Kapitel 34

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Der nächste Morgen brachte eine kühle, klare Brise mit sich, die durch mein offenes Fenster wehte und mich langsam aus dem Schlaf holte. Die Erinnerungen an die letzte Nacht fluteten zurück, als ich mich aufrichtete und mich umsah. Das Gespräch mit Ryan auf der Veranda schien beinahe surreal, als ob es in einem anderen Leben stattgefunden hätte. Und doch war es die Realität, die sich nun in meinem Kopf abspielte.

Ich ließ mich zurück auf das Kissen sinken und starrte an die Decke. Unsere Worte klangen immer noch in meinem Kopf nach. „Schritt für Schritt,“ hatte ich gesagt. Aber was bedeutete das eigentlich? Konnte ich wirklich glauben, dass wir es diesmal anders machen würden? Oder war ich einfach nur naiv, zu denken, dass wir die Fehler der Vergangenheit hinter uns lassen könnten?

Ein Klopfen an meiner Tür riss mich aus meinen Gedanken. „Emma? Bist du wach?“ Mias Stimme klang gedämpft durch die geschlossene Tür.

„Ja, komm rein,“ antwortete ich, während ich mich mühsam aufsetzte und die Decke um mich schlang.

Mia trat ein, einen Becher dampfenden Kaffee in der Hand, und setzte sich mit einem verschwörerischen Lächeln ans Ende meines Bettes. „Na, wie fühlst du dich heute Morgen?“

Ich seufzte und nahm den Becher dankbar entgegen. „Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Es war ein ziemlich verrückter Abend.“

„Das kann man wohl sagen,“ stimmte Mia zu und zog die Beine unter sich, während sie sich bequemer hinsetzte. „Du und Ryan... Also, ich hab ja nicht alles gehört, aber es sah so aus, als hättet ihr endlich ein paar Dinge geklärt.“

Ich nippte an meinem Kaffee und ließ den heißen, bitteren Geschmack durch mich fließen, als würde er mir helfen, einen klaren Kopf zu bekommen. „Wir haben versucht, darüber zu reden, ja. Aber es gibt immer noch so viele ungeklärte Dinge zwischen uns. Ich weiß nicht, ob wir das wirklich hinkriegen.“

Mia legte den Kopf schief und betrachtete mich nachdenklich. „Aber du willst es versuchen, oder? Ich meine, wenn du wirklich glaubst, dass da noch etwas zwischen euch ist, dann solltest du dir selbst die Chance geben, das herauszufinden.“

„Das ist das Problem,“ murmelte ich und drehte den Becher zwischen meinen Händen. „Ich weiß nicht, was ich wirklich fühle. Ein Teil von mir will ihm vertrauen, will glauben, dass wir es schaffen können. Aber der andere Teil von mir erinnert mich ständig daran, wie sehr ich damals verletzt wurde.“

„Das ist völlig normal,“ sagte Mia sanft. „Es wäre seltsam, wenn du jetzt einfach alles vergessen und verzeihen könntest. Aber du solltest dir auch nicht selbst im Weg stehen. Vielleicht musst du Ryan wirklich noch eine Chance geben, dir zu zeigen, dass er es diesmal ernst meint.“

Ich nickte langsam, obwohl ich mir noch nicht sicher war, wie ich das anstellen sollte. „Vielleicht hast du recht. Aber es wird Zeit brauchen.“

Mia lächelte und klopfte mir ermutigend auf die Schulter. „Und die wirst du bekommen. Niemand drängt dich, Entscheidungen zu treffen. Aber hey, wenn du heute etwas Ablenkung brauchst, ich habe gehört, dass sie auf dem Campus heute ein paar Workshops anbieten. Vielleicht könnten wir zusammen hingehen?“

Ich lächelte schwach. „Das klingt gut. Was für Workshops sind das?“

„Oh, ein bisschen von allem,“ erklärte Mia, während sie aufzählte. „Ein Kunstworkshop, einer für Fotografie, dann noch ein Kochkurs und ein Selbstverteidigungstraining. Es soll eine entspannte Atmosphäre sein, perfekt, um einfach mal den Kopf frei zu bekommen.“

„Ich denke, ich könnte etwas davon gebrauchen,“ sagte ich und stand auf, um mich anzuziehen. „Vielleicht probiere ich mal den Fotografie-Workshop. Es wäre schön, mal wieder die Kamera in die Hand zu nehmen.“

„Perfekt!“ Mia sprang auf und begann sich ebenfalls bereit zu machen. „Dann los, bevor die besten Plätze weg sind!“

***

Der Campus war lebendig mit Aktivität, als wir in Richtung der Workshops gingen. Der Himmel war inzwischen strahlend blau, und die Sonne schien warm auf die gepflasterten Wege. Die Luft war erfüllt von den Stimmen der Studenten, die sich auf den Tag freuten. Es war einer dieser seltenen Momente, in denen ich die Gemeinschaft und Energie um mich herum wirklich schätzte.

Wir erreichten den Fotografie-Workshop, der in einem der älteren Gebäude stattfand, und traten ein. Der Raum war hell erleuchtet, und auf langen Tischen lagen Kameras, Laptops und andere Ausrüstungsgegenstände bereit. Eine Gruppe von Studenten hatte sich bereits um den Leiter des Workshops versammelt, der eine Einführung in die Grundlagen der Fotografie gab.

Ich nahm eine Kamera in die Hand und spürte sofort ein vertrautes Gefühl der Ruhe. Es war schon lange her, seit ich das letzte Mal wirklich fotografiert hatte, aber die Erinnerung daran, wie ich durch das Objektiv die Welt betrachtete, kehrte schnell zurück. Es war fast therapeutisch, den Fokus auf etwas anderes zu legen, etwas Kreatives und Greifbares.

Mia warf mir einen zufriedenen Blick zu, als sie neben mir Platz nahm. „Ich wusste, dass dir das gefallen würde.“

Ich lächelte dankbar und nahm mir vor, den Tag wirklich zu genießen, ohne zu viel über alles andere nachzudenken. Der Workshop erwies sich als eine perfekte Ablenkung, und ich verlor mich in den Details der Fotografie, probierte verschiedene Winkel, Lichtverhältnisse und Motive aus. Es war fast, als könnte ich für ein paar Stunden die Realität ausblenden und mich einfach nur auf das konzentrieren, was vor mir lag.

Doch als der Workshop dem Ende zuging und wir unsere Ergebnisse durchgingen, holte mich die Wirklichkeit wieder ein. Die Bilder, die ich gemacht hatte, waren gut – besser, als ich es erwartet hatte – aber in jedem davon schwang eine gewisse Melancholie mit. Vielleicht war es der unterbewusste Ausdruck meiner inneren Unruhe, die sich ihren Weg auf die Bilder bahnte.

„Du hast wirklich ein Auge dafür,“ lobte der Workshop-Leiter, als er eines meiner Bilder betrachtete, das ich von Mia gemacht hatte, als sie in der Sonne lachte. „Du schaffst es, den Moment und die Emotionen einzufangen.“

„Danke,“ murmelte ich, während ich über das Bild strich. Es war ein schöner Moment, aber auch ein flüchtiger. Etwas, das schwer festzuhalten war, genauso wie die Gefühle, die in mir tobten.

Nachdem der Workshop zu Ende war, schlenderten Mia und ich zurück zum Wohnheim. Die Sonne stand tief am Himmel, und die Schatten wurden länger, während der Tag sich dem Ende zuneigte.

„Willst du darüber reden?“ fragte Mia plötzlich, während wir die Stufen zu unserem Wohnheim hinaufstiegen.

Ich wusste genau, was sie meinte. „Ich weiß nicht,“ antwortete ich ehrlich. „Es gibt so vieles, was in meinem Kopf herumspukt, und ich weiß nicht, wie ich es in Worte fassen soll.“

Mia nickte verständnisvoll. „Manchmal hilft es, einfach darüber zu reden, auch wenn man noch keine Lösung hat. Aber wenn du lieber noch etwas Zeit brauchst, ist das auch okay.“

Ich zögerte. „Vielleicht brauche ich wirklich noch Zeit. Aber danke, dass du für mich da bist.“

„Immer,“ sagte Mia mit einem aufmunternden Lächeln. „Und hey, wenn du jemals jemanden zum Reden brauchst, oder einfach nur zum Quatschen über ganz andere Dinge – ich bin hier.“

Wir verbrachten den Rest des Abends damit, uns in mein Zimmer zurückzuziehen, Filme zu schauen und uns über alltägliche Dinge zu unterhalten. Es war eine einfache, aber wohltuende Zeit, und ich fühlte mich tatsächlich ein wenig leichter.

Doch als ich schließlich allein in meinem Bett lag und die Dunkelheit des Zimmers mich umhüllte, kamen die Gedanken zurück. Ryans Worte, seine Entschlossenheit, die Art, wie er meine Hand gehalten hatte – all das ließ mich nicht los.

Ich wusste, dass ich eine Entscheidung treffen musste. Ich konnte nicht ewig in diesem Schwebezustand verharren. Aber es war so viel einfacher, sich in den Ablenkungen des Alltags zu verlieren, als sich den schwierigen Gefühlen zu stellen.

Langsam schloss ich die Augen und atmete tief durch. Schritt für Schritt, hatte ich gesagt. Vielleicht würde ich morgen den nächsten Schritt gehen. Aber heute, zumindest für diesen Moment, ließ ich mich einfach treiben, in der Hoffnung, dass die Zeit mir die Antworten bringen würde, die ich so dringend suchte.

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