Natürlich wusste ich es nicht. Was wusste ich schon? Gewollt langsam schlich ich zur Haustür und nahm die Pizza entgegen. Ich spürte förmlich wie kreidebleich mein Gesicht war. Wäre jetzt Halloween, hätte ich als Geist gehen können und niemand hätte gemerkt, dass ich nicht einmal geschminkt war. In einer merkwürdigen Art von Zeitlupe schloss ich die Tür hinter dem Lieferanten. Ebenso langsam drehte ich mich um und ging zurück in den Wohnbereich. Mariella saß da und schaute verbissen auf ihre Fingernägel. Sie waren in einem dezenten Weinrot lackiert und funkelten in dem gedämmten Licht des Raumes. Wortlos ging ich in die offene Küche, die sich direkt an das Wohnzimmer anschloss. Es herrschte eine unbeschreibliche Stille. Eine eher unangenehme als beruhigende Stille. Niemand von uns wusste so recht, wie er sich nun zu verhalten hatte. Es war doch ein Fehler gewesen. Wir kannten uns doch noch gar nicht richtig. Während ich diesen Gedanken weiterführte, griff ich in den Geschirrschrank und holte zwei Teller heraus. Ohne weiter darüber nachzudenken, verfrachtete ich die Pizzen darauf, nahm das fertige „Gericht" und kehrte stumm auf die Couch zurück. Inzwischen war die Playlist wieder bei Songs angekommen, die die Situation etwas einspannten. Hoffte ich jedenfalls. Ich hatte das Gefühl, meine Flucht hierher ans Meer bewirkte genau das Gegenteil von dem, was ich eigentlich hatte erreichen wollen. Statt einem friedlichen Abschalten der Welt, war mein Gefühlschaos jetzt perfekt. Mariella saß neben mir. Stumm und verlegen. Jetzt war ich mir sicher. Sie hatte das nicht gewollt und wenn ich ehrlich war, wusste auch ich nicht, was mich da geritten hatte. Aber langsam fing ich an Mariella sehr zu mögen. Vielleicht auch etwas mehr als das. Mit meinen Fingerspitzen schob ich ihr einen der Teller entgegen und schaute sie heimlich von der Seite an. Sie schenkte mir nicht die geringste Aufmerksamkeit, starrte nur den Teller an, bevor sie danach griff und ihn auf ihren Oberschenkeln platzierte. Na super. Ich hoffte immer noch, dass ich ihr Verhalten falsch deutete, aber ich denke nach einer ganzen Pizza schweigen, konnte ich mir sehr sicher sein, dass ich vollkommen entgegen ihrer Vorstellungen gehandelt hatte. Aber wäre sie dann nicht schon lange weg gewesen? Ich entschied mich diesmal für die offensive Variante „Warum gehst du nicht einfach, wenn dir das nicht passt?" Ok. Rot. Rot. Rot. Die Alarmglocken in meinem Kopf schellten sofort als ich diesen Satz ausgesprochen hatte und auch Mariella blickte mich an wie ein angeschossenes Reh. „Ok, ok. So war das nicht gemeint. Ich frage mich nur,..." ich legte ein Bein auf die Couch und setzte mich auf meinen Fuß, sodass ich sie jetzt genau beobachten konnte. „... warum du immer noch bei mir bleibst, obwohl ich es eigentlich schon lange verbockt habe." ich versuchte so einfühlsam wie möglich zu klingen und meinen Gefühlen den bestmöglichen Ausdruck zu verleihen. Gleichzeitig sah ich Mariella tief in die Augen. Verlor mich in ihnen und hoffte, dass diese irrsinnig interessante Frau bald irgendetwas antworten würde. „Weil..." sie zögerte. „Weil ich dich ganz gern habe." stammelte sie verlegen und richtete ihren Blick rasch erneut auf ihre Hände. Mein Herz machte einen kleinen Sprung und ließ einige kleine Schmetterlinge in meine Bauchregion frei. Sie war so zierlich und ehrlich. Verzaubert schaute ich sie an. Einige Haarsträhnen hingen ihr ins Gesicht. Behutsam rückte ich näher und strich sie hinter ihre Ohren. Mariella trug goldene Creolen, die sie unheimlich elegant wirken ließen. Langsam drehte sie ihren Kopf in meine Richtung und fasste nach meiner Hand die noch an ihrer Wange lag. Sie strich kurz darüber und blickte mich verdrossen an. „Ich bin doch viel zu jung für dich. Ich meine, was sollen die Leute denken, wenn sie uns sehen." ängstlich entzog sie sich meiner Berührung. „Lass doch die Leute. Das hat die gar nicht zu interessieren." eindringlich redete ich auf sie ein, doch sie kannte das nicht. Dieses ständige gesehen werden, sich damit abzufinden, dass es viele Leute, gab, die vor Hass nahezu platzten. „Aber, was ist, wenn..." „Psss..." ich unterbrach sie nur ungern, aber ich konnte mir nicht mit ansehen, wie sie sich in eine noch größere Angst hineinredete. „Vertrau mir." Sollte ich es noch einmal wagen? Ich drehte ihr Gesicht mir einer Hand zu mir. Langsam näherte ich mich ihren Lippen. Wollte wieder dieses zarte Gefühl spüren können. Der Beschützer eines ängstlichen Mädchens sein. Ehe ich die Initiative ergreifen konnte, spürte ich Mariellas Zärtlichkeit in geballter Form. Ich schloss die Augen und ließ den Kuss auf mich wirken. Es war so etwas Besonderes, ganz anders als diese technischen Filmküsse. Und trotzdem glich der Moment einem perfekten Film. Diesem typischen Happy End, von dem ich eigentlich noch nie etwas gehalten hatte. Doch vielleicht sollte das hier mein Happy End werden. Oder zumindest der Anfang eines glücklichen Endes.
Mariella stand in der Tür. „Tschüß." sagte ich mit starrem Blick auf meine Füße. Wie sollte man sich jetzt verhalten? Ich winkte bescheiden, obwohl sie noch direkt vor mir stand. Was war das zwischen uns? Sie schaute mich an und machte eine Geste, die andeutete, dass sie mich zum Abschied umarmen wollte. Versteckt erleichtert nahm ich sie in den Arm. Ich wollte sie nicht gehen lassen. Nicht jetzt. Behutsam nahm ich ihr Gesicht in meine Hände. „Komm gut nach Hause." flüsterte ich und hauchte ihr einen Kuss auf die Lippen. Es blitzte kurz. Nicht nur in mir, sondern auch in meinem Augenwinkel. Ich hatte das Gefühl eine Sternschnuppe würde in diesem Moment nur für uns vom Himmel fallen. Was sollte das auch sonst gewesen sein?
Lächelnd schaute sie mich an, bevor sie sich umdrehte und ging.
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Soll ich mal pusten? (Florian David Fitz FF)
FanfictionBist du schon mal durch eine Stadt gelaufen, in der Hoffnung du würdest eine Person treffen? Du suchst nach jemand ganz bestimmten, dessen Leben du meinst in- und auswendig zu kennen, der dich aber vielleicht noch nie gesehen hat, der nicht einmal v...