11. Alles oder nichts

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Es kommt dir vor, als ob dir jemand einen Spiegel vorgehalten hätte, Seishin entgleiten von einer Sekunde auf die nächste sämtliche Gesichtszüge und er reißt seine Augen vor Schock weit auf, während sein Mund sprachlos offensteht. Genauso hast du geschaut, als du festgestellt hast, dass Hokuto reden kann – nur dass die Situation wesentlich lustiger war, trotzdem zucken deine Mundwinkel kurz. 

„Was?!", bringt er irgendwann eloquent heraus. 

„Du hast mich schon richtig gehört." Du bringst dich in eine aufrechte Position, straffst die Schultern und überschlägst die Beine in der Hoffnung, halbwegs erwachsen und in der Lage zu sein, eine vernünftige Entscheidung zu treffen, auszusehen. „Doji hat mir ein Angebot gemacht und ich werde es annehmen." 

Ehe dein Vater seine Widerworte aussprechen kann, unterbrichst du ihn mit einer schnellen Handbewegung. „Wie war das mit dem Ausreden-lassen?"

Deine Worte und dein Auftreten wirken plötzlich locker, offen und selbstbewusst, das komplette Gegenteil von dem, was eigentlich in dir vorgeht. Du bist dir nicht sicher, was du erschreckender finden sollst: dass du trotz deiner Müdigkeit das so gut überspielen und dich ohne Probleme verstellen kannst oder dass diese Tatsache dich nicht großartig überrascht. In letzter Zeit hast du dir viele schlechte und fragwürdige Angewohnheiten und Fähigkeiten angeeignet. 

Wahrscheinlich ist das der springende Punkt, warum du dich dafür entschieden hast, der Dark Nebula beizutreten. Dein Plan wirkte anfangs wie eine deiner spontanen und ziemlich bescheuerten Ideen, aber nach und nach nimmt er mehr Gestalt an. Anders wirst du nicht an die Antworten, die du suchst und an Ryuga kommen. Vielleicht ist es einfacher, zu ihm durchzudringen, wenn Doji nicht in der Nähe ist. Egal, wie es ausgeht, du willst dich einmal offen und vor allem privat mit ihm unterhalten, das seid ihr einander schuldig. 

Danach kannst du ihn gegebenenfalls vorerst abschreiben und zumindest die Machenschaften der Dark Nebula beenden. Das hat oberste Priorität, um Ryuga kannst du dich dann im Anschluss kümmern. 

Deine Gefühle sind weiterhin unglaublich wirr und dir gelingt es kaum, sie zu ordnen. Einerseits spürst du die Kraftlosigkeit und fühlst dich verraten, andererseits treibt deine aufkommende Wut dich an und gibt dir Entschlossenheit, Doji endlich zu schlagen. 

Er glaubt, dass er gewonnen hätte und dich kennen würde, allerdings kennt er nur die Person, die du vor vielen Jahren gewesen bist: das kleine hilflose und naive Kind, das sich nicht wehren konnte und sich die Schuld an dem Verschwinden ihres besten Freundes gegeben hat.
Diese Schuld treibt dich nun an und du bist endlich in der Lage, zurückzuschlagen. Es gibt keine bessere Genugtuung nach allem, was Doji dir und den Menschen, die dir wichtig sind, angetan hat, als seine Pläne zu durchkreuzen und ihm zu zeigen, dass er dich unterschätzt hat. Dass alle seine Mühen umsonst waren und er dich nicht unterkriegen konnte, sondern er dich durch alles nur motiviert hat, ihn aufzuhalten. 

Du wirst deine Antworten bekommen und gleichzeitig deine Chance nutzen, Ryuga positiv zu beeinflussen und Informationen an Gingka weiterleiten. Damit wird Doji rechnen, aber nicht mit deinem Ass im Ärmel.
Dein vorheriges Gefühlschaos kannst du dir zunutze machen, er soll denken, dass du verunsichert bist, höllische Angst vor der Dunkelheit in dir und deinem Beyblade hast und dass jene langsam die Kontrolle gewinnt. Dann wird er nachlässiger werden und davon kannst du Gebrauch machen.

Obwohl du sie nicht in das Ganze hineinziehen möchtest, wirst du die Hilfe von Gingka, Ryuto und Seishin benötigen, um Doji und Ryuga reinzulegen. Im Prinzip stecken sie alle mehr oder weniger freiwillig sowieso in der Geschichte mit drinnen und verfolgen dieselbe Intention wie du: Ryuto und Seishin wollen Ryuga zurückbringen und Gingka und Seishin Doji stoppen.

Sie werden deinen Plan nicht mögen, allerdings geht es schon lange nicht mehr darum, Dinge zu erledigen, die einem gefallen. Du hast auch keinen Spaß daran, dich und vor allem deine Familie in Gefahr zu bringen und dennoch wirst du es tun, weil es keine bessere Möglichkeit gibt.
Vielleicht ist das genau die Chance, die alles entscheidet und die dürft ihr euch nicht entgehen lassen. Dafür bist du bereit, alles zu riskieren.

Eine von Dojis Behauptungen ist goldrichtig: Du würdest für das, was richtig ist, alles tun und scheust dich nicht davor, dir die Hände schmutzig zu machen. Das wird er zu spüren bekommen.


„Ich habe einen Plan und ich werde dabei deine Unterstützung brauchen", wendest du dich wieder an deinen Vater. „Kann ich auf deine Hilfe zählen?"
 
Seishin zögert einen Moment, ehe er dir eine Antwort liefert, mit der du schon gerechnet hast: „Wenn du mich über deinen genialen Plan aufklärst, sicherlich." 

„Dann wirst du garantiert nicht zustimmen." Du lehnst dich etwas in deinem Stuhl zurück und verschränkst die Arme hinter deinem Kopf. „Also, was sagst du?" 

Seufzend nickt er schließlich. „Das klingt nicht sehr beruhigend und ich würde dich gerne davon abbringen, jedoch wäre das zwecklos. Demnach bin ich lieber über dein Vorhaben informiert und gehe das Risiko von grauen Haaren oder einem Herzinfarkt ein." 

Für einen kurzen Moment huscht ein minimales Lächeln auf deine Lippen. „So schlimm ist der Plan nicht." 

Dir ist klar, dass dein Vater seinen Humor nutzt, damit er seine Sorge verbergen kann. Selbstverständlich möchte er nicht, dass dir etwas passieren könnte und fürchtet sich davor.
Wäre die Situation eine andere und beispielsweise Ryuto an deiner Stelle, hättest du ebenfalls Angst um ihn und würdest ihn am liebsten davon abhalten. 

Trotzdem hält sich dein schlechtes Gewissen in Grenzen, bei Ryuto und Gingka wird es dir wesentlich mehr leid tun, denn die zwei haben dich nicht jahrelang angelogen und die aktuelle Lage überhaupt erst geschaffen.
Zwar bist du nicht mehr derart sauer wie nach der Unterhaltung mit Doji, dennoch ist dein Zorn nicht gänzlich verfolgen und die Angelegenheit nicht vergessen. Dein Vater hat mit Doji zusammengearbeitet und all die Zeit Stillschweigen darüber bewahrt. Hätte Doji es nicht losgetreten, hättest du wahrscheinlich niemals die Wahrheit erfahren. 

Dein Vertrauen in ihn ist angekratzt und es wird lange dauern, bis es wiederhergestellt ist – feststeht, dass es niemals genauso wie vorher werden wird, ein gewisses Unbehagen wird bleiben. 

„Ich werde Ryuto und Ryuga alles erzählen", warnst du Seishin deswegen vor. 

Nach all dem Leid haben sie verdient, zu erfahren, wer dafür verantwortlich ist, die Schonfrist ist vorbei und seine Taten müssen endlich Konsequenzen haben. Du wirst nicht zulassen, dass sich der Teufelskreis aus Lügen fortsetzt, sondern ihn endgültig beenden. Darunter zählt zusätzlich, Ryuto die Dinge zu berichten, die du ihm bisher verheimlicht hast.
Dir wurde anschaulich vor Augen geführt, dass der Punkt „Ich will dich vor gewissen Sachen beschützen" nur eine blöde Ausrede ist, die selbst ein gutes Verhältnis zerstören kann. 

Da du mit keiner Erwiderung rechnest – Seishin ist bewusst, dass er kein Recht hat, dir das auszureden und er wird dich bestimmt nicht darin bestärken, seine Beziehungen zu zerstören – fährst du fort und stellst eine indirekte Forderung: „Ich hoffe, dass alles stimmt, das du mir gesagt hast. Ansonsten kannst du deine Aussagen noch revidieren und anpassen. Andernfalls gehe ich davon aus, dass wirklich alles wahr ist."

Offensichtlich willst du dies nicht aus reiner Nächstenliebe klarstellen und hegst ein gewisses Eigeninteresse. Es hat sich nichts an den Umständen geändert, es steht immer noch Aussage gegen Aussage und nach den ganzen Märchen, die dir aufgetischt wurden, könnte das eines von vielen sein – das darfst du nicht außer Acht lassen. 

Ein Hauch von Verletztheit huscht auf sein Gesicht und verschwindet schnell wieder, da er realisiert, dass du für Zweifel jeden Grund hast. „Ich meinte zu dir, dass ich ehrlich sein würde und das war ich auch. Es gibt nichts zu revidieren." 

„Okay, gut."

Natürlich ist das keine Gewährleistung, aber du gibst dich vorerst damit zufrieden. Dein Vater weiß, dass er sich nicht erlauben kann, dich zu belügen, weil er dich dann ein für alle Male verlieren würde. Das würde er nicht aufs Spiel setzen.

„Tu mir, bevor du mit ihnen sprichst, bitte einen Gefallen: lass mich zuerst mit ihren Eltern reden. Sie sollten es von mir hören", bittet Seishin dich.

Du bist froh, dass er den Vorschlag macht und stimmst deshalb mit einem „Einverstanden" direkt zu. Er hat Recht, er sollte derjenige sein, der Ryutos und Ryugas Eltern berichtet, inwieweit er an Ryugas Vielleicht-Entführung beteiligt war.
Außerdem erleichtert es dich, dass dies immerhin nicht zu einem deiner Probleme gehört – es reicht dir, dass du Ryuto später alles beichten musst.
Ein Blick auf die Uhr und deine Müdigkeit verraten dir allerdings, dass du vorher erst einmal ein bisschen Schlaf nachholen solltest und du kannst ein Gähnen nicht mehr unterdrücken. 

Daraufhin erhebst dich du von deinem Sessel und streckst dich ausgiebig. „Ich werde Ryuto dann gegen Nachmittag anrufen, nachdem ich Doji von meiner Entscheidung, der Dark Nebula beizutreten informiert habe."

Der Hinweis könnte kaum deutlicher sein, dass du ins Bett möchtest und dein Vater seinen spontanen Besuch beenden sollte. Ihr habt momentan alles geklärt und du brauchst etwas Erholung. 

Seishin versteht den Wink mit dem Zaunpfahl zum Glück und richtet sich ebenso auf. „Dann sollte ich wieder Zuhause sein und mich mit ihnen unterhalten haben." 

Du realisierst kaum, wie du ihn zur Tür begleitest und ihr euch voneinander verabschiedet – für eine Umarmung bist du noch nicht bereit, weshalb er dir eine Hand auf die Schulter legt und diese drückt, während du leicht lächelst.
 
„Pass auf dich auf und lass Dummheiten sein." Mit den Worten bricht Seishin auf und verschwindet aus deinem Sichtfeld. 

Nur wenige Sekunden später verstößt du sofort dagegen und teilst Doji nach dem Motto „Alles oder nichts" deine Entscheidung, dich der Dark Nebula anzuschließen mit.

Kindheitsträume - I. Versprochen ist versprochenGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt