LUNA
Gänsehaut ziert meinen Rücken, als ich merke, wie kalt die Wand ist. Und doch ist diese Wand hinter mir der einzige Halt, den ich gerade habe. Mein Herz schlägt so schwer, dass es mir fast den Atem raubt. Teilweise verdanke ich das der Aufregung. Aber-
Ich schlucke trocken und presse die Lippen aufeinander, als könnte ich die Erniedrigung einfach zurück in mich hineindrücken.
Ich wurde kein Last Face. Nicht ich, aber sie. Stattdessen Valentina — wie immer perfekt, wie immer siegreich. Und ich? Diejenige, die sich wochenlang bemüht die Beste zu sein, an sich arbeitet und mit all dem, was auf mir lastet?
Ich sollte stolz sein, überhaupt hier zu sein. Das sage ich mir. Immer wieder. Aber der Kloß in meinem Hals wird nur größer, je länger ich diesen Gedanken kaue.
Und dann ist da Kyle.
Er steht keine drei Meter entfernt und lacht mit Valentina, als wäre sie der einzige Mensch in diesem Raum. Sein Lächeln — dieses selbstgefällige, das ich früher mochte, als es mir galt — bohrt sich wie ein Dorn in meine Brust. Jede Berührung zwischen ihnen fühlt sich an wie ein Dolchstoß. Ich weiß, dass er mich nur eifersüchtig machen will. Er kennt meine Schwächen. Und er spielt mit ihnen. In mir zieht sich etwas zusammen.
Das Schlimmste daran ist, ich hasse ihn dafür nicht.
Ich hasse mich, weil ich trotzdem hinschaue.
Und dann... Nolan.
Ich sehe ihn gerade nicht, aber ich denke an ihn. Vielleicht weil seine Aura noch in den Fluren hängt. Aber vielleicht auch, weil auch der Anblick Nolans mich an ein altes Lied erinnert, was man eigentlich überspringen sollte, aber es dann doch laufen lässt. Es ist dumm. Ich weiß das. Wirklich.
Er hat mich verletzt, er hat mich betrogen. Und trotzdem fühlten sich die letzten Begegnungen so vertraut an.
Zwischen den beiden bin ich ein Drahtseil, gespannt über einem Abgrund.
Ein Kratzen reißt mich aus meinen Gedanken. Valentina fingert an ihrer Wange, erst vorsichtig, dann immer hektischer. Ihre Bewegungen werden fahriger, bis sie fast schon wild wirkt. Die Röte in ihrem Gesicht breitet sich aus, kleine rote Flecken, die immer intensiver werden. „Was ist los mit dir?" murmelt jemand neben mir, doch bevor ich genauer hinsehen kann, stößt Valentina einen schrillen Laut aus.
„Was zur Hölle ist das?!" Sie starrt in den Spiegel, kratzt jetzt verzweifelt an ihrer Haut. „Das brennt!" Erschrocken weicht Kyle zurück.
Innerhalb von Sekunden befindet sich der Raum in Bewegung. Stylisten stürzen herbei, um sie zu beruhigen. Ich höre Stimmen, Assistenten, unterdrücktes Kichern. Aber Valentina schlägt um sich wie ein Tier, das in die Enge getrieben wurde. Ihre Augen suchen nach einem Schuldigen — und finden mich.
„Du..." Ihre Pupillen weiten sich mit einem gifterfülltem Ausdruck. „Du wolltest das! Du wolltest meinen Platz! Sag schon!"
Mein Herz setzt einen Schlag aus. „Das ist nicht wahr!" Ich trete zurück, doch ihre Worte sitzen wie Haken in meinem Fleisch.
Aber sie hört nicht zu. Sie rastet aus. Laut. Unkontrolliert. Und unerwartet hässlich.
„Du miese-!" Der Rest ihres Satzes geht im Chaos unter. Menschen laufen durcheinander, alles überschlägt sich, die Regie funkt hektisch über Headset.
Dann steht ein Produzent vor mir. Kalt, sachlich, aber mit einem Blick, der keine Widerrede zulässt.
„Luna, du bist Last Face. Du gehst raus. Jetzt."
Die Worte treffen mich wie ein Blitz. Mein Kopf weiß, dass ich das will, nein. Dass ich das verdiene. Ich weiß, dass ich das brauche.
Aber irgendwo tief in mir weiß ich nicht, ob ich gerade gewinne oder in etwas hineinstolpere, dass negative Konsequenzen mit sich zieht. Aber eins weiß ich sicher: dies ist mein Schicksal.
Bevor ich mir weitere Gedanken darüber machen kann, wie alles zustande gekommen sein muss, werde ich von Stylisten in einen abgelegenen Backstagebereich weggezogen und aufgefrischt. Hier ist zum ersten Mal am Tag kein Trubel. Kein Stimmengewirr, keine Musik, nur das dumpfe Brummen der Klimaanlage. Am Schminktisch angekommen, leuchtet kaltes Licht in mein bereits gepudertes Gesicht. Anscheinend ist es aber noch nicht genug.
Zu meinem Unglück klatscht jemand noch mehr von diesem Mehlzeugs auf meine Wangen, Stirn und Kinn. „Atmen", murmelt sie. Ich nicke, auch wenn ich nicht weiß, ob ich es wirklich tue.
Die Tür geht auf.
Ich spüre ihn, bevor ich ihn sehe.
Kyle bleibt im Türrahmen stehen, als wäre er sich selbst nicht sicher, ob er hier richtig ist. Sein Blick trifft meinen und bleibt zu lange hängen. Nicht wie unsere üblichen Augenduells - die haben wenigstens Spaß gemacht - sondern etwas liegt eindeutig in der Luft und kitzelt an meinen Nerven.
Niemand sagt etwas. Die Stille ist unangenehm dicht. „Kann man dir helfen?" entgegnet die Stylistin. „Ich...äh..", beginnt er. Ich sehe weg. Zu viel Nähe. Zu viel, was in den letzten Wochen zwischen uns, ablief. Die schneidende Luft erreicht nun auch die Stylistin.
Sie räuspert sich. „Ich bin gleich fertig."
Kyle lehnt sich an die Wand. Verschränkt die Arme. Beobachtet mich im Spiegel.
Ich hingegen, traue mich gar nicht erst, seinen Blick im Spiegel zu treffen. Und doch...
Vorsichtig schiele ich herüber und sehe einen..oh? Sehe ich etwa besorgten Kyle? Seine Stirn ist in Falten gezogen, er knabbert leicht an seiner Unterlippe. Nervös?
Ich schaue wieder weg, doch mein Blick gleitet ungewollt zu ihm. Und für einen Moment — nur einen — sehe ich nicht Valentina. Nicht das Spiel. Nicht den Trotz.
Sondern ihn. So wie früher.
Die Stylistin geht. Die Tür fällt ins Schloss.
Stille.
„Du siehst gut aus", sagt Kyle schließlich.
Nicht flirtend. Nicht leicht. Eher... ehrlich.
„Tu mir den Gefallen und spiel jetzt nicht den Guten", antworte ich leise.
Sein Kiefer spannt sich an. „Ich spiele gar nichts." Wir sehen uns an. Zu viel Spannung. Keiner macht den ersten Schritt zurück.
„Ich wollte dir nur viel Erfolg wünschen. Herzlichen Glückwunsch zum Last Face." Er will nach meiner Hand greifen, dann klopft es. Ein Assistent ruft meinen Namen.
Erlösung.
Wortlos öffne ich die Tür und folge dem Assistenten ins Unbekannte.
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My Own Stalker
Teen FictionWochenlang kommt er zu spät nach Hause. Wochenlang scheint er nicht mehr dasselbe zu sein. Möchtegern Model Luna und der reiche Geschäftsmann Nolan verbinden schon 3 Jahre. Sie sind das perfekte Paar. Und das seit der High School. Aber als sie erf...
