich und beneidete seine Kräfte. 

"Es ist besser so..", sagte er leise und offenbar verschwieg er mir etwas. Ich bewunderte ihn, wie gut er zuhören konnte, bis er mich auf sich zog und ich sein starkes Herz in seiner Brust wie wild flattern spürte. Sein Herzschlag lag in meinen Ohren und automatisch passte sich auch mein Herz an den vorgegebenen Rhythmus an.

"Du musst mir einen Gefallen tun.", sagte er ernst und setzte sich wieder auf. Nervös sah ich ihm dabei zu, wie er sich durch die Haare fuhr.

"Zeigst du mir, was Liebe ist?", fügte er flehend hinzu und sah hoch in den Himmel. 

"Ich...?", flüsterte ich und meine Augen flogen über seine Lippen. 

"Ja, Elenor, du musst mir helfen! Nur dann kann ich endlich wieder nach Hause.", erwiderte er und stand auf. 

Ich schluckte. Das konnte er doch nicht wirklich ernst meinen, oder doch? 

"Ich denke nicht, dass ich das kann.", sagte ich fassungslos und lief ein paar Schritte kopfschüttelnd nach hinten. Mein armes Herz rief immer und immer wieder vergebens nach diesem außer ordentlich geheimnisvollen Mann und er dachte nur an sich selbst. 

"Bitte! Wie soll ich sonst von hier weg kommen?", bat er mich und vergrub die Hände in den Taschen. Das konnte einfach nicht sein Ernst sein! 

"Das ist doch nicht mein Problem..!", zischte ich wütend und spürte die Kraft, die von ihm ausging. Dieselbe anziehende Spannung, die mich schon seit ich ein kleines Kind war nach draußen gezogen hat. 

"Bitte... Ich will doch einfach schnell hier verschwinden.", murmelte er und sah über seine Schulter. Er wirkte angespannt und fordernd. 

"Ich denke nicht, dass ich die Richtige dafür bin.", sagte ich kalt und unterdrückte die Tränen. Wie konnte er nur so gefühlslos sein? 

"Du würdest dasselbe tun, wenn du an meiner Stelle wärst.", sagte er genervt und sichtlich aufgebracht. 

"Ich habe dich schließlich in mein Geheimnis eingeweiht!", zischte er entsetzt, als ich den Kopf schüttelte und mich immer weiter von ihm weg drehte. 

"Und ich habe nicht mit deinen Gefühlen gespielt...", hauchte ich und spürte die Kälte und den Schmerz, der sich wieder breit machte und an meinen Nerven knabberte. 

"Zeig es mir, bitte...!", bat er mich ein letztes Mal und dieses Mal drehte ich mich zu ihm um. Vielleicht sah er meine glänzenden Augen und würde mich verstehen, vielleicht würde ich endlich verstehen, was in ihm vorgeht. Vor wenigen Stunden hatte ich wirklich geglaubt, er würde etwas für mich empfinden. 

"Zeig mir, was Liebe ist.", hauchte er erschöpft und ließ zugleich seine Fassade fallen. Nun stand er da, zerbrechlich und schüchtern, und bat mich um einen winzigen Gefallen. 

Ich lief auf ihn zu und erwiderte seinen Augenkontakt. In mir explodierte etwas, dass ich gerade eben erst kennen gelernt hatte und wartete nur darauf, erneut explodieren zu können. Es fühlte sich so an, als würde die Sonne aufgehen und ihr warmes Licht auf meinem Körper verteilen. Es hatte dieselbe Wirkung wie der Regen. 

Vorsichtig stellte ich mich auf Zehenspitzen und drückte meine Lippen auf seine. Er erwiderte den Kuss, fordernd und leidenschaftlich, und für einen Moment schien er deutlich selbstsicherer zu sein, als noch vor wenigen Sekunden. 

"Danke..Ich werde wieder kommen. Doch vorerst muss ich dir einen Platz in meiner Welt schaffen ", flüsterte er mit strahlenden Augen und ließ meine Hand los, die er eben noch festgehalten hatte. 

Er drehte sich von mir um und ließ mich stehen...

Ich spürte, wie die alten Narben wieder aufrissen. 

"Hunter...!", flehte ich und hoffte, dass er zurück kommen würde. Doch ehe ich mich versah zogen unheimliche Wolken auf und ein Blitz holte ihn zurück nach Hause. 

"Nein..Nimm mich mit! Geh nicht! Das kannst du doch nicht einfach machen!", wimmerte ich und fiel auf die Knie. Noch nie hatte ich mich so elend gefühlt, als würde jemand mein Herz heraus reißen. Ohne Betäubung. Ich weinte und schluchzte und sank auf den nassen Boden, der die Tropfen auffing. Ein einst so fröhliches Schauspiel, welches nun meine Tränen fort spülte. 

"Ich liebe dich. ", wisperte ich und vergrub meine zitternden Händen in meinen tropfenden Haaren. Während sich der Regen über mir ergoss fiel ich immer und immer tiefer und all meine Sicherheit verschwand...

Wie konnte alles so schnell anders sein? Grau und kalt, leer und einsam. Mein Herz tat weh und ich konnte den Kloß in meinem Hals nicht herunter schlucken...

Hunter #1.Platz Beim Platin AwardWo Geschichten leben. Entdecke jetzt