29.

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29. Kapitel

Freitag, 12. Juni

Müde schließe ich die Tür auf und würde sie am liebsten gleich wieder zu ziehen. „Was macht er denn hier?", frage ich und stelle meinen Rucksack neben die Tür und schaue zu Lukas und Kadir, die mich beide von der Couch aus mustern. Beide haben einen Controller in der Hand. Kadir sieht genauso aus, wie ich mich fühle, müde und wie ein Zombie. „Kadir darf immer noch so oft kommen, wie er möchte. Immerhin sind wir befreundet.", stellt Lukas klar und ich merke, dass dies hier anders sein wird als bei Niklas. Diesmal wird Lukas sich nicht für mich entscheiden, er wird sich für keinen von uns entscheiden. Ich verdrehe meine Augen und stampfe an den beiden vorbei in mein Zimmer. Dort rufe ich Olivia an und frage sie, ob ich bei ihr schlafen kann. Sie erlaubt es und ich packe meine Tasche. Als ich fertig bin schreibe ich Papa eine Nachricht und laufe wieder ins Wohnzimmer. „Tschüss", sage ich und knalle die Wohnungstür zu. Ich renne halb die Treppe runter und stöpsle mich von der Welt ab und höre Musik. Als ich an der Haltestelle sitze, merke ich wie ich weine. Es nervt, dass ich so ängstlich bin, dass ich bei dem kleinsten Dingen, die dazu führen könnten, dass Kadir mich betrügt, dichtmache. Es nervt, dass er immer noch mit Juli abhängt und Leonie mir dauernd im Ohr sitzt. Wie können sich die Rollen um mich herum so schnell anders verteilt haben? Gut, Leonie ist nicht so böse, wie Kadir. Sie ist netter geworden. Aber ich traue ihr immer noch nicht. Ich könnte ihr niemals richtig verzeihen. Vielleicht können wir es irgendwann mal wieder mit einer Freundschaft versuchen, aber keine besten Freunde. „Maia?", ich schaue auf und schnaube. „Ne, oder?", frage ich und ziehe die Kopfhörer ab. Niklas grinst mich beschämt an. „Was ist los?", fragt er und sieht wirklich besorgt aus. „Braucht dich nicht zu interessieren, was in meinem Leben abgeht.", fauche ich ihn an und er presst seine Lippen zusammen. Dann legt er seinen Kopf schräg. „Habt ihr euch gestritten, du und Kadir?", fragt er und setzt sich neben mich. Ich ziehe die Brauen zusammen. „Wir streiten doch dauernd. Wie kommst du darauf?", frage ich und schaue ihn interessiert an. Seine blauen Augen schauen in meine und plötzlich kommt es mir so vor, als sei alles wie früher. Wo wir noch glücklich waren. Wir haben so viel Quatsch gemacht und so oft geredet, über alles und nichts. Er lächelt und automatisch legt sich auch ein Lächeln auf meine Lippen. „Ich kenne euch beide. Auch wenn ihr es nicht wahrhaben wollt. Ich bin sein Bruder und dein Ex.", er schluckt. Er beißt seine Zähne zusammen und grinst gequält. „Warum fällt es mir jetzt so schwer zu sagen, dass du meine Exfreundin bist? Ich habe dich betrogen, nicht du und das ist echt scheiße von mir gewesen.", sagt er plötzlich und in seinen Augen glänzen Tränen. „Ich habe mich von Leonie getrennt. Wir beide hatten zu viele Schuldgefühle.", sagt er und ich starre ihn geschockt an. „Das wusste ich gar nicht.", sage ich und Niklas grinst gequält. „Wollen wir vielleicht woanders hingehen, ich glaube die Frau ist an unserem Leben mehr interessiert, als an der Infotafel. Die steht da jetzt nämlich schon 'ne ganze Weile.", wir lachen kurz. Doch dann fällt mir wieder ein, was er mir angetan hat und ich bin stumm. Auch er schaut wieder ernst. Wir stehen auf und laufen in Richtung Olivia. „Ich nehme an, du wolltest zu Olivia.", sagt er, als wir den Weg laufen, den ich schon zu oft gelaufen bin, weil ich die Bahn verpasst habe, oder keinen Bock auf den Bus hatte. Ich lächle und nicke. „Zumindest nochmal auf dich und Kadir zu sprechen. Ihr seht beide scheiße aus. Na gut, du siehst eigentlich immer süß aus.", sagt er und ich schaue beschämt nach unten. Er rempelt mich spielerisch an. „Warum hast du das gesagt?", frage ich leise und Niklas schaut mich von der Seite an. Ich spüre seinen Blick auf mir, auch wenn ich ihn nicht direkt anschaue. „Weil es stimmt. Aber wir wollen jetzt nicht ablenken. Warum habt ihr euch gestritten?", fragt er und jetzt schaue ich ihn doch an. Die Haare, die perfekt wie immer sitzen. Seine Haltung, die so gerade ist, dass er richtig selbstbewusst wirkt. Er hat sich genauso schlicht und farblos angezogen wie der Tag ist. Es ist Juni, aber trotzdem gab es noch keinen einzigen Tag, der so richtig sonnig war. Gestern hat nach der Schule für zwei Stunden die Sonne geschienen. Seine gerade Nase hat er von seiner Mutter und das markante Kinn hat er von seinem Vater. Bei Kadir ist es genau anders herum. „Ich will nicht mit dir darüber reden.", weiche ich aus und Niklas seufzt. „Ich will dich auch nicht dazu zwingen. Ich kann dich verstehen, dass du es mir nicht erzählen willst, aber bitte versprich mir eines:", sagt er und wir schauen uns an, als er stehen bleibt. Ich bleibe neben ihm stehen und warte, dass er weiterredet. „Ich möchte, dass du nochmal mit Kadir redest. Er isst kaum was zuhause und sagt kein Wort mehr. Ich weiß, wir haben keine gute Bindung zueinander, aber ich mach mir wirklich Sorgen um ihn.", sagt er und ich starre ihn an. „Wer ist genau diese Juli?", frage ich ihn und Niklas stutzt. „Du kennst Juli?", fragt er und wir laufen weiter. Ich nicke und er atmet tief durch. „Juli ist die Tochter von Papas Partner und vielleicht Exfreundin von Kadir."-"Was heißt vielleicht Exfreundin?", frage ich und Niklas räuspert sich. „Die zwei hatten sowas wie eine Beziehung, aber ich denke, bei Kadir ging es eher ums körperliche.", erklärt er und grinst. „Mein Bruder ist ein ganz schönes Arschloch.", sagt er leise und grinst. „Ich nehme an, sie ist der Grund, warum ihr euch gestritten habt?", fragt er und ich presse meine Lippen zusammen. „Juli ist schon immer ziemlich anhänglich gewesen.", sagt er jetzt und schaut mich wieder an. „Ich denke, jetzt wo sie hier ist, denkt sie, dass sie wieder eine Chance hätte bei ihm zu landen, aber er mag dich mehr. Er würde dir nie sowas antun, wie ich es getan habe.", er schluckt und schaut traurig, zwingt sich dann aber ein Grinsen auf die Lippen und stößt seine Ellbogen sanft und spielerisch in meine Seite. „Du hast dem Jungen, wo ich dachte, dass es nie passieren könnte, den Kopf verdreht.", sagt er und schaut zum Himmel. „Und ich bin nicht mal sauer, dass er sich dich geschnappt hat. Ich freue mich für euch. Du machst ihn glücklich. Zwar jetzt gerade nicht, aber dennoch tust du es. Du berührst ihn, wie es noch nie ein Mensch getan hatte. Aber nicht körperlich, sondern innerlich. Er hat sich so verändert in den letzten Wochen und Monaten.", sagt er und grinst wieder so jungenhaft, wie ich es liebe. Dann atmet er tief durch und bleibt stehen. „Wir sind da.", stellt er fest und ich schaue das Haus an. „Red mit ihm und ich schwöre, er würde dir niemals wehtun.", sagt er und dann ohne darüber nachzudenken, lege ich  meine Arme um seinen Hals und ziehe ihn zu mir. „Danke", flüstere ich in sein Ohr und umarme ihn fest. Vielleicht kriegen wir das wieder hin mit uns beiden, denn er kann wirklich nett sein, wenn er will. Ich lächle ihn an und gehe zur Haustür. Ich winke ihm zu und klingle.

What if I trust youGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt