Wir unterhielten uns noch eine Weile und irgendwie hatte ich es geschafft, unser Gespräch auf etwas angenehmere Themen zu lenken. Es war komisch, aber hier konnte ich alles vergessen. Die Zeit, meine Schwierigkeiten, nervige Termine und vor allem das bedrückende Gefühl, mit allem alleine dazustehen. Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass Diana und ich viele gemeinsame Erfahrungen teilten und dadurch irgendwie auch ähnlich Sichtweisen auf das Leben in der Öffentlichkeit entwickelt hatten. Vermutlich war genau das der Grund dafür, dass ich mich hier so wohlfühlte, aber letztendlich war es egal. Ich konnte für meine Gefühle schlichtweg keinen Platz mehr zwischen Freundschaft und Liebe finden. Das Gespräch verstummte allmählich. Diana gähnte und auch ich musste gestehen, dass ich ziemlich müde war. Ich dachte weiter nach. Wo konnte man unsere Beziehung einordnen? Wie sollte man sich zueinander richtig verhalten, wenn man nicht einmal wusste, was richtig war? Dachte Diana vielleicht genauso wie ich? Unwahrscheinlich. Die Antwort bedrückte mich mehr als ich hätte zugeben können. Na gut, ich war ja nicht umsonst Schauspieler geworden. Gekonnt überspielte ich meinen inneren Konflikt und blickte schweigend auf den Fernseher, den wir nebenbei hatten laufen lassen. Es lief eine Reportage über Möwen. Kein sehr spannendes Thema, ehrlich gesagt. Dennoch fand ich es faszinierend, mit welch einer Hinterlistigkeit die kleinen Viecher trotzdem so leichtfertig aussehen konnten. Spannend war die Sendung nicht gerade, aber immerhin besser als irgendein Liebesfilm mit Happy End. Ich schaute mich im Raum um, auf der Suche nach einer Uhr. Ich fand keine, doch ich vermutete, dass es schon mindestens 23 Uhr sein musste. Bei meiner Suche nach eine Uhr, die mir meine Vermutung hätte bestätigen können, sah ich Diana, die ihren Kopf auf die Armlehne gelegt hatte. Ihr Kopf lag auf ihrem Brustkorb, der sich gleichmäßig hob und senkte. Von hier aus konnte ich ihr Gesicht jetzt nicht mehr sehen, da sie quasi auf der Couch lag. Vorsichtig stand ich auf und bahnte mir einen Weg, vorbei an dem Wohnzimmertisch und einigen Spielzeugautos, Puppen und Buntstiften. Jetzt stand ich an einem Ende des Sofas und blickte sie an. Die Frau, die es immer wieder schaffte, mich zurückzuholen. Zurück in eine Welt, fernab von der Presse und von kreischenden Fans. Nicht nur deshalb hatte sie sich diesen Schlaf jetzt verdient. Sie war so schön. Sogar, wenn sie hier so lag und schlief. Ich schaute Diana noch eine Weile beim Schlafen zu und genoss die Ruhe, die sie ausstrahlte. Außerordentlich darauf bedacht, keine Geräusche zu machen, schlich ich dann ins Bad und machte mich bettfertig. Klick. Licht aus. Langsam ging ich wieder zurück. Diana schlief jetzt tief und fest und hatte sich mit dem Gesicht Richtung Rückenlehne gedreht. Ihre Arme und Beine fest an sich gezogen. Ich konnte ihre Gänsehaut schon von hier aus sehen. Ich nahm mir eine der Decken, die auf dem Sofa lagen und deckte sie behutsam über Dianas kalten Körper. Unter einem leichten Seufzen griff sie nach der Decke und brachte sich erneut in Position. Ich zog noch die Gardinen zu und schaltete den Fernseher aus, bevor ich mich auf das andere Sofa legte und mir die Decke bis zur Nasenspitze zog. Es war das erste Mal seit Wochen, dass ich ohne Schwierigkeiten einschlief. Das jedoch sollte nicht lange anhalten. Irgendwann - ich kann nicht genau sagen, wie spät es war, vielleicht 02:00 Uhr? - wurde ich von einem Weinen geweckt. Ich war wohl sehr sensibel, was Geräusche betraf, jedenfalls deutlich sensibler als Diana, die das vermutlich jede Nacht erlebte. Ohne zu zögern stand ich auf und ging in Lennjas Zimmer. Innerlich hoffte ich, dass Diana noch schlief und ich gönnte ihr diese Ruhe. Die Tür zu Lennjas Zimmer war einen Spalt breit geöffnet und direkt neben dem Rahmen brannte ein kleines Nachtlicht. Es hatte die Form einer kleinen Spinne und wechselte in gleichmäßigen Abständen die Farbe. Das schwache Licht reichte aus, um zu Lennjas Bett zu finden. Inzwischen schluchze sie nur noch unregelmäßig und schaute mich aus ihren mit Tränen gefüllten Augen an. Ich griff über das Gitter und nahm die Kleine samt ihres Schlafsackes und des Schnullers, der neben ihr lag, auf den Arm. "Na, was ist denn hier los?" flüsterte ich und setzte mich dabei auf einen Sessel direkt gegenüber von der Tür. Lennja legte ich in meinen Arm und sie drehte sich sogleich ein Stück zu mir. Mit meiner freien Hand gab ich ihr den Schnuller in die kleinen Fingerchen. "Flurean?" ich erschrak etwas bei dem geschnuschelten Wort, das ich nur ganz leise hatte hören können. Es klang so süß, wie sie meinen Namen vergeblich versuchte auszusprechen. "Sag ruhig Flo. Das ist einfacher. Was ist denn los, du kleine Maus?" sagte ich und hob Lennja noch ein Stück höher, sodass wir ganz leise weiterreden konnten. "Flo.", wisperte sie: "Sagt Mama auch immer." Mein Herz machte einen Sprung und mein Bauch fing an zu kribbeln. Ich lächelte sie an. Langsam fielen ihr die Augen zu. Im Halbschlaf sagte sie noch: "Flo?... Warum ist Papa nie da, wenn ich nicht schlafen kann?" Weiter kam sie nicht, denn sie war wieder in einen dieser kindlich unschuldigen Träume gefallen. Vorsichtig nahm ich sie wieder hoch und trug sie zu ihrem Bett. "Vielleicht denkt er nicht, dass du dich ganz doll darüber freuen würdest. Weißt du, Lennja, wenn man groß ist, weiß man manchmal nicht was richtig ist.", flüsterte ich ihr ins Ohr und legte sie behutsam wieder in ihr Kinderbett. An der Tür drehte ich mich nochmal um. Die Kleine schlief. Vielleicht konnte ich ihr heute das geben, wonach sie sich innerlich sehnte. Ich ließ wieder einen kleinen Spalt der Tür offen und legte mich zurück auf das Sofa. Gedankenverloren schloss ich die Augen. Freundschaft oder Liebe?
Tja, wenn man groß ist, weiß man manchmal einfach nicht, was richtig ist.
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Soll ich mal pusten? (Florian David Fitz FF)
FanfictionBist du schon mal durch eine Stadt gelaufen, in der Hoffnung du würdest eine Person treffen? Du suchst nach jemand ganz bestimmten, dessen Leben du meinst in- und auswendig zu kennen, der dich aber vielleicht noch nie gesehen hat, der nicht einmal v...