Langsam ging ich an den stark befahrenen Straßen Münchens entlang, in der Hand eine kleine Einkaufstüte. Lieber wäre ich geschlurft, jedenfalls hätte ich damit meinen Gemütszustand annähernd perfekt zum Ausdruck bringen können. Die Autos neben mir rasten an mir vorbei und ich hatte das Gefühl, von jedem einzelnen Augenpaar angestarrt zu werden. Ich war ja schon damals in der Schule der Einzelgänger gewesen, der kaum Freunde hatte. Diese Tatsache war vermutlich das Einzige, das ich von damals bis heute beibehalten hatte. Gerade zu Drehschluss merkte ich immer wieder, dass sich nie etwas geändert hatte. Natürlich hatte ich meine Familie und nette Kollegen. Doch wenn Matthias und ich abends mal nichts mehr trinken gingen, stand ich wieder ganz alleine da. War gar nichts mehr. Mein Job gab und nahm mir eben viel. Normale neue Freundschaften, Privatsphäre, Freiheit. Inzwischen war es mir egal, wie viele Fans mich ansprachen, es war doch schon lange nichts Besonderes mehr. Als hätten sie meine Gedanken gelesen, hörte ich hinter mir zwei Mädchen kreischen: „Das ist doch Florian David Fitz! Floriaaaaan!!!". Konnten diese unreifen, lästigen Mädels mich nicht wenigstens siezen. Ich meine... Ich war mindestens 25 Jahre älter als die. Aber es half ja alles nichts. Spot ab: Schwungvoll umdrehen, Lächeln aufsetzen und freundlich klingen. Mit der Zeit fiel mir die ganze gespielte Freundlichkeit immer schwerer. Ich konnte von Glück reden ein so guter Schauspieler zu sein. Normalerweise redete ich nicht so selbstverliebt von mir, aber seit einigen Wochen kam ich ohne diese Selbstkomplimente einfach nicht mehr klar. Momentan reichte mein Können vielleicht gerade noch für eine Daily-Soap. Der ganze Hype rund um meine Person machte mir mehr zu schaffen als ich gedacht hätte und als ich nach außen hin vorgab. So schaffte ich es mal wieder, zwei Fans mit einem gestellten Lächeln zufrieden zu stellen, verabschiedete mich von ihnen und setzte meinen Weg fort. Inzwischen wunderte es mich schon, dass mich niemand auf mein Aussehen ansprach, denn ich sah für meinen Geschmack nicht so blendend aus, wenn ich das überhaupt jemals getan hatte. Ich fühlte mich wie eine Marionette, die solange an den Fäden aufrecht gehalten wurde bis sie außer Sichtweite des Publikums wie ein Häufchen Elend in sich zusammensackte. So geschah es bei mir zu Hause dann auch. Lustlos befreite ich mich von meinen Schuhe, schmiss sie in eine Ecke des Raumes. Meine aufrechte Haltung verschwand, mein zufriedener Gesichtsausdruck, die selbstbewusste Gangart. Auch wenn ich schon so selten wie möglich vor die Tür ging: Jeder Einkauf gestaltete sich als eine immer schlimmer werdende Hölle für meine Gefühle und zog mich wieder ein Stück tiefer. Wie in Zeitlupe ließ ich mich auf die Couch sinken und wieder einmal wurde mir vor Augen geführt, dass ich dringend eine Auszeit brauchte. Erschöpft legte ich meinen Kopf in den Nacken und stieß alle Luft meiner Lunge aus. Mein Handy klingelte. Bestimmt wieder nur so ein Klatschmagazin. Ich ignorierte den Ton, blendete das nervenaufreibende Klingeln komplett aus und merkte so gar nicht, dass es irgendwann vollends verstummte. Nach einer Weile völliger Stille verspürte ich den unschönen Drang nach Alkohol. Ich wollte alles vergessen, mich in meinen vier Wänden vergraben und nie wieder in die Öffentlichkeit gehen. Es würde doch sowieso niemanden interessieren. Die Fans würden vermutlich davon ausgehen, ich wäre im Urlaub und würde mir eine Auszeit mit Freunden nehmen. Doch nicht mal für solch eine simple Reise hatte ich die Kraft, geschweige denn die Freunde. Mühevoll raffte ich mich von dem Sofa auf und legte den kurzen Weg bis zur Küche in einer Zeitlupen-Rekordzeit zurück. Mit ebenso langsamen Bewegungen legte ich meinen Einkauf in den nur übersichtlich gefühlten Kühlschrank. Die mir sonst so wichtige Ordnung beachtete ich nicht wirklich. Um genau zu sein, schmiss ich die Sachen einfach wahllos in die Fächer. In der Hoffnung, sie würden mir beim nächsten Mal nicht entgegenfallen. Während ich die Kühlschranktür schloss, griff ich noch nach der vorletzten Flasche Bier und platzierte mich wieder auf dem Sofa. In meine freie Hand nahm ich mein Handy und fuhr tatsächlich etwas zusammen als ich sah, wer mich schon mehrmals versucht hatte anzurufen. Ein Wunder, dass ich überhaupt noch über Reaktionen verfügte. Auf dem dunkel eingestellten Display war der Name Diana zu lesen und ich war beinahe nicht in der Lage zu glauben, dass es sich um DIE Diana handelte. Die, die ich schon seit dem Dreh für Doctor's Diary als sehr gute Freundin gewonnen hatte. Wobei ich mir nicht so sicher war, ob sie mir wirklich nicht doch noch etwas mehr bedeutete. Meine Unsicherheit ihr gegenüber reichte jedenfalls schon so weit, dass ich stark mit der Entscheidung zwischen Zurückrufen und Nicht-Zurückrufen zu kämpfen hatte. Als ich mich doch endlich dazu durchringen konnte, war ich stolz auf meine Entscheidungsstärke. Ok, vermutlich kam diese nur durch meinen abendlichen Alkoholkonsum, der inzwischen schon aus meinen letzten zwei Flaschen Bier und einer halben Flasche Vodka bestand, aber das musste ja niemand wissen.
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Soll ich mal pusten? (Florian David Fitz FF)
FanfictionBist du schon mal durch eine Stadt gelaufen, in der Hoffnung du würdest eine Person treffen? Du suchst nach jemand ganz bestimmten, dessen Leben du meinst in- und auswendig zu kennen, der dich aber vielleicht noch nie gesehen hat, der nicht einmal v...