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NOLAN

Spärliches Licht tänzelt durch die traurig hängenden Vorhänge. Die Pizzakartons der letzten Tage liegen schräg gestapelt auf dem schimmeligen Boden, wobei eine Scheibe leicht aus einen der Pappdinger herausragt. Irgendein Tier macht sich gerade daran zu schaffen.
Guten Appetit, Kollege.

Normalerweise sollte sich ein Parker in einem feinen Fünf-Sterne Hotel die Füße massieren lassen, stattdessen genieße ich den Duft von Pisse und Marihuana im Zimmer eines Motels. Keine Ahnung, seit wann ich zu so einem dreckigen Monster mutiert bin. Ich weiß, dass meine Eltern sich schämen würden, wenn sie wüssten, wo ich mich aufhalte.

Der eine Arm streckt sich in die Höhe, der andere folgt. Nur ungern möchte ich die Bettdecke von mir wegstoßen, aber ich muss aufstehen. Mein Blick fliegt auf die bereits staubigen Monitore. Luna steht fast immer um oder gegen 8 Uhr auf, heißt, dass ich selbst um diese Uhrzeit wach sein muss. Ich darf nach der Sache mit Calvin Klein nichts mehr verpassen. Widerwillig drücke ich meine Arme gegen die Matratze und lehne meinen oberkörperfreien Rücken gegen die fleckige Wand.

Zwei Monate. Zwei ganze Monate sind seit dem Vorfall in Paris vergangen. Ich seufze.
Zwei ganze Monate habe ich Abstand gehalten. Und trotzdem habe ich sie beobachtet, als gäbe es kein Morgen. Abhörgeräte, Trackersysteme und Videokameras sind installiert. Ja, ich habe mich mächtig ins Zeug gelegt. So ein Patzer, wie das Erwischen beim Handy, wird hoffentlich auch nicht mehr vorkommen.

Schon lächerlich, dass ich Jeff fragen musste, ob er mir mit diesen ganzen Technokram helfen könnte, aber mir blieb keine Wahl. Ich habe keine Ahnung von diesen Sachen und er ist der IT-Typ in der Firma. So naiv wie er ist, hat er mir wirklich geglaubt, dass ich einen anderen unfähigen Kollegen ausspionieren muss, sodass er tatsächlich alles Nötige preisgegeben hat, was ich wissen muss.

Solange Lunas Handy nicht ausgeschaltet ist, kann ich immer ihre engelsgleiche Stimme hören. Ihre Chats kann ich immer mitverfolgen,  dadurch dass das Hacken quasi ihr ganzes Handy auf meins teleportiert. Fotos, Videos, Social Media Accounts... - all das und viel mehr. Es gibt leider einen echt nervigen Haken: Ich kann ihre Anrufe nicht mithören, weil der Anrufer ihr Mikrofon blockiert. Aber wenn sie zuhause telefoniert, kann ich sie durch die Kameras verstehen.

Zwei ganze Monate habe ich mich ferngehalten, aber damit ist nun Schluss. Lunas Abfuhr ist Grund genug für mich gewesen, den nächsten Flug nach Hause zu nehmen. Ich habe mehrere Wochen und Energie gebraucht, um den meisterhaften Plan zu erschaffen. Paar Tage, bevor Luna zurückgekehrt ist, habe ich dann die Videokameras in der Wohnung platziert.

12 Kameras in verschiedenen Räumen, in verschiedenen Perspektiven.
Ich sehe, wenn sie auf der Toilette ist.
Ich sehe, wenn sie schlafen geht.
Und ich sehe, wenn sie mit diesem Kyle schreibt.

Ich bin allerdings derjenige, der die Wohnung verlassen hatte. Ich weiß ganz genau, dass sie nicht wusste, wo sie pennen kann. Viele Freunde hat sie nicht, eigentlich hat sie nur mich. Tamilah Steel zähle ich mit Absicht nicht dazu. Tja, und wenn ich Luna beobachten möchte und sie eine Bleibe braucht, ist es wohl für uns beide eine win-win Situation. Dass ich weiterhin die Miete bezahle, ist wohl das Mindeste.

In der Zeit, wo ich ihr die Ruhe erlaubt habe, die sie sich so gewünscht hatte, konnte ich seelenruhig dabei zu sehen, wie ihre Karriere den Bach runter geht.

Seit dem Projekt mit Calvin Klein ist absolute Flaute, obwohl ich mir sicher war, dass es ihren erfolgreichen Karrierestart bedeuten könnte. Selbst ein Kapitän mit bestem Fernglas sieht, dass kein Durchbruch in Sicht ist. Zu dumm, dass kein Kunde an ihr interessiert ist. Die erkennen ihre Talente nicht an.
Von Tag zu Tag wird sie verzweifelter und es zerreißt mir förmlich das Herz, sie so traurig zu sehen.

My Own StalkerWo Geschichten leben. Entdecke jetzt