Kapitel 33

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Ich verbrachte noch eine ganze Woche im Krankenhaus bis ich endlich entlassen wurde. Meine Mutter holte mich ab und wir fuhren nach Hause. Auf der Fahr dahin erzählte sie mir schon, dass mein Vater für eine bestimmte Zeit ausgezogen war. Er würde erst wiederkommen, wenn wir schon in der neuen Wohnung wären. Sie wusste noch nicht einmal ob er kommen würde um sich von uns zu verabschieden, aber das war typisch für ihn. Wieder wussten wir nicht was passieren würde.

In meinem Zimmer standen schon die ersten Umzug Kartons. Es war ein komisches Gefühl schon wieder alles in Kartons zu packen, was ich vor noch nicht mal drei Monaten erst ausgepackt hatte. Nach und nach fühlten sich die Kartons, ich ließ sie kreuz und quer im Zimmer stehen, denn ich durfte auf Grund meiner Bauchverletzung erstmal keine schweren Dinge heben und dazu zählten die Kartons eindeutig. Als ich fertig war setzte ich mich an mein Fenster und schaute nach unten auf die Straße. Ein eigenartiges Gefühl erfühlte mich, als müsste ich jetzt dort unten entlang gehen um noch etwas zu erledigen. Als hätte ich etwas Wichtiges vergessen, aber mir viel nicht ein was ich vergessen haben könnte. Da dieses Gefühl aber nicht verschwand beschloss ich noch ein letztes Mal einen Spaziergang zu machen. Es erschien mir als wäre das ein passender Abschluss für die Erlebnisse hier, denn morgen früh würden wir schon im Wagen sitzen und in eine andere Stadt fahren um dort nochmal neu anzufangen. Ich zog mir Jacke und Schuhe an und wollte gerade das Haus verlassen als mir meine Mutter von hinten zurief: „Warte kurz. Wo willst du denn hin?" „Nochmal eine Runde drehen bevor wir morgen gehen." Sie nickte und kam noch etwas näher zu mir. Sie lächelte und diesmal war es ein echtes Lächeln, kein gestelltes. Sie nahm einen Schal vom Regal und hängte mir ihn um den Hals: „Hier, es ist kalt draußen.", und drückte mir noch einen Kuss auf die Stirn. Sie war wie verändert. Ich lächelte sie an und versprach ihr vor dem Abendessen wieder Zuhause zu sein.

Ich schloss die Tür hinter mir und lief erstmal ohne Ziel los. Doch schon nach ein paar Schritten bemerkte ich in welche Richtung ich lief. Ich lief in die Richtung in der Sven wohnte, zwar wollte ich ihn nicht besuchen aber irgendetwas zog mich magisch an. Als ich nur noch ein paar Schritte von seinem Haus entfernt war wurde mir schlagartig klar was ich vergessen hatte. Sie saßen in einem Vorgarten und bauten kleine Laubhaufen. Ich hatte das kleine Mädchen vergessen und das obwohl ich ihr versprochen hatte nochmal vorbei zu kommen. Wie angewurzelt stand ich da und schaute den beiden zu. Sie lachte und strahlte vor Glück und das färbte auf mich ab. Für diesen Moment war ich auch glücklich und freute mich für sie, auch wenn ich wusste, dass dieser Moment vorbei gehen würde. Denn Sven der dort so liebevoll mit ihr spielte würde ebenfalls bald umziehen und verschwinden. In meinen Gedanken versunken hatte ich nicht bemerkt, dass sie auf mich zu gerannt kam, erst als sie mich antippte realisierte ich, dass sie mich wiedererkannt hatte. „Hallo kommst du auch zum Spielen vorbei?" Perplex nickte ich. „Dann komm mit. Wir bauen gerade Laubhaufen für die kleinen Igel das sie einen Schlafplatz haben.", und mit diesen Worten ergriff sie meine Hand und wir liefen zu ihrem Vorgarten. Natürlich hatte mich auch Sven schon längst erkannt, aber zu meiner Überraschung lächelte er mich freundlich an, sogar etwas mitleidiges schwang in seinem Blick mit. „Na wie geht es dir?", fragte er mich nun. „Soweit ganz gut und dir?" „Auch ganz gut." „Weißt du Sven wird bald umziehen.", unterbrach uns nun die Kleine.

„Ach wirklich?", tat ich verwundert. „Ja aber er hat mir versprochen mir ganz viele Postkarten zu schicken und mich auch mal zu besuchen. Sven lächelte uns an und stimmte ihr zu: „Genau und versprochen ist versprochen..." „Und wird auch nicht gebrochen.", setzte sie seinen Satz fort. Es machte mich froh, die beiden so glücklich spielen zu sehen. Ich baute noch einen Laubhaufen mit und verabschiedete mich dann von beiden. Gerade als ich den Vorgarten verlassen hatte kam Sven mir hinterhergerannt. „Hier ich hab noch was für dich.", er hielt mir ein Foto hin, auf dem ein Mädchen zu sehen war. Sie hatte wie ich kurze schwarze Haare, trug einen Rock und einen Pullover und hatte eine rote, runde Brille auf. „Ist das Raja?", fragte ich verunsichert nach. Er nickte: „Jonas muss mir das Foto in die Tasche gesteckt haben. Kim hatte mir später nochmal alles in Ruhe erzählt." „Es tut mir wirklich leid was passiert ist. Ich wollte nicht, dass das ganze so endet." „Ich weiß. Wir haben uns alle von Jonas täuschen lassen. Ich dachte auch er hätte längest mit der Sache von damals abgeschlossen. Außerdem wollte ich mich auch bei dir entschuldigen, es tut mir leid, dass ich dich damals so verarscht habe und die gehänselt habe" Ich nickte.

Wir waren beide froh, dass der andere die Entschuldigung akzeptiert hatte. Genau wie bei Kim verabschiedeten wir uns und wünschten und gegenseitig viel Glück im neuen Leben.

Nachdem ich jetzt das kleine Mädchen wiedergesehen hatte beschloss ich auch nochmal auf den Spielplatz zu gehen. Vielleicht würde ich dort ja auch Tim nochmal antreffen. Und ich sollte recht behalten. Schon von Weitem hörte ich ihn lachen. Er rannte über den Spielplatz und das schönste war, dass auf der Bank seine Eltern saßen, die ebenfalls mit ihm lachten. Die Frau stand auf, lief zu Tim und half ihm auf das Klettergerüst zu kommen. Der Vater hatte in der Zeit sein Handy gezückt und machte Fotos. Sie wirkten wie eine glückliche Familie und von dem traurigen Jungen, den ich das erste Mal getroffen hatte war nichts mehr zusehen. Glücklich verließ ich den Spielplatz.

Es freute mich, dass die beiden Kleinen so glücklich waren und wieder lachen konnten. Wenigsten für die Zwei hatte diese Geschichte ein glückliches Ende genommen.

Zurück lief ich durch den Park. Als ich vor dem See stand blickte ich traurig auf ihn. Es war so ein schöner und idyllischer Ort, aber für uns stellte er nur noch Schlechtes dar. Ein Mädchen hatte sich hier erhängt, ich wurde hier bloßgestellt, Samira musste hier sterben und fast wäre hier noch eine weitere Person ums Leben gekommen. Aber all diese Schicksale würden in Vergessenheit geraten, denn im Sommer würden hier wieder Enten schwimmen und Eltern mit ihren Kindern toben. Die schlechten Erinnerungen würden wir einfach mitnehmen, ganz tief in uns drinnen, sodass sei nie wieder an die Öffentlichkeit kommen würden.

Der letzte Punkt meines Spazierganges war mein Lieblingsort. Ich stand auf dem kleinen Hügel und blickte hoch zu den Sternen. Wie gerne war ich hier gewesen, wie glücklich war ich hier und wie glücklich war ich mit ihm hier. Erst als ich hier stand wurde mir bewusst, dass ich einen Teil von Jonas vermisste. Ich vermisste den Teil der so lieb und verständnisvoll war, der mich an sich drückte und seine Wärme mit mir teilte. Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass ich ihn nie geliebt hätte. Ich hatte in geliebt und wer weiß, wenn er nicht diese Rachegedanken gehabt hätte, wäre vielleicht wirklich was aus uns geworden. Hätte er mir die Geschichte mit Raja vorher erzählt hätte ich ihm vielleicht dabei helfen können über das alles hinwegzukommen. Wir hätten eine ehrliche Beziehung führen können. Aber er hatte mir nichts erzählt und vielleicht hatte er mich auch nie wirklich geliebt. Dennoch werde ich die Zeit mit ihm nie vergessen und ich bin dankbar dafür, dass ich durch in weiß wie sich wahre Liebe anfüllen sollte.

Zum Abschluss grub ich ein kleines Loch auf dem Hügel und legte dort das Bild von Raja hinein. Vielleicht würden jetzt alle ihren Seelenfrieden finden.

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