Kapitel 23

1.6K 84 8
                                        


„Was hat Cathrin gesagt?", fragt Tess sobald ich zur Tür reinkomme.

Sie hat sich in ihrem pinken Sweatsuit und mit Pferdeschwanz auf das graue Sofa gelegt und beschäftigt sich mit ihrem Handy. Und ich wette, dass sie wiedermal auf dieser dämlichen Dating-App unterwegs ist.

Müde lasse ich mich auf den zum Sofa passenden Sessel fallen und lege die Beine auf den Glastisch. Meine nackten Waden hinterlassen leichte Abdrücke auf dem Glas.

„Sie glaubt, dass er nach der Sommersonnenwende wieder mehr Kontrolle über sich haben könnte", erkläre ich und strecke müde meinen Körper. Ich habe mich mal wieder übernommen, denn schließlich bin ich erst gestern wieder aufgewacht. „Und Cathrin hat auch gesagt, dass ich nicht stark genug bin, um eine Verbindung mit ihm einzugehen."

Tess setzt sich ruckartig auf und legt ihr Handy weg. Ab jetzt bin wohl ich wichtiger. „Du wirst aber früher oder später mit ihm schlafen müssen und wollen! Wie sollt ihr denn eine gesunde Beziehung führen, wenn ihr nicht mal Sex haben könnt!"

Nicht jede Beziehung braucht Sex, aber für einen Werwolf ist er sehr wichtig. Die animalische Seite in ihnen zwingt sie schon fast dazu, weshalb es nicht selten vorkommt, dass Werwölfe nicht auf ihren Gefährten warten können.
„Wir können Sex haben, aber zuerst muss er sich unter Kontrolle bringen und ich", setze ich an und atme dann tief durch. Ja, was muss ich denn? Meinen inneren Wolf finden? Mit meiner animalischen Seite in Kontakt treten? Auf die dunkle Seite des Wolfes wechseln? „Ich muss meinen Wolf stärken, indem ich mich öfter verwandle."

„Hat Cathrin das so gesagt?", fragt Tess erstaunt und legt ihren süßen kleinen Kopf schief.

Meine Freundin wirkt immer so unbeschwert und frei, also würde ihr alles im Leben nur so zufliegen, doch ich weiß, dass dem nicht so ist. Ihr Vater hat sie und ihre Mutter für eine andere Frau verlassen und beschlossen, mit ihr eine neue Familie aufzubauen. Tess' Halbschwester ist ein sehr nettes und süßes Mädchen, das von ihrem Vater geradezu verwöhnt wird während er sich seit Jahren nicht mehr bei meiner Freundin gemeldet hat. Die neue Frau ihres Vaters ist immerhin anständig genug, um Tess eine Karte zu Weihnachten und zu Geburtstag zu schreiben, doch die Unterschrift ihres Vaters hat bisher jedes Mal gefehlt. Dafür unterschreibt Cassie jedes Mal, malt ihrer Halbschwester Bilder und beschreibt ihr geradezu ausführlich, wie ihr Tag war. Tess' Vater ist ein herzloser Bastard, doch sie lächelt noch. Es ist zwar nicht immer echt, aber ihr geht es gut.

„Ja, das hat Cathrin gesagt", lüge ich und verschweige ihr den Rest.

Falls es mich umbringt, will ich besser nicht, dass sie sich Vorwürfe machen muss.

„Wie verwandelt man sich überhaupt?", frage ich vorsichtig.

Sofort beginnt Tess schallend zu lachen. Sie schließt ihre gold-grünen Augen und legt den Kopf in den Nacken.

Na, vielen Dank auch.

„Ach, Izzy, das macht man eben einfach", kichert sie jetzt und schüttelt dabei ihren Kopf, sodass ihr braunes Haar sich sanft mitbewegt, „Du willst dich verwandeln und dann verwandelst du dich!"

Verwirrt blinzle ich sie an.

So einfach ist das also? Ich muss es nur wollen und dann klappt das schon?

Misstrauisch schließe ich langsam meine Augen, um mich besser konzentrieren zu können.

Wie erwartet passiert nicht viel.

Na gut.

Ich will ein Wolf sein. Ich will ein Wolf sein. Ich will ein Wolf sein.

Dieses Mantra wiederholt sich einige Male in meinem Kopf, doch ich kann nichts spüren. Ich fühle mich nur lächerlich.

Notorious Mate [Pausiert]Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt