Etwas skeptisch hatte ich das Getränk, das mittlerweile die gold-gelbliche Farbe von Bier angenommen hatte, entgegengenommen. Tatsächlich hatte es die Wirkung eines dieser trügerischen Diät-Nahrungsersatzmittel, es machte unheimlich satt und war dabei lecker und leicht. Unglaublich erfrischend in der sengenden Sommersonne. Als ich Joshua nach Hintergründen zu dem goldenen Staub gefragt hatte, hatte er nur geheimnisvoll gegrinst und mit den Worten "Wenn man hier ein wenig herumgekommen ist, findet man die erstaunlichsten Dinge" abgewunken.
Die nächste Stunde verbrachte ich am Wasser, die Beine in die Wellen gestreckt, und ordnete meine Tasche. Ich war sogar auf mein Handy gestoßen. Allerdings überlebte es keine fünf Minuten am Stück, das Wasser hatte zu großen Schaden angerichtet - ich konnte nur hoffen, dass es sich mit der Zeit erholen würde und seltener abstürzte. Aber Empfang gab es hier natürlich sowieso nicht. Ich war nicht erreichbar. Ob man in meiner Welt wohl nach mir suchte?
So oder so, die Elfe hatte eine riesige Freude an der Musikauswahl auf meinem Smartphone, trällerte fröhlich alles nach, was sie zu hören bekam, und Joshua begann fasziniert Temple Run 2 zu spielen. Was mich ehrlich gesagt ziemlich zum Schmunzeln brachte. Ihn dort in der Sonne verwirrt vor dem Bildschirm sitzen zu sehen, wie er vor dem Spiel verharrte wie ein Fünftklässler mit dem ersten eigenen Handy, war amüsant mitanzusehen. Und wie er sich bei jedem eingesammelten Smaragd (ich hatte ihm die 'wertvollen' Funktionen der Items erklärt) freute wie ein Kind an Weihnachten - ich konnte mir das Grinsen nicht verkneifen.
Doch nachdem sogar mein Long-Lasting-Akku die 40% erreicht hatte und das Gerät mehrfach abgestürzt war, das Wasser es spinnen ließ, und wir den Dauergesang der Elfe nicht mehr am Kopf haben konnten, war langsam Stille eingekehrt. Die Sonne neigte sich dem, wahrscheinlich auch in dieser Welt, westlichen Horizont entgegen. Die grünen Bergspitzen begannen zu strahlen.
"Wann sehe ich denn, warum der Goldsee Goldsee heißt?", musste ich zum hundertsten Mal fragen. "Geduld, Eure Hoheit", neckte Joshua mich.
Ich rutschte näher ans Wasser. Es war glasklar und verströmte einen angenehmen, reinen Blütenduft wie ein Weichspüler. Ich tauchte einen Zipfel meines Oberteils hinein. Es roch wie frisch gewaschen, keineswegs nach brackigem, abgestandenem Seewasser, wie man es eigentlich kannte. Ich zog die Kleidung von gestern aus meiner Tasche und begann, sie durchzuwaschen. Wer wusste schon, wann ich das nächste Mal die Gelegenheit dazu bekäme... Am liebsten wäre ich direkt selbst in das kühle Wasser gesprungen, die Hitze und der brennende Sonnenschein machten mich langsam verrückt, obwohl ich mich öfters in den angenehmen Schatten des Waldes zurückgezogen hatte. Aber die Angst vor dem Unbekannten hielt mich zurück - wenn es hier Elfen gab, was sprach dann gegen einen Verwandten des Monsters von Loch Ness?
Trotzdem konnte ich nicht widerstehen - und laut Joshua war das Gewässer sicher. Es war ein perfekter See. So märchenhaft schön, klar, mit angenehmer Temperatur und in bester Landschaft, dazu auch noch sauber und roch nach Seife. Ganz anders als in meiner Welt, mit chemischen Abfällen belastet und voll von toten Fischen in den umgekippten Seen.
Aber dieser hier war anders. Zu schön, um wahr zu sein. Die Perfektion dieses Moments raubte mir den Atem, als ich mitsamt meiner ganzen Kleidung in das Wasser watete, ganz langsam, um die ersehnte Erfrischung genießen zu können und keine zu hohen Wellen zu schlagen. Ich hatte Angst, die vollkommene Natur zu stören. Und ich hatte nunmal nicht ahnen können, dass sich die Perfektion noch steigern ließ.
Man kann immer plus eins rechnen, hatte mal einer meiner Mathelehrer gesagt. Und immer minus eins. Zahlen sind also unendlich. Und genauso sieht es mit den Gefühlen aus. Denkst du jetzt noch, es ist maximal perfekt, wird es entweder so bleiben, sich noch verschönern, oder im nächsten Augenblick zerstört werden. So gesehen war jede Sekunde ein Risiko oder eher ein Glücksspiel, bei dem manchmal mehr die Fäden zog, als das Schicksal allein. Wir hatten einen eigenen geringen Einfluss auf uns selbst. Auf die Welt. Was bringt es, ein einziges von Milliarden 'unbedeutenden' Leben zu retten? - auf den ersten Blick nichts, doch für diese eine Person bedeutete es mehr, als Leben und Tod zusammen. Es bedeutete die ganze Welt und alle Existenz unserer Wahrnehmung und Vorstellungskraft.
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Golden Fairytale
FantasyDiese fremde, neue Welt sprengte alle Grenzen der Realität. Der Wissenschaft. Der Grausamkeit. Der Wunder. Der Unendlichkeit. Meines öden Alltags. Diese Welt überstieg sogar die Ausmaße meiner eigenen Phantasie. Wie oft hatte ich hiervon geträumt? E...
