Am nächsten Morgen war der Himmel bewölkt, und eine kühle Brise wehte durch die Straßen des Campus, als ich mich auf den Weg zum College machte. Die Schatten der letzten Nacht lagen noch schwer auf meinen Schultern, aber ich hatte beschlossen, den neuen Tag mit einem klaren Kopf anzugehen. Ich zog meine Jacke enger um mich und versuchte, mich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren.
Der Campus war wie immer belebt. Studenten hasteten von einem Gebäude zum nächsten, die Rucksäcke schwer mit Büchern beladen und die Köpfe in Gespräche oder Gedanken vertieft. Es war beruhigend, in der Masse der Menschen unterzugehen, für einen Moment einfach Teil des Getümmels zu sein, ohne dass jemand mich besonders beachtete.
Mein erster Kurs war Literatur, und obwohl ich normalerweise Freude an den Diskussionen über Romane und Gedichte fand, war ich heute seltsam abwesend. Ich saß in der zweiten Reihe, den Kopf auf meine Hand gestützt, und starrte gedankenverloren aus dem Fenster, während der Professor über die Bedeutung von Symbolen in der modernen Literatur sprach. Die Worte flossen an mir vorbei, ohne wirklich zu mir durchzudringen.
Es war nicht so, dass ich kein Interesse an dem Thema hatte – im Gegenteil. Doch meine Gedanken kreisten ständig um Ryan und das Gespräch, das wir geführt hatten. War es wirklich möglich, dass er mich in all den Jahren vermisst hatte? Konnte ich ihm glauben, dass er die Dinge anders sah? Die Unsicherheit nagte an mir, und ich fand keine Antwort.
Als der Kurs zu Ende war, sammelte ich meine Sachen ein und machte mich auf den Weg zur Cafeteria, wo ich mich mit Mia verabredet hatte. Die Cafeteria war, wie immer zu dieser Zeit, gut besucht. Der Geruch von Kaffee, Pommes und allerlei anderen Speisen erfüllte die Luft, und das Summen der Gespräche war fast ohrenbetäubend.
Ich entdeckte Mia an einem der Tische nahe der Fensterfront. Sie winkte mir zu, als sie mich sah, und ich bahnte mir meinen Weg durch die Menge zu ihr. „Hey,“ begrüßte ich sie und ließ mich auf den Stuhl gegenüber von ihr fallen.
„Hey,“ antwortete sie und lächelte. Vor ihr stand ein Teller mit dampfenden Spaghetti Bolognese, die sie gerade kräftig umrührte. „Wie war dein Morgen?“
„Ehrlich gesagt, ein bisschen anstrengend,“ gestand ich und nahm mir ebenfalls einen Teller Nudeln von der Theke. „Ich konnte mich in Literatur überhaupt nicht konzentrieren. Meine Gedanken waren ständig woanders.“
Mia warf mir einen prüfenden Blick zu. „Ich nehme an, du hast wieder über Ryan nachgedacht?“
„Ja,“ gab ich zu, während ich die Nudeln auf meinem Teller verteilte. „Es ist so verwirrend, Mia. Ich meine, ich weiß, dass er es ernst meint, aber... es ist so schwer, die Vergangenheit einfach hinter sich zu lassen.“
Mia nickte verständnisvoll und drehte ihre Gabel in den Nudeln. „Das kann ich verstehen. Es ist normal, dass es Zeit braucht, um über solche Dinge hinwegzukommen. Aber vielleicht solltest du versuchen, dich nicht zu sehr unter Druck zu setzen. Nimm dir die Zeit, die du brauchst, um herauszufinden, was du wirklich willst.“
Ich seufzte und stach mit meiner Gabel in die Nudeln, ohne wirklich Appetit zu haben. „Das ist leichter gesagt als getan. Ich will einfach nicht wieder verletzt werden. Und gleichzeitig... fühle ich mich schuldig, weil ich ihn so lange von mir ferngehalten habe.“
Mia legte ihre Gabel beiseite und sah mich ernst an. „Emma, du hast jedes Recht, vorsichtig zu sein. Aber du solltest dir auch erlauben, zu fühlen, was du fühlst. Es ist okay, verletzt zu sein, aber es ist auch okay, glücklich zu sein. Du musst nur herausfinden, was für dich das Beste ist.“
Ich nickte langsam, obwohl die Zweifel immer noch in mir nagten. „Vielleicht hast du recht. Aber ich weiß einfach nicht, wie ich das herausfinden soll.“
„Schritt für Schritt,“ sagte Mia mit einem sanften Lächeln. „Erinnerst du dich? Du hast es selbst gesagt.“
Ein schwaches Lächeln huschte über mein Gesicht, und ich nippte an meinem Wasser, während ich versuchte, ihre Worte in meinem Kopf zu verankern. „Schritt für Schritt,“ wiederholte ich leise.
Wir aßen eine Weile schweigend weiter, während das geschäftige Treiben in der Cafeteria um uns herumging. Die Nudeln waren eigentlich ziemlich gut, aber mein Magen war immer noch zu verknotet, um viel zu essen. Mia, die das bemerkte, wechselte schließlich das Thema und begann von einem ihrer Kurse zu erzählen, und ich war dankbar für die Ablenkung.
„Also, der Dozent hat heute einen total absurden Text analysiert,“ erzählte sie, ihre Augen leuchteten vor Begeisterung. „Es war, als ob er in den Kopf des Autors geschaut hätte. Wirklich faszinierend!“
Ich schmunzelte bei ihrem Eifer und ließ mich in das Gespräch hineinziehen. Für einen Moment konnte ich die Sorgen beiseite schieben und mich einfach auf Mias Worte konzentrieren. Doch immer wieder schlich sich Ryan in meine Gedanken. Ich versuchte, seine Worte in meinem Kopf zu sortieren, um sie besser zu verstehen.
„Und was ist mit dir?“ fragte Mia plötzlich, als sie bemerkte, dass ich wieder in Gedanken versunken war. „Hast du irgendwelche Pläne für heute Nachmittag?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Nicht wirklich. Vielleicht werde ich mich einfach auf mein Zimmer zurückziehen und ein bisschen lesen. Oder vielleicht gehe ich spazieren, um den Kopf freizubekommen.“
Mia nickte nachdenklich. „Das klingt gut. Aber vielleicht solltest du dir auch ein bisschen Spaß gönnen. Es gibt so viele Möglichkeiten auf dem Campus. Vielleicht könntest du mal wieder ins Fitnessstudio gehen oder einen anderen Workshop besuchen.“
Ich überlegte kurz. „Vielleicht. Ich denke, ich werde es spontan entscheiden.“
Wir beendeten unser Essen, und Mia schien zu spüren, dass ich noch nicht ganz bei der Sache war. „Hör zu, Emma,“ sagte sie schließlich, als wir unsere Tabletts abräumten. „Wenn du jemals reden willst, oder einfach nur jemanden brauchst, der zuhört – ich bin hier.“
„Danke, Mia,“ antwortete ich dankbar und lächelte schwach. „Ich weiß es wirklich zu schätzen.“
„Keine Ursache,“ erwiderte sie und zog mich in eine kurze Umarmung. „Du bist meine beste Freundin. Und ich will nur, dass du glücklich bist.“
„Das will ich auch,“ murmelte ich und spürte einen Kloß in meinem Hals. Es war schwer, meine Gefühle zu ordnen, aber ich wusste, dass ich es versuchen musste. Für mich selbst.
Als wir uns voneinander verabschiedeten und ich mich auf den Weg zurück zum College machte, schien der Tag ein wenig heller. Vielleicht war es der Nebel, der sich langsam verzog, oder die sanfte Wärme der Sonne, die durch die Wolken brach. Vielleicht lag es auch an Mias Worten, die mich ermutigt hatten, nicht aufzugeben.
Doch als ich durch die Flure des Colleges ging und schließlich mein Zimmer erreichte, wusste ich, dass der innere Kampf noch nicht vorbei war. Ich schloss die Tür hinter mir und ließ mich auf das Bett fallen, die Augen geschlossen. In meinem Kopf herrschte immer noch ein Durcheinander aus Gefühlen und Gedanken, die sich nicht so einfach klären ließen.
Ich griff nach einem Buch, in der Hoffnung, dass das Lesen mich ablenken könnte. Doch selbst die Worte auf der Seite konnten mich nicht vollständig einfangen. Die Gespräche mit Ryan, die Erinnerungen an unsere Vergangenheit und die Zweifel über die Zukunft – all das blieb in meinem Hinterkopf.
Und obwohl ich mir vorgenommen hatte, Schritt für Schritt zu gehen, wusste ich, dass dieser Weg nicht einfach sein würde. Es würde Zeit und Geduld erfordern, vielleicht mehr, als ich mir jemals hätte vorstellen können. Aber wenn ich eines gelernt hatte, dann war es, dass die schwierigsten Wege oft zu den wertvollsten Zielen führten.
Und vielleicht, nur vielleicht, war Ryan es wert, diesen Weg zu gehen – egal, wie steinig er war.
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second chance
RomanceEmma und Ryan waren einst unzertrennlich, bis ein schmerzhaftes Missverständnis ihre junge Liebe zerstörte. Drei Jahre später treffen sie sich unerwartet an der Universität wieder. Alte Wunden und Gefühle brechen auf, während sie versuchen, ihre Ver...
