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   Wieder auf dem Sonnenhof folgten die drei der Straße zum Platz der Weltenwanderer, und Halduron Wolkenglanz verkündete die Befehle des Lordregenten, was ihm einen äußerst missmutigen Blick von Lady Liadrin einbrachte. "Wartet an den Stadttoren, bis wir uns ausgerüstet haben und dann geht es los", befahl die Blutelfe, die ganz offensichtlich das Kommando über die Blutritter übernahm. Dolette nickte ihr zu und nahm Marialle an die Hand, um zum Stadttor voraus zu gehen. "Sie wirkt ziemlich fanatisch", bemerkte die Priesterin grübelnd. "Das liegt uns irgendwie im Blut. Wenn wir uns auf etwas einlassen, dann voll und ganz, aber diese da waren einst Diener des Lichts so wie wir. Jedoch nehme ich an, dass sich das Licht von ihnen genauso abgewandt hat wie von mir." Marialle war überrascht bei diesen Worten und sah ihre Liebste verwundert an.
"Was redest du denn da? Ich sah doch heute Mittag gerade, dass du deinen Lichthammer geschwungen hast!", versuchte Marialle das Gesagte zu widerlegen. "Ich hatte es bis dahin auch noch gar nicht bemerkt, Liebste, aber gerade Lichtmagie ist gegen die Geißel unheimlich wirkungsvoll und dafür war der Hammer ganz schön schmächtig." Lor'themar hatte beim Essen erzählt, dass die Hochelfen, die der Kirche des heiligen Lichts angehörten, alle ihre Macht verloren hatten, als sie, zusammen mit dem Sonnenbrunnen, verdorben wurden. Seit der Schlacht um den Weltenbaum hatte Dolette ihre Kräfte als Paladin noch nicht wieder eingesetzt. Vielleicht blieb dieser Umstand darum unentdeckt.
"Außerdem sieh dir meine Augen an. Was auch immer der Grund war, weshalb sich das Licht von ihnen abwandte, auch ich habe dieselben Symptome", schloss die Paladin ihren Gedankengang ab. "Ja, aber wenn ich Lor'themar richtig verstanden habe, sind die Blutelfen seitdem gar nicht mehr in der Lage, Lichtmagie zu nutzen, du hingegen schon."
"Vielleicht, weil ich im Gegensatz zu ihnen noch immer an das heilige Licht glaube", überlegte Dolette laut.
"Vielleicht wird es ja auch wieder."
"Deshalb will ich Liadrin ja begleiten, Mari." Nun nickte Marialle, das konnte sie jetzt endlich verstehen.

Eine Weile später wurden die beiden Frauen von Liadrin und den anderen Blutrittern eingeholt. Sie hatten sich alle extrem verändert. Ihre schönen, hellen Roben hatten sie gegen schwarze Plattenrüstungen mit roten Applikationen getauscht. "Lasst uns aufbrechen, solange die Sonne noch am Himmel steht", schlug die Kommandantin der Blutritter vor. "Sehr wohl, Lady Liadrin", gab Dolette zurück, bemüht einen respektvollen Ton zu wahren.
An der Todesschneise, die Silbermond in zwei Hälften teilte, angekommen, bot sich Dolette und Marialle ein beeindruckender Anblick. Das gute Dutzend Blutelfenpaladine hatte leichtes Spiel, die Geißel in diesem Teil der Schneise zu verdrängen. Mit mächtigen Schwertstreichen und Zaubern vernichteten sie einen Untoten nach dem anderen. Die Zauber, die Marialles Geliebte wirkte, erschienen ihnen hingegen mehr als kläglich. "Ist das alles, was ihr zu bieten habt, Lady Glutklinge?", fragte Liadrin herausfordernd und Dolettes Miene verfinsterte sich mit jedem Herzschlag.
Anstatt den anderen Paladinen zu erklären, dass sie ihre Macht auch durch ihren Glauben zurückerlangen könnten, wurde sie nur mit jedem Untoten, der von einem der Blutritter erschlagen wurde, missmutiger. Schlussendlich ließ sie sich kraftlos zu Boden sinken und Marialle erkannte nichts als Leere in den grünen Augen.

Zurück in der Stadt staunten sie. Die Aufbauarbeiten waren in der kurzen Zeit fast abgeschlossen worden. Die Macht, die von dem Naaru ausging, musste tatsächlich enorm sein. Als sie zurück in dem Zimmer im Sonnenzornturm ankamen, war Dolette außer sich. "Beim Licht! Bei allem was mir heilig ist! Was macht mich denn jetzt noch aus? Erst verlieren wir die Macht, die uns verband, und nun kann ich nicht einmal mehr eine Paladin sein? Wie soll ich denn jetzt noch dem Weg folgen, den ich eingeschlagen habe? Wie kann ich dich jetzt noch beschützen, Marialle?" Mit jedem Wort hob sich ihre Stimme weiter an, bis sie schließlich schrie. "Dole, beruhige dich! Wir finden einen Weg", versuchte die Priesterin ihre Liebste zu beruhigen. "Was denn für einen? Sollen wir zu deiner Familie auf den Hof gehen und ich mit deinen Brüdern die Felder bestellen? Ach was rede ich, nicht einmal dafür habe ich noch genug Kraft! Ich kann mich ja zu deinen Schwägerinnen in die Küche oder auf den Markt stellen! Und dann warte ich sehnsüchtig auf deine Rückkehr von deinen Reisen. Dein kleines Frauchen!", redete sie sich weiter unaufhörlich in Rage.
"Dole, nun beruhige dich! Dazu wird es schon nicht kommen, und selbst wenn, wäre es so tragisch, mit mir ein ruhiges Leben zu führen? Auf dem Hof oder auch in unserem Haus in Theramore?" Diese Worte, in denen der Vorwurf deutlich mitschwang, erreichten die Elfe nun doch, und so entspannten sich ihre Gesichtszüge etwas. Marialle trat an sie heran, worauf die Paladin die Stirn gegen ihre legte.
"Es tut mir leid, Mari, ich fühle mich nur so machtlos. Wie soll ich ihnen einen anderen Weg zeigen, wenn ich selbst die Fähigkeit verloren habe, ihn zu gehen?", fragte sie nun ruhig, aber resignierend. "Das Schicksal deines Volkes liegt nicht ganz allein in deiner Hand, Liebste. Kümmer dich doch etwas mehr um dich. Lass uns gemeinsam einen Weg finden, damit umzugehen, auf welche Weise auch immer." Dolette nickte, wandte sich wieder von der Priesterin ab und sah mit leerem Blick aus dem Fenster auf den immergrünen Immersangwald.
"Ich verstehe gar nicht, was mit mir los ist. Wofür meditiere ich jeden Tag, damit ich dann doch so sehr aus der Haut fahren kann, weil es mir keinen Deut besser geht als allen anderen meines Volkes. Ich bin zwar anders an meine Macht gekommen, dennoch kann ich genauso wenig ohne sie leben. Ich unterscheide mich in keinster Weise von ihnen." Ihre Stimme versagte ihr hin und wieder den Dienst, so sehr zerriss die Elfe ihre verloren geglaubte Macht.
"Lass uns schlafen gehen, Dole. Vielleicht sieht es morgen alles anders aus." Dolette drehte sich wieder zu der Menschenfrau und nickte schwach.
"Du hast recht, lass uns schlafen", gab sie ihren Widerstand fürs Erste auf und zog sich die Rüstung vom Leib, um sie achtlos und scheppernd auf den Boden fallen zu lassen. Marialle entledigte sich ihrer Robe, und gemeinsam legten sie sich in das luxuriöse Bett. Die Priesterin war überrascht, wie schnell die Elfe einschlief, doch schon bald folgte sie ihr, in einen unheilvoll traumlosen Schlaf.

Einige Tage oder Wochen vergingen ereignislos. Immer mehr Blutelfen bedienten sich der Magie des Naaru M'uru, und Silbermond war nach nur einem Tag auf der Ostseite wieder völlig hergerichtet. Die Blutritter etablierten sich vollends in der Gesellschaft der Sin'dorei, und so hatten sie endlich eine wirkungsvolle Waffe gegen die Geißel. Auf Rat des Großmagisters war Lor'themar ein Bündnis mit den Verlassenen eingegangen, um auch den Trollen, die sie bedrohten, Herr werden zu können. Das Reich Quel'Thalas erblühte mit der Zeit teilweise zu neuem Leben.
Die seelische Verfassung von Dolette hingegen wurde immer labiler. Sie war die meiste Zeit missmutig und blieb auf dem Zimmer. Bei Zeiten wurde sie sogar aggressiv. Die Geduld der Priesterin nahm nach und nach ein Ende, als die Streitereien zwischen ihnen immer weiter ausarteten. Sie sah ein, dass sie der Paladin vielleicht einfach nur Zeit lassen musste, und darum ließ sie sie in ihrer schlechten Laune und ihrem Selbstmitleid baden, bis eine Gelegenheit kommen würde, eine positive Wende einzuläuten. Unter ihren Gefährten war die Stimmung ebenso angespannt. Sie fühlten sich von Tag zu Tag weniger in Silbermond willkommen und bald wie Gefangene in den goldenen Palastmauern des Sonnenzornturms.

Eines Morgens erwachte Marialle jedoch allein in dem großen Bett, und ihr Instinkt sagte ihr, dass etwas passiert war. Die Priesterin sprang auf und warf sich ihre Robe achtlos über. Die Sonne war schon aufgegangen und tauchte die Flure des Regierungssitzes der Blutelfen in sanfte Orange- und Gelbtöne. Von weitem sah sie die Blutritter auf dem Sonnenhof. Wie jeden Morgen versammelten sie sich, um aus der Stadt zu ziehen und Quel'Thalas Stück für Stück von der Geißel zu befreien. Als sie genauer hinsah, erkannte sie die langen, goldblonden Wellen ihrer Liebsten. Wie die anderen trug sie eine schwarze Plattenrüstung mit roten Verzierungen, darüber den Wappenrock der Blutritter. Marialle erschrak, als sie die starke Präsenz der Paladin wahrnahm und rannte los.
Als sie atemlos bei der Gruppe Blutelfen ankam, verlangsamte sie ihre Schritte. "Dole, was hast du getan?" Sie trat nun langsam an ihre Geliebte heran, die beschämt ihrem prüfenden Blick auswich. "Verzeih mir Mari, aber so konnte es nicht weitergehen", gestand Dolette schuldbewusst. "Kommt ihr, Lady Glutklinge? Oder habt ihr hier noch großartig was zu besprechen?", ließ sich nun Liadrin vernehmen, die einen zornigen Blick von der Priesterin mit einem gehässigen Lächeln registrierte. "Ich werde vor den Stadttoren zu euch stoßen, Mylady", beantwortete Dolette die Frage knapp. Und die Blutritter setzten sich auf ein Nicken der Kommandantin in Gang.
"Wie konntest du das tun?", fragte Marialle erneut und sah ihrer Geliebten tief in die grün schimmernden Augen. "Wie ich gerade sagte, so konnte es nicht weitergehen. Weder war ich in der Lage, meinem Volk beizustehen, noch dich zu beschützen, Mari", erwiderte die Elfe ruhig. Jede impulsive Gefühlsregung, die ihr in den vergangenen Tagen noch so oft entfuhr, war aus dem Gesicht der Paladin verschwunden. Irgendwie schien sie wieder die alte zu sein. Erhaben und beherrscht, aber etwas umgab sie, das der Priesterin eiskalte Schauer über den Rücken jagte. Eine gewisse Ausdruckslosigkeit lag auf den makellosen Zügen. "Aber du hast nun all deine Prinzipien über den Haufen geworfen, Dole!", sprach Marialle aufgebracht und atemlos auf sie ein. "Mari, bitte beruhige dich. Ich verstehe, dass es dir missfällt, aber ich habe mich schon einmal, aus eigener Kraft, aus den Fängen meiner Sucht befreit. Ich werde es auch ein weiteres Mal schaffen, wenn meine Leute auch so weit sind. Vielleicht kann ich so etwas bewirken." In ihrer Stimme lag eine Entschlossenheit, der sich die Priesterin nur äußerst schwer entziehen konnte, aber das schlechte Gefühl blieb.
"Ich habe Angst, Dole. Angst, dass ich dich verliere. Du bist irgendwie so anders", erklärte Marialle und sie spürte, wie ihr Tränen in die Augen traten. "Mari, auch wir Blutelfen haben ein Herz und ganz egal was passiert, wer und was ich bin, lieben werde ich dich immer!" Die Menschenfrau war überrascht, dass Dolette sich zu den Sin'dorei zählte. Sie hatte sich wirklich verändert, doch als sie von ihr in eine sanfte Umarmung gezogen wurde, spürte sie die vertraute Wärme, die die Paladin noch immer ausstrahlte. Sie küsste die Priesterin noch zärtlich auf die Stirn, bevor sie sich von ihr löste.
"Schick die anderen nach Hause, Liebste. Sie können sich hier leider eh nicht frei bewegen und sind deshalb auch keine Hilfe. Dann sollten sie sich lieber ihrem Urlaub widmen. Ich werde versuchen, Liadrin davon zu überzeugen, dich auf die Streifzüge gegen die Geißel mitzunehmen. Wenn ich hier etwas ausrichten will, dann brauche ich dich, Liebste." Marialle nickte abwesend und Dolette schenkte ihr ein strahlendes Lächeln, bevor sie losstürmte, um den Blutrittern zu folgen. Die Priesterin blieb zurück und starrte ihr verwirrt und fassungslos hinterher. Als sie sich noch mal umdrehte, um ihr gut gelaunt zuzuwinken und noch einmal verspielt zu zwinkern, überkam Marialle eine dunkle Vorahnung.

Die dunkle Ritterin - Staffel 1Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt