Kapitel 26

1 0 0
                                        


Der Winter hat die Stadt fest im Griff, und während die ersten Schneeflocken langsam vom Himmel fallen, hat sich eine besondere Stille über den Campus gelegt. Die Hektik der Prüfungen hat nachgelassen, und viele Studenten haben sich auf den Weg nach Hause gemacht, um die Feiertage zu verbringen. Doch für mich fühlt sich alles immer noch an, als würde ich durch ein Labyrinth aus ungelösten Gefühlen und Gedanken wandern.

Meine beste Freundin Mia ist inzwischen in der Stadt angekommen und hat sich in ihrem neuen Wohnheim eingelebt. Ihre Anwesenheit ist eine willkommene Ablenkung von dem ständigen Gedankenkarussell, das sich um Ryan dreht. Mia hat immer die Fähigkeit gehabt, mich zum Lachen zu bringen und mir eine andere Perspektive zu geben. Doch trotz ihrer fröhlichen Art kann ich nicht verhindern, dass meine Gedanken immer wieder zu Ryan abschweifen – und zu dem, was damals wirklich passiert ist.

Eines Abends, nachdem Mia und ich einen entspannten Tag in der Stadt verbracht haben, erhalte ich eine Nachricht von Ryan. „Emma, ich muss dir etwas Wichtiges sagen. Es geht um das, was damals passiert ist, als das Gerücht über mich und das Mädchen aufkam. Kannst du dich morgen Abend mit mir treffen?“

Die Nachricht lässt mich innehalten. Meine Finger verharren über der Tastatur, während ich überlege, wie ich reagieren soll. Schließlich tippe ich: „Okay, lass uns morgen im Café treffen, um 19 Uhr.“

Am nächsten Abend mache ich mich auf den Weg zum Café, das nur wenige Minuten von meinem Wohnheim entfernt liegt. Die Straßen sind verschneit, und die Lichter der Stadt glitzern durch den aufkommenden Nebel. Es ist ein kalter Abend, aber in mir brodelt ein unruhiges Gefühl.

Als ich das Café betrete, entdecke ich Ryan bereits an einem Tisch in der hinteren Ecke. Er sieht nervös aus, seine Hände umklammern eine Tasse Kaffee, und seine Augen sind leicht gerötet, als hätte er die Nacht nicht geschlafen. Ich atme tief durch, bevor ich mich zu ihm setze.

„Danke, dass du gekommen bist,“ sagt Ryan leise, als ich mich hinsetze. „Es gibt etwas, das ich dir schon lange hätte sagen sollen.“

„Was ist es, Ryan?“ frage ich, und meine Stimme ist ruhig, aber fest. „Was ist damals wirklich passiert?“

Ryan sieht mich einen Moment lang an, als würde er nach den richtigen Worten suchen. Dann beginnt er zu sprechen, seine Stimme zittert leicht vor Emotionen.

„Es tut mir leid, dass ich dir damals nicht die Wahrheit gesagt habe, Emma. Ich war ein Feigling und habe mich vor der Konfrontation gedrückt. Als das Gerücht über mich und das Mädchen – Jessica – aufkam, war ich genauso überrascht wie du. Ich kannte sie kaum, aber plötzlich verbreitete sich dieses Gerücht, dass wir etwas miteinander hätten.“

Ich blicke ihn an, während er spricht, und versuche, die Wahrheit in seinen Worten zu erkennen. „Warum hast du nichts dagegen unternommen? Warum hast du mich nicht einfach aufgeklärt?“

Ryan schließt kurz die Augen und atmet tief durch. „Ich wollte. Ich habe es wirklich versucht. Aber jedes Mal, wenn ich es tun wollte, schien es, als würde es die Situation nur noch schlimmer machen. Und dann habe ich einen Fehler gemacht, Emma. Ich dachte, wenn ich mich zurückziehe, würde es vielleicht von selbst verschwinden. Aber stattdessen hat es alles nur noch schlimmer gemacht. Die Leute haben angefangen, sich mehr auf das Gerücht zu stützen, weil ich mich nicht gewehrt habe.“

Seine Worte treffen mich hart, aber ich zwinge mich, ruhig zu bleiben. „Das war ein schrecklicher Fehler, Ryan. Warum hast du mir das nicht früher gesagt?“

„Weil ich Angst hatte, dich noch mehr zu verletzen,“ antwortet er leise. „Ich wusste nicht, wie ich das wieder gutmachen sollte. Und als ich endlich den Mut gefasst hatte, mit dir zu reden, war es zu spät. Du hattest dich schon von mir abgewandt, und ich war der Meinung, dass ich dich nicht mehr erreichen könnte.“

Ich lasse seine Worte auf mich wirken. Es fühlt sich an, als hätte jemand die Tür zu einem Raum geöffnet, in dem all die alten Gefühle und Unsicherheiten gelagert waren. „Und Jessica?“ frage ich schließlich. „Was war mit ihr?“

„Nichts,“ sagt Ryan fest. „Es gab nie etwas zwischen uns. Das Gerücht war eine Lüge, die außer Kontrolle geraten ist. Jessica hat mir später gesagt, dass sie nichts damit zu tun hatte, dass jemand anderes es in die Welt gesetzt hat. Aber das wusste ich damals nicht.“

Die Wahrheit ist wie ein kalter Schauer, der über mich hinweggeht. Ich erinnere mich daran, wie sehr mich das Gerücht verletzt hatte, wie es die Basis unseres Vertrauens zerstört hatte. Und jetzt, nach all den Jahren, ist es, als würde ich endlich den wahren Grund für den Schmerz erfahren, den ich so lange mit mir herumgetragen habe.

„Warum erzählst du mir das jetzt?“ frage ich und sehe Ryan direkt in die Augen. „Warum erst jetzt, nach all den Jahren?“

„Weil ich es nicht länger mit mir herumtragen kann,“ antwortet er ehrlich. „Weil ich dir die Wahrheit schulde. Und weil ich hoffe, dass wir vielleicht einen Weg finden können, das alles hinter uns zu lassen. Nicht um es zu vergessen, sondern um es zu verstehen.“

Seine Worte lassen mich innehalten. Ein Teil von mir ist wütend – wütend darüber, dass es so lange gedauert hat, diese Wahrheit ans Licht zu bringen. Aber ein anderer Teil von mir ist auch erleichtert. Erleichtert, dass ich endlich weiß, was wirklich passiert ist, und dass Ryan mir gegenüber ehrlich ist.

„Ich weiß nicht, was ich sagen soll, Ryan,“ gebe ich schließlich zu. „Es ist viel, das ich verarbeiten muss.“

„Ich erwarte auch nicht, dass du sofort verzeihen kannst,“ sagt er. „Ich wollte dir einfach die Wahrheit sagen. Ich will, dass du weißt, dass es mir leid tut. Und dass ich hoffe, wir können irgendwann wieder von vorne anfangen – egal in welcher Form.“

Das Gespräch endet nicht in einer Versöhnung, aber es gibt einen Moment des Verständnisses. Wir verabschieden uns höflich, und ich verlasse das Café mit gemischten Gefühlen. Der Schnee unter meinen Füßen knirscht, als ich zurück zum Wohnheim gehe, und in meinem Kopf kreisen die Gedanken.

Als ich schließlich in mein Zimmer zurückkehre, finde ich Mia, die auf ihrem Bett liegt und in einem Buch liest. Sie schaut auf, als ich hereinkomme, und ich kann sehen, dass sie bemerkt hat, dass etwas passiert ist.

„Alles in Ordnung?“ fragt sie besorgt.

Ich nicke, setze mich auf mein Bett und erzähle ihr von dem Treffen. Mia hört geduldig zu, ohne mich zu unterbrechen, und als ich fertig bin, legt sie das Buch beiseite und kommt zu mir herüber.

„Das war sicher nicht leicht für dich,“ sagt sie und legt eine Hand auf meine Schulter. „Aber es klingt, als wäre es ein Schritt in die richtige Richtung gewesen. Du hast endlich die Wahrheit gehört.“

„Ja,“ antworte ich leise. „Aber es gibt noch so viel, das ich verarbeiten muss. Es ist, als ob ich ein Kapitel abschließe, aber gleichzeitig öffnet sich ein neues.“

„Das ist normal,“ sagt Mia beruhigend. „Aber du bist stark, Emma. Egal, wie es weitergeht, du wirst einen Weg finden, damit umzugehen.“

In dieser Nacht liege ich lange wach, während sich die Gedanken in meinem Kopf drehen. Die Wahrheit über Ryan und das, was damals passiert ist, lastet schwer auf mir, aber gleichzeitig fühle ich eine merkwürdige Erleichterung. Es ist, als hätte ich endlich den Schlüssel zu einem verschlossenen Raum gefunden.

Was auch immer die Zukunft bringt, ich weiß, dass ich nicht mehr allein in meinem Labyrinth der Gedanken und Gefühle stehe. Mit Mia an meiner Seite und Ryans Ehrlichkeit als neuen Ausgangspunkt bin ich bereit, die nächsten Schritte zu gehen – egal, wie schwierig sie auch sein mögen.

second chance Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt