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6. Kapitel

Samstag, 25. April

Leise und langsam schleiche ich mich aus dem Zimmer und erschrecke, als Lukas mich vom Wohnzimmer aus beobachtet. „Was machst du in meinem Zimmer allein mit Kadir? Bitte, hab ihn nicht umgebracht.", sagt Lukas und ich grinse. „Nein, viel besser.", sage ich und setze mich neben meinen Cousin, der Jessica Jones guckt. Manchmal schaue ich mit, aber ich mag die Serie nicht. Sie passt auch nicht zu mir. Vorallem wenn man mein heutiges Outfit betrachtet, was nur so nach Unschuld schreit. Lukas schaut mich misstrauisch an. Ich grinse nur und stehe wieder auf, um mir ein Glas Wasser zu holen. Luzie ist heute mit Alex verabredet und Papa muss arbeiten, wie jeden Samstag. Letztes Wochenende war es erstaunlich ruhig zwischen mir und Kadir. Er hat sich wirklich dran gehalten und das schätze ich sehr. Gut, manchmal hat er eine böse Bemerkung gemacht, hat sich dann aber gleich wieder entschuldigt. Nicht wie diese Woche, die wie, als wäre das Wochenende nie passiert, grausam war. Niklas hat öfter Leonie und Kadir abgeholt, obwohl Kadir sehr genervt schien von den beiden. Sie haben vor der ganzen Schule rumgemacht, das tat weh. Kadir hat zwar nicht so viele böse Kommentare gegeben, wie letzten Freitag, trotzdem waren die Bemerkungen fieser, als die vorher.
Dafür habe ich ihm jetzt sein Gesicht verschönert. Mit einem Penis und einem Bart und dem Satz: „Damit du weißt, was dir fehlt". Ich klopfe mir innerlich auf die Schulter. Zum Glück hat Kadir einen tiefen Schlaf, sonst wäre ich jetzt tot.

„Maia!", ich zucke zusammen und gehe raus in den Flur. „Was ist das?", fragt Kadir und deutet auf sein Gesicht. „Dein Gesicht.", sage ich und er verdreht die Augen. „ein männliches Geschlechtsteil und ein Bart.", füge ich leise hinzu. Plötzlich kommt mir die Idee nur noch dumm vor. Was hab ich mir dabei gedacht, Kadir, den aggressivsten Kerl, den ich kenne, anzumalen? „Nur so zur Info, ich hab beides.", sagt er ruhiger und ich schlucke. „Das ist ganz schön sexistisch, findest du nicht? Warum muss man einen Schwanz haben, um ein Mann zu sein? Oder es gibt auch Frauen die Bärte haben.", sagt er jetzt und kommt auf mich zu. Ich hätte es lassen sollen. Lukas sitzt auf der Couch und schaut uns amüsiert zu. Als er meinen hilfesuchenden Blick findet, grinst er breiter und zuckt mit den Schultern. „Du hast dich da selbst reingeritten, Prinzessin.", sagt er und wendet sich wieder dem Fernseher zu. Also gut. „Es tut mir leid, ich habe nicht nachgedacht. Aber du hast mich die ganze Woche aufs böseste bloßgestellt und da wollte ich mich rächen.", sage ich und Kadir fängt an zu grinsen. Und dieses jungenhafte Grinsen, welches ich schon bei Niklas so süß fand, taucht auf seinem Gesicht auf. Ich atme zittrig ein. „Und da dachtest du, du malst mich an, Kleine?", fragt er und mir kommt es auf einmal vor, als wäre er ein Riese. Ich schlucke. Dann nicke ich mutig. Innerlich wappne ich mich schon dem schlimmsten, aber dann auf einmal lacht er. Er lacht. Warum brüllt er mich nicht an? Warum schlägt er nicht gegen die Wand neben mir? Warum rennt er nicht weg, damit er mich nicht verletzt? Ich finde das viel beängstigender, als wenn er mich anschreit. „Du bist so süß.", sagt er jetzt und ich bin wie versteinert. Süß? Seit wann bin ich in seinen Augen süß. Er fängt noch lauter an zu lachen und geht dann ins Bad. Ich bin so verwirrt, dass ich erst dann Luft hole, als Kadir die Badtür hinter sich schließt. Jetzt fängt Lukas an zu lachen. „Du solltest dich mal angucken.", sagt er und zeigt auf mich. Er wischt sich Tränen aus den Augenwinkeln und breitet dann seine Arme aus. „Komm her.", befiehlt er mir und ich stürme in seine Arme. Jungs sind so verwirrend. Er streicht mir sanft über den Rücken und ich atme tief durch. „Warum hat er mich nicht angeschrien?", frage ich leise und immer noch verwirrt. Kadir lacht so selten in meiner Gegenwart. Es hört sich so schön an. Wie eine tiefe raue Melodie. Moment mal, über was denke ich da nach? Kadir ist ein Eisbrocken und ich hasse ihn. Er verletzt mich andauernd.

„Er hat einfach gelacht.", erzähle ich Olivia am Telefon. Sie kichert. Die Jungs zocken drüben und ich habe mich in mein Zimmer verkrochen und gehe Kadir so weit wie es geht aus dem Weg. „Feli will sich morgen mit mir treffen.", erzählt sie jetzt und ich schnappe nach Luft. „Oh. Mein. Gott.", mache ich Janice von Friends nach. Olivia kichert. „Wann hat sie dich gefragt? Was ziehst du an? Bist du schon aufgeregt?", schießen die Fragen aus mir raus. Olivia lacht. „Sie hat mich Donnerstag gefragt. Das weiße Kleid. Ja.", beantwortet sie meine Fragen knapp. „Das mit den Blumen?", frage ich und Olivia lacht auf. „So viele weiße Kleider hab ich gar nicht.", sagt sie und ich nicke. „Stimmt.", sage ich. „Wo trefft ihr euch?", frage ich weiter. „Am Hafen.", sagt sie. Auch wenn unsere Stadt klein ist, fließt ein riesiger Fluss durch und dadurch haben wir einen kleinen Hafen, der aber nicht so spektakulär ist, wie es sich anhört. Dort sind meistens nur Touristen, da dort die kleinen Boutiquen sind und eine wirklich gute Eisdiele. „Und was macht ihr?", frage ich, weil sie nicht weiterredet. „Eis essen, spazieren und quatschen.", sagt sie und ich nicke wieder. „Cool.", sage ich und jetzt wünsche ich mir auch jemanden mit dem ich schreiben kann, bei dem mein Herz schneller schlägt, wenn er mir antwortet. „Du ich muss jetzt auflegen, Oma will mit mir einkaufen gehen.", sagt sie und wir verabschieden uns. Olivias Eltern arbeiten woanders, aber Olivia wollte hier bleiben, deswegen ist sie bei ihrer Oma geblieben. Ich lächle und lege mich aufs Bett.

Kadir hat immer noch leichte Striche auf seinem Gesicht. Ich sitze gegenüber von ihm am Tisch eines Bürgerladens und warte auf mein Essen. Kadir tippt konzentriert auf seinem Handy rum und Lukas schreibt mit irgendwem. Nur ich hab mein Handy zuhause vergessen und weiß nicht was ich jetzt machen soll. Also spiele ich mit den Flaschenuntersetzern und baue ein Kartenhaus. Als ich fast fertig bin, pustet Kadir und es fällt in sich zusammen. Ich funkle ihn wütend an und bewerfe ihn mit einer Nuss, die in einem kleinen Schälchen auf dem Tisch steht. Er grinst mich nur an und fängt die Nuss, bevor sie ihn berührt. „Kinder, beruhigt euch mal.", ermahnt uns Lukas, ohne von seinem Handy aufzuschauen. Ich strecke Kadir die Zunge raus und wende mich der Karte zu.

What if I trust youGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt