Kapitel 27

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Der Morgen beginnt früh, viel zu früh für meinen Geschmack. Das schwache, winterliche Licht kämpft sich durch die Gardinen meines Wohnheimzimmers und verkündet einen neuen Tag, aber in meinem Kopf toben noch immer die Gedanken von gestern. Mia schläft noch, eingekuschelt in ihre Decke, und ich stehe auf, um etwas Abstand zu gewinnen.

Leise ziehe ich mich an und verlasse das Zimmer. Die kalte Luft, die mich draußen auf dem Campus empfängt, ist ein Schock für meine müden Sinne. Der Schnee knirscht unter meinen Stiefeln, während ich ziellos über den fast menschenleeren Campus spaziere. Ich brauche Klarheit, aber sie scheint so fern, wie der Frühling in dieser endlosen Winterlandschaft.

Nach einer Weile finde ich mich in dem kleinen Park wieder, der direkt an den Campus grenzt. Er ist um diese Zeit fast menschenleer, nur vereinzelt laufen Studenten mit gesenktem Kopf durch den Schnee, wahrscheinlich auf dem Weg zu Vorlesungen oder in die Bibliothek. Ich setze mich auf eine Bank, deren Sitzfläche bereits vom Schnee bedeckt ist, und ziehe meine Knie an die Brust. Der Atem formt kleine Wölkchen in der eiskalten Luft, und ich lasse die Stille der Umgebung auf mich wirken.

Ryans Geständnis vom gestrigen Abend lastet schwer auf mir. Er hatte mir erklärt, dass das Gerücht über ihn und dieses Mädchen, Jessica, nicht wahr war. Es war nichts passiert, sagte er. Das Gerücht war aus dem Nichts entstanden, wie ein unheilvoller Schatten, der sich über unsere Beziehung legte. Er dachte, es würde verschwinden, genauso schnell, wie es aufgetaucht war, und als es das nicht tat, hatte er sich zurückgezogen.

Er hatte mich im Stich gelassen.

Die Enttäuschung überkommt mich wieder, als ich an seine Worte zurückdenke. Wie konnte er damals so feige sein? Wie konnte er einfach davonlaufen, anstatt mit mir darüber zu sprechen? Meine Augen brennen, aber ich blinzele die Tränen weg. Ich will nicht weinen, nicht mehr.

Plötzlich klingelt mein Handy und reißt mich aus meinen Gedanken. Es ist Mia.

„Hey, Emma,“ sagt sie sanft. „Wo bist du?“

„Im Park,“ antworte ich leise, als ob meine Stimme den Schnee brechen könnte. „Ich musste einfach raus.“

„Ich verstehe,“ sagt sie und zögert kurz. „Willst du, dass ich zu dir komme?“

Ich überlege kurz, ob ich wirklich Gesellschaft will, und merke dann, dass ich ihre Gegenwart mehr als alles andere brauche. „Ja, das wäre gut.“

„Gib mir zehn Minuten,“ sagt sie und legt auf.

Ich bleibe auf der Bank sitzen, die Kälte durchdringt mittlerweile meine Kleidung, aber das ist mir egal. Die Minuten vergehen langsam, und ich verliere mich wieder in Gedanken. Warum hat Ryan so lange gewartet, um mir die Wahrheit zu sagen? War er wirklich so unsicher? Oder war ihm damals einfach nicht klar, wie sehr er mich verletzen würde?

Mia kommt schließlich, in einen dicken Mantel gehüllt und mit einer Tasse Kaffee in der Hand. Ihre Wangen sind von der Kälte gerötet, aber sie lächelt mich warm an, als sie sich neben mich auf die Bank setzt.

„Ich hab dir einen Kaffee mitgebracht,“ sagt sie und reicht mir den Becher. „Du siehst aus, als könntest du ihn gebrauchen.“

„Danke,“ murmele ich und nehme einen Schluck. Die Wärme breitet sich in meinem Körper aus, während der Kaffee mir hilft, die Kälte und die Schwere in meinem Inneren zu vertreiben.

Mia sieht mich an, ihre Augen voller Verständnis. „Willst du darüber reden?“

Ich atme tief ein und erzähle ihr von meinem Gespräch mit Ryan. Wie er mir gestern Abend die Wahrheit gesagt hat, wie das Gerücht entstanden ist und wie er es einfach zugelassen hat, ohne etwas dagegen zu tun. Mia hört mir schweigend zu, ihre Stirn legt sich in Falten, als sie über meine Worte nachdenkt.

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