Kapitel Vierundzwanzig - Auf die Plätze, ...

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Gernervt drehte ich mich weg und ging dorthin, wo die meisten Menschen waren. Ich hielt es für wahrscheinlich, dass es dort in den nächsten Minuten losgehen würde. War schon etwas komisch hier. Niemand scherte sich auch nur im geringsten um die Schauspieler. Das kleine Grüppchen, auf das ich zuging, tuschelte eng beieiander und irgendwie hatte ich ein mulmiges Gefühl bei der Sache. Aber wahrscheinlich war das immer so, wenn ein Dreh nicht besonders groß war. Ehrlich gesagt erinnerte ich mich nur schwammig an die Zeiten vor Doctor's Diary. Weniger große Sets, kleinere Aufbauten, weniger Aufwand. Schon ganz schön, bei dem Gedanken. "Tut mir total leid. Habt ihr schon gewartet? Ich musste noch  einen Babysitter organisieren." Die Stimme hinter mir erinnerte mich an Diana. Ich hatte schon totale Wahnvorstellungen bei einem kurzen Gedanken an Doctor's Diary. Um den Gedanken schnell loszuwerden, drehte ich mich rasch um. Und erstarrte. In etwa einer Armlänge Entferung stand Diana vor mir und urplötzlich fing mein Herz an zu schlagen, als würde mich eine Horde Bienen verfolgen. Wie hatte ich glauben können, dass all das mit einer SMS getan sein würde? Abhakt und aus meinem Leben verschwunden. Ich wollte es mir selbst nicht eingestehen, aber das würde mir nie gelingen. Viel wichtiger war jetzt aber, warum Diana hier war. Was sie hier machte und wie sie dazu kam. Unsere Blicke sprachen wahrscheinlich Bände, aber niemand schien sich auch nur in der geringsten Form für unser doch schon merkwürdiges Verhalten zu interessieren. "Nein, alles gut. Wir sind sowieso noch nicht fertig. Lass dich in Ruhe fertig machen." Das war doch hier alles total unseriös. Ich fragte mich schon wieder, was ich hier überhaupt machte. Wie konnte es sein, dass so eine kleine Produktionsfirma zwei recht große Schauspieler buchte und dann noch einen dermaßen vertrauensunwürdigen Eindruck machte? In mir fingen die Emotionen an, zu brodeln. Ich kochte und das nicht gerade wenig. Das gute Gefühl, das ich mit Diana verband, war schlagartig verflogen und ich war voll von Wut. Wut und Hass auf die Leute, die mir das hier eingebrockt hatten. Ich hätte ein unbeschwertes Leben mit Mariella führen können. Hätte früher oder später mit ihr eine Familie gegründet und wäre glücklich geworden. Aber so? Wenn man immer wieder an Vergangenes zurückerinnert wird, kann man doch nicht damit abschließen. Oder besteht die eigentlich Aufgabe darin, so viel an vergangene Zeiten zu denken, bis sie nicht mehr wehtun? Ich entschied mich heute für ein klares Nein und stürmte auf den Aufnahmeleiter zu. "Ich mach das nicht." sagte ich noch im Gehen und fühlte mich dabei wie eine stereotypische Witzfigur aus dem Fernsehen, die mit Sicherheit nie etwas erreichen würde. Aber das war mir egal. Ich hatte meine ganze Energie gebündelt, um den aufgeblasenen Typen hier mal ordentlich Luft zu machen. Meine Euphorie wurde sehr schnell gedämpft als ich mich einem völlig veränderten Mann gegenüberfand. Er ernüchterte meine Stimmung sofort, denn aus dem Vertrag kam ich jetzt nicht mehr heraus. Ehrlich gesagt hatte ich diesen auch nicht wirklich gründlich gelesen. Mein Kumpel hatte mir schließlich versichert, dass alles in Ordnung gehen würde. "Ich werde mich hier in nichts hineinzwängen lassen, wo ich nicht dahinterstehe. Tschuldigung." sagte ich bestimmt, machte auf dem Absatz kehrt und setzte meinen Stechschritt fort. Auch dieses Mal wurde ich dabei unterbrochen. "Sie können jetzt nicht gehen." seine Miene wurde immer ernster und wütender. "Wenn die Werbung bei den Kunden nicht zieht, können sie sich auf eine saftige Strafe freuen." In seinem hässlich nordischen Dialekt und auf eine gewollt coole Art versuchte er mir Angst zu machen und wurde mir immer unsympatischer. "Ich werde genau jetzt gehen." Er überschritt eine Grenze, die man nicht zu überschreiten hatte. "Sie gehen nirgendwo hin. Wir brauchen Sie und wie hoch eine Geldstrafe bei Vertragsbruch ist, wollen Sie gar nicht wissen." Klasse, ich würde dazu gezwungen werden, hier zu bleiben. Wortlos wendete ich mich von dem Aufnahmeleiter ab. Unfassbar, wie man einen Menschen verarschen konnte. Den Anfang hatte doch schon meine alte Bekanntschaft gemacht. Von wegen: "Endlich hört man sich mal wieder." Besser hätte wohl gepasst "Endlich kann ich dir deinen Erfolg um die Ohren schlagen." Großartig. "Übrigens: Hier ist die überarbeitete Version des Drehbuchs." Mit einem fiesen Grinsen drückte der Mann mir noch ein dünnes Heft in die Hand. Ich überflog es kurz, doch mir fielen vorerst keine großen Änderungen auf und viel Zeit blieb mir auch nicht mehr. "Der Eismann ist noch nicht da. Das heißt wir fangen mit Szene 19 an." schrie der Mann über das ganze Set, mit dem ich eben noch gesprochen hatte. Von unserer Auseinandersetzung hatte niemand etwas mitbekommen, obwohl es mir lieber gewesen wäre, wenn alle von diesem Spiel hier erfahren hätten. In meinem Kopf verknoteten sich schon wieder sämtliche Gedankengänge zu einem einzigen großen Knoten, den ich nie wieder aufbekommen würde. Ich überblätterte einige Seiten in dem Heft. Szene 9, 11, 15. Hektisch blätterte ich weiter und dann fand ich Szene 19. Die neue, veränderte Szene. Schnell ließ ich meinen Blick über die Seite schweifen. Der Abschnitt war vollständig verändert worden. Am Ende ein Kuss. Ohne Worte. Das hier war doch ein abgekartetes Spiel. "Florian, kommst du?" rief der Regisseur mir zu und ich setzte mich langsam in Bewegung. Ich kam mir wieder vor wie eine Marionette. Jemand, der durch die Welt gestoßen wurde. Auf der Suche nach Freiheit. Jemandem, der die Fäden mit aller Gewalt durchriss. Ich hatte bis heute gedacht, ich hätte diesen Jemanden gefunden, doch leider hatte ich mich da gewaltig geirrt. Stattdessen sah ich eine Diana  die mitleidig zu mir sah. Sie bemitleidete nicht nur mich, sondern vor allem auch sich selbst und das nahm ich ihr komplett ab. Eine Kussszene, am ersten Drehtag, mit mir. Ich Vollidiot. Wie hatte ich denken können, dass das hier gut werden würde? Aber da mussten wir alle jetzt durch. Wie würde ich das nur Mariella erklären?

Ich sah Diana tief in die Augen. Ok. Lasset die Spiele beginnen. Ready? No? Steady. Nein, nein, nein, nein, nein! Go! Jajaja, schon gut. Ich bin Kummer gewohnt.

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Heute etwas länger. Ich hoffe es gefällt euch, nach dem ihr in der letzten Woche ja etwas kurz gekommen seid. :) Eine tolle nächste Woche wünsche ich euch <3

Soll ich mal pusten? (Florian David Fitz FF)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt