Kapitel 34
Nachdem Mona darauf bestanden hat, mit uns in die Kirche zu gehen - und es niemand wagt, mit ihr zu diskutieren - habe ich mit Mühe und Not diese Vorweihnachtsmesse überstanden, ohne einzuschlafen oder sofort als Ketzer beschuldigt und auf einem Scheiterhaufen verbrannt zu werden. Versteht das jetzt nicht falsch - ich glaube ja an Gott, den Beschützer, Schöpfer und Wächter der Welt. Das habe ich hier denke ich auch schon mal erwähnt. Aber Mona und all die anderen Extrem-Christen, die mit einer Bibel auf ihrem Nachtkästchen schlafen, jeden Morgen als erstes ein paar Seiten darin lesen und so gut wie jeden Tag den Rosenkranz beten, werde ich nie verstehen. Woher weiß man überhaupt, dass die Bibel kein x-beliebiger Fantasy-Roman aus der damaligen Zeit ist? Genau so könnten wir theoretisch eine Religion gründen, die auf der Harry Potter-Reihe beruht. Wenn es die nicht sogar schon gibt. Tut mir leid, Gott, aber ich muss mir diese Frage immer wieder stellen. Und dank den Schuldgefühlen, die mich überkommen, während ich das hier heimlich denke, weiß ich, dass ich irgendwie an Gott glaube - auf welche Art auch immer.
Zum Glück hört Mona die Zweifel, die durch meine Gedanken schwirren, nicht - vermutlich würde sie mich sofort in ein Kloster schicken, um mich zu bekehren.
Aber genug davon. Heute ist endlich der 24. Dezember - auch ein Tag, der nur dank unserer Religion als etwas Besonderes gilt. Mir ist sowohl innerlich, als auch äußerlich bitterkalt, während ich nur mit einem Handtuch bekleidet in meinem Zimmer stehe und überlege, was ich anziehen soll. Meine vom Duschen nassen Haare kleben an meiner Haut und fallen in zerzausten Wellen auf meine Schultern herab. Nach weiteren zehn Sekunden wächst die Ungeduld und die Genervtheit über meine Unentschlossenheit enorm, sodass ich schließlich nach den erstbesten Kleidungsstücken greife, die ich in der Kommode sehe - eine hellblaue, bereits etwas verwaschene Bluse und eine einfache Jeanshose. Perfekt.
Für heute hat Audrey einen Ausflug zu einer uralten Kathedrale in irgendeiner Nachbarstadt geplant. Kein Wunder, dass meine Großmutter sofort begeistert davon war. Natürlich sollen wir alle mitkommen, weil es ja schön ist, Zeit mit der Familie zu verbringen und wir alle einander ohnehin so selten sehen. Trotzdem hält sich meine Motivation in Grenzen und wenn ich dürfte, würde ich einfach hier in Wennington bleiben. Aber da Mona wie bei fast allem das Sagen hat, kann ich mich nicht davor drücken. Wenn wenigstens Kyle mitkommen würde, wäre es ja nicht so langweilig, aber auch er verbringt den Tag mit seiner Familie. Verständlicher Weise.
Die letzten paar Jahre hat die Weihnachtszeit bei uns hingegen in etwa so ausgesehen: Dad und ich haben uns so wenig Stress wie möglich aufgehalst und die meisten Stunden teetrinkend, kakaoschlürfend und fernsehend in der Wohnung verbracht. Am 26. Dezember haben uns seine Eltern - Mona und Grandpa - besucht. Um den 28. herum waren wir manchmal kurz bei Paulas Eltern, mit denen ich allerdings schon immer wesentlich weniger zu tun gehabt habe, als mit Mona und Grandpa. Zwischendurch hab ich etwas mit Sophie unternommen und das war auch schon alles.
Aber, dass dieses Jahr alles anders abläuft, war vorhersehbar. Wer sollte auch mit mir allein in der Wohnung bleiben und sich lauter Weihnachtsfilme mit mir ansehen, wenn Dad nicht mehr da ist?
Mona hat übrigens die unausgesprochene und ebenso wenig niedergeschriebene Regel aufgestellt, dass niemand ihren Sohn auch nur beim Namen nennen oder irgendwelche Andeutungen zu ihm - Lucas Jered, meinem Vater - machen darf. Obwohl sie so gesprächig ist, kann sie doch auch vieles für sich behalten, vor allem, wenn sie weiß, dass es ihr selbst oder uns allen schaden würde. Ganz nach dem Motto: Keine Schwäche zeigen, keine Schwäche zulassen.
Das ist sie: Mona Jered, die starke Frau, die diese Familie manchmal so anführt und beschützt, als hätte ihr Leben keinen anderen Sinn.
„Chloe? Bist du fertig? Wir müssen bald los", höre ich Audrey im Flur rufen, während sie an meine Zimmertür klopft.
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Sternträumerin
غموض / إثارة"Hoffnung ist nichts weiter als der jämmerliche, verzweifelte Wunsch, dass sich die Dinge doch noch zum Guten wenden. Manchmal ist es die Hoffnung, die dafür sorgt, dass wir am Leben bleiben und nicht ganz den Verstand verlieren. Aber viel zu oft wi...
