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NOLAN

Du bist nervös. Sehr nervös.
Deine Hände haben seit der Generalprobe die Seitentaschen nicht verlassen und ich wundere mich allmählich, welche Temperatur da unten das Sagen hat.
Du kannst mich nicht direkt ansehen, aber das erledigt jemand anderes für dich. Der Straßenköter neben Miss México fletscht eindeutig seine Zähne, die zu gern jedes Stück von mir zerfleischen würden.

„Habt ihr eure Robe schon an?" Mein Kaffeelöffel rührt sinnlos durch die Milchschicht. „First und Last Face schon, die anderen noch nicht." Nachdem du das aussprichst, nehme ich deine Enttäuschung wahr. Du bist es also nicht geworden. So ein Jammer.

„Ist alles okay?" erkundige ich mich. Du setzt ein falsches Lächeln auf. „Ja."
„Luna.."
„Nein, alles okay. Nächstes Mal schaffe ich es ganz bestimmt. Ich kann mich überhaupt glücklich schätzen, hier mitlaufen zu dürfen." unterbrichst du mich.

Es klingt, als würdest du versuchen, es dir gut zu reden. Wohlwissend dass es dich praktisch ankotzt, erneut gegen deine Konkurrentin verloren zu haben.

„Klar." Ich nicke, als hätte ich dir geglaubt.

Du tust mir nicht leid, Luna. Ich habe gemerkt, dass Mitleid etwas für Fremde ist. Aber bei dir ist es etwas anderes.

Wenn du fallen solltest, dann sorge ich dafür, dass du weich landest. Und wenn du gewinnst, dann nur, weil ich die Würfel gedreht habe. Du wirst mir früher oder später noch dafür danken, für das was ich jetzt tun werde.

Mein Blick huscht zu Valentina, die am anderen Ende des Raumes auf einem Stuhl thront, als hätte sie hier die Krone gepachtet. Die Schminklichter schmeicheln ihr sehr. Zu sehr. Noch.

„Luna, ich will nicht unhöflich sein, aber.." Mir rennt die Zeit davon. Zeit, die ich benötige um meinen nächsten Zug zu machen. Ich deute zum Ausgang Richtung Laufsteg. Und sie kapiert es sofort.

„Ja, geh schon. Wir sehen uns schon iwie." Sie versucht zu lächeln, die Niederlage trotz der Versuche sie aufzumuntern, im Gesicht geschrieben.
„Kopf hoch. Du wirst es heute rocken. Und dann stehen alle Kunden von allein Schlange bei dir." Zaghaft streichen meine Finger ihre Schulter herunter. Luna wagt ein Blick zur Seite, schaut mich wissentlich an und zieht mich in eine Umarmung.

Ich habe nicht damit gerechnet. Nicht nach all den kühlen Blicken und verstoßenden Worten, die mich in den letzten Wochen wie eine eiserne Mauer ausgesperrt hatten.

Deine Arme legen sich um mich, warm, fest – wie früher. Alles verschwimmt, es gibt nur deinen Geruch, der mich wie ein Sog zurück in eine Zeit zieht, in der du noch mir gehört hast. Und dieser Augenblick lässt mich erkennen, dass ich gewonnen habe.

Nicht gegen dich – gegen ihn.
Kyle.

Ich sehe ihn nicht einmal, aber ich spüre, wie er irgendwo in der Nähe ist. Spüre, wie ihm das Blut gefriert, während du ausgerechnet mich berührst.

Streng genommen ist es keine Umarmung. Es ist eine Krönung.
Ein stilles Zeichen, dass du – vielleicht ohne es zu merken – meine Seite wählst.

Aber für mich...
Für mich ist es der Beweis, dass ich immer noch unter deiner Haut bin.

Ich will, dass du merkst, wie leicht du dich in etwas zurückfallen lassen kannst, von dem du glaubst, dich gelöst zu haben.

Ich rühre mich kaum. Will, dass es so lange dauert, wie möglich. Ja, weil ich süchtig nach dir bin, aber auch weil jeder verdammte Herzschlag ein Tritt in Kyles Stolz ist.

My Own StalkerWo Geschichten leben. Entdecke jetzt