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LUNA

Der Dunkelheit ist ein weiterer Schatten in der Dämmerung gewachsen, auch wenn sich viele Menschen an mir und Mum vorbei drängeln. Ich verstehe immer noch nicht, wieso wir hier sind. Mehrere Lebewesen atmen trotz meines dicken Rollkragens in meinen Nacken und berühren mich jedes Mal beim Passieren. Nervig.
Der Weihnachtsmarkt im Hyde Park ist genau nicht das, was ich gerade bevorzuge. Ich brauche Ruhe. Keine Kinder, die bei jeder anziehungswürdigen Attraktion vor Freude herumkreischen. Gelangweilt muss ich dabei zusehen, wie Mum ein Geschenk nach dem nächsten kauft, wo hingegen ich es kaum schaffe, mein Mund zu öffnen und heraussprudeln zu lassen, was mich solange bedrückt. Sie sagte, ich solle von vorn beginnen, aber ab wann fing mein Leben an sich gegen mich zu wenden?

Mittlerweile ist es 4 Tage her, dass Kyle und ich im Negativen auseinander geraten sind. Keine Nachricht, kein Anruf. Nicht einmal eine Mail.
Aber mein Ex. Ja, er schreibt mir. Eigentlich so süß, dass er beim richtigen Moment an mich gedacht hatte.

„Du hast ja einen großen Büschel am Kopf!" Darf ich vorstellen? Meine Stylistin.
„Äh, ja." antworte ich. Die gestrigen Geschehnisse distanzieren sich, sobald ich mich im Spiegel näher betrachte. Vor mir liegen 2 leere Kaffeebecher, verschiedene Kammsorten, unterstützt von schmerzhaft hellen Schminktischlichtern. Der Raum ist komplett voll mit anderen Stylisten, Managern, Bodyguards, die aufgeregt kreuz und quer laufen. Models sitzen wie in gitterlosen Zellen auf einem Haufen und werden einzeln geplagt. Okay, ich. Ich werde gerade geplagt.

„Oh dear, und dann noch so viel Volumen. Werde ich jemals damit fertig?" pustet es hinter mir.
„Sicherlich." zucken meine Mundwinkel kurz auf.

Hergott, mein Po leidet auch darunter. Das Glätteisen entfernt seit elenden Stunden meine lockige Haarstruktur und beleidigt sie durch das Auftragen von diesem schleimigen Haargel. Meine Strähnen werden am Ansatz streng zurückgekämmt. Hinten habe ich noch Luft zum Atmen. Dachte ich zumindest.

„Wie kommt es, dass man jemanden wie dich bucht?" Also jetzt-
„Verstehe ich auch nicht so ganz." trällert es von der Seite. Blitzschnell schweift mein Blick nach rechts.
2 Stühle weiter sitzt sie. Aufrecht. Angriffslustig.

Als hätte mir die Göre an meinen Haaren nicht gereicht.
„Valentina, es ist 9 Uhr in der Früh, bitte nerv mich nicht schon jetzt."
„Warum denn? Damit deine aktuellen Augenringe nicht bis zu deinen Wangen reichen?" Ich seufze, doch meine Stylistin prustet los. An meinen Fingerspitzen fängt es tierisch an zu kribbeln. Nicht provozieren lassen, professionell bleiben, nicht provozieren lassen, professionell bleiben,...

Um nicht auf zwei Bitches gleichzeitig das Jagdsignal zu erteilen, verkrampfe ich meine Handgelenke auf der Armlehne und barrikadiere mein Mundwerk. Falls ich ungefiltert sage, was ich denke, würde ich hochkant und ohne meine Sachen rausfliegen.

„Hat es dir etwa die Sprache verschlagen?" Ich zwinge mich selbst, die Barrikaden zu festigen, indem ich sie weiterhin ignoriere. Sie hingegen reizt mich allzu sehr mit ihrem gemeinen Grinsen. Zu meiner Rettung kommt ihre eigene Stylistin herbeigeeilt, die Valentinas losen Zopf öffnet und ihr dasselbe Gel verpasst. Trotz des herumstehenden Lärms empfinde ich dann so etwas Ruhe.

Der Verschluss der Gesichtscreme entrollt aus den Fingern der Stylistin, bevor die helle Kriegsbemalung auf meinem Gesicht energisch eingerieben wird. Ihre Nachbarn links und rechts machen die Geste mechanisch nach. „Du scheinst wirklich sehr relaxt zu sein. Deine Haut ist beneidenswert. Und deine Wangenknochen erst." weht von Valentinas Tisch herüber. Nein, es schleimt herüber, sodass der Zweibeiner auf dem ich sitze, vor lauter Fanbemerkungen wackelt. „Das muss wohl an den letzten Tagen liegen, ich konnte mich in die Arme von jemanden fallen lassen und einfach das Leben genießen." schwärmt sie.

My Own StalkerWo Geschichten leben. Entdecke jetzt